Landwirtschaft

Das Eintagsküken soll nicht sterben

Von Thorsten Winter, Frankfurt
18.09.2014
, 11:00
Männlein oder Weiblein? Eine Geschlechtsbestimmung im Ei soll das routinemäßige Töten von Küken verhindern.
Für männliche Küken haben Brütereien keine Abnehmer und töten sie zuhauf. In einem südhessischen Betrieb soll damit nun Schluss sein, verlangt Hessens Umweltministerin Hinz.
ANZEIGE

Aus männlichen Küken werden niemals Legehennen. Weil aber die Kundschaft von professionellen Brütereien nur weiblichen Hühner-Nachwuchs will, werden männliche Tiere zuhauf routinemäßig getötet – gleich nach dem Schlupf. Das ist auch in Hessen bisher geschehen, in einer Brüterei im Landkreis Darmstadt-Dieburg. In Zukunft sollen in dem Betrieb aber keine männlichen Eintagsküken mehr den Tod finden, wenn es nach dem Willen der Behörden geht. Das Landratsamt hat der Brüterei LSL-Rhein-Main in Dieburg per Verfügung klare Vorgaben gemacht, wie es den Betriebsablauf zu ändern habe.

ANZEIGE

Derzeit läuft die Frist, in der sich das Unternehmen zu den Auflagen äußern kann. Aber für Hessens Landwirtschaftsministerin Priska Hinz (Die Grünen) ist der Fall schon klar: „Tierschutz darf nicht länger der reinen Wirtschaftlichkeit untergeordnet werden. Eine landwirtschaftliche Produktionsform, bei der die Hälfte der Jungtiere systembedingt getötet wird, ist völlig inakzeptabel.“

40 Millionen Eintagsküken jährlich getötet

Wie es in ihrem Ministerium heißt, hat die „extreme Leistungszucht“ in der Geflügelwirtschaft dazu geführt, dass Hühner mit hoher Legeleistung sowie Masttiere mit hohem Brustfleischanteil eingesetzt werden. Da die männlichen Küken der Legelinien nur wenig Fleisch ansetzten, argumentiere die Geflügelwirtschaft damit, dass sich deren Mast nicht lohne. Aus diesem Grund würden gesunde männliche Küken routinemäßig umgehend getötet. Nach Angaben des Ministeriums finden in Deutschland etwa 40 Millionen Eintagsküken nach dem Schlupf den Tod. „Früher wurden die Küken überwiegend wie Müll entsorgt, heute werden sie zu einem gewissen Teil verfüttert.“

Die vom Landratsamt des Kreises Darmstadt-Dieburg nun ins Visier genommene Brüterei sei eine der größten in Deutschland. 15 Millionen Küken seien dort bisher jährlich getötet worden. Die hessische Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin spricht von zwölf Millionen. Durch eine technische Alternative, mit der das Geschlecht schon vor dem Schlupf bestimmen werden kann, soll dies künftig nicht mehr geschehen, wie es in Wiesbaden weiter heißt. „Dafür muss das Unternehmen ein Konzept erarbeiten und den zuständigen Stellen vorlegen“, so Hinz. Die Brüterei ist nach eigenen Angaben interessiert daran, ein Verfahren zur Geschlechtsbestimmung zu entwickeln. Sie sei seit Jahren an einem Forschungsprojekt mit dem Land Hessen und den Universitäten Jena und Leipzig beteiligt, auch finanziell.

ANZEIGE

Tierschutzbeauftragte Martin hatte sich schon in ihrem Jahresbericht 2013 in dieser Sache geäußert und die millionenfache Tötung angeprangert: Für dieses Vorgehen – die Küken würden meist mit Gas getötet – gebe es keinen vernünftigen Grund. Außerdem forderte sie die schwarz-grüne Landesregierung in Wiesbaden auf, dem Beispiel von Nordrhein-Westfalen zu folgen. Die Regierung in Düsseldorf hatte kurz vor Weihnachten vergangenen Jahres verboten, Eintagsküken durch den Einsatz von Gas zu töten. Anlass des Vorstoßes ist eine neue Rechtsauffassung der Staatsanwaltschaft Münster, die das Töten männlicher Eintagsküken als tierschutzwidrig ansieht. „Tiere sind Lebewesen und keine Abfallprodukte landwirtschaftlicher Produktionsprozesse“, sagte Landwirtschaftsminister Johannes Remmel (Die Grünen) zur Begründung des geplanten Verbots.

Nordrhein-Westfalen hat mit diesem Vorgehen eine Vorreiterrolle unter den Bundesländern. Das Land wollte den Brütereien eine Übergangsfrist von einem Jahr geben und das Verbot zum Januar 2015 einführen. Allerdings klagen Brütereien auf dem Verwaltungsgerichtsweg gegen die neuen Auflagen. Insgesamt lägen elf Klagen vor. Die Klagen seien gebündelt worden, Gerichtsbeschlüsse lägen aber noch nicht vor. Deshalb ist nach den Worten eines Sprechers des Landwirtschaftsministeriums in Düsseldorf noch unklar, wann das Verbot frühestens in Kraft treten kann. Zumal die Landesregierung an der Übergangsfrist von einem Jahr festhalten wolle.

ANZEIGE

„Die massenhafte Tötung männlicher Eintagsküken wird in Hessen keine Zukunft haben“, zeigt sich Ministerin Hinz in Wiesbaden gleichwohl sicher. Aus Sicht des Ministeriums lässt sich das Problem auf zweierlei Weise lösen. Eine Möglichkeit sei die Erforschung einer technischen Methode, die eine Geschlechtsbestimmung im Ei in der ersten Hälfte der Bebrütung ermöglicht – grob vergleichbar mit einer Fruchtwasseruntersuchung bei Schwangeren. Hessens Tierschutzbeauftragte habe schon 2005 diesen Weg aufgewiesen und Universitäten bei entsprechenden Forschungen mit Geld unterstützt. „Wie eine neue Veröffentlichung der Uni Leipzig zeigt, führte diese Forschung zu vielversprechenden Ergebnissen, dass technische Alternativen, die eine zuverlässige Geschlechtsbestimmung im Hühnerei zulassen, in greifbare Nähe gerückt sind“, heißt es im Ministerium.

Zweitens schwebt Hinz die Züchtung sogenannter Zweinutzungsrassen vor, die für die Eierproduktion und die Mast geeignet seien. In diesen Fällen erübrige sich eine Auslese nach Geschlecht. Der Haken: „Die Zuchtergebnisse sind bislang für den breiten Markt nicht ausreichend“, gesteht das Ministerium ein.

Die Tötung der Küken ist nicht allein auf die konventionelle Erzeugung beschränkt, sie betrifft gleichermaßen die ökologisch wirtschaftenden Geflügelbetriebe, wie es dazu beim Zentralverband der deutschen Geflügelwirtschaft heißt. Die Branche sei „bemüht, Alternativen zu dieser praktizierten zielgerichteten Verwertung der männlichen Küken zu finden“. Ansätze solcher Alternativen seien die vom Land Hessen angesprochene Geschlechtserkennung im Ei, die zwar im Labormaßstab funktioniere, in der Praxis aber noch nicht umfassend anwendbar sei. Ein sofortiges generelles Tötungsverbot würde die Brütereien vor erhebliche Probleme stellen. In der Folge könnten Betriebe in andere Staaten abwandern. Einstweilen sei das Töten männlicher Küken „unverzichtbar“.

Der hessische Bauernverband geht jedoch davon aus, dass die Geschlechtsfrüherkennung gegen Ende dieses Jahres praxisreif sein werde. „Dann wird sich die Wirtschaft dieser Technologie bestimmt nicht verschließen“, meint der Verband. Bei LSL heißt es dazu: „Sobald eine Lösung zur Geschlechtsbestimmung im Ei vorliegt, die LSL erwerben und im routinemäßigen Betrieb einsetzen kann, wird sie das Verfahren anwenden.“

Auch Berlin will Tierschutz verbessern

Nicht zuletzt wegen der massenhaften Tötung männlicher Eintagsküken will Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) den Tierschutz verbessern. Die Haltungsbedingungen müssten stärker den Bedürfnissen der Tiere entsprechen, sagte er am Mittwoch in Berlin. Auf den Weg gebracht werden sollen unter anderem ein Ausstieg aus Massentötungen männlicher Küken und ein Ende des Schnabelkürzens bei Hühnern. Der Minister setzt zunächst auf freiwillige Lösungen mit Bauern und anderen landwirtschaftlichen Betrieben. Gebe es nach zwei Jahren keine Fortschritte, solle es gesetzliche Vorgaben geben.

Das hessische Landwirtschaftsministerium heißt die Richtung des Vorstoßes von Schmidt prinzipiell gut. „Wir würden uns aber freuen, wenn den Worten auch Taten folgten“, sagte ein Sprecher. Das Ministerium in Wiesbaden fordere unter anderem ein Verbot, trächtige Kühe zu schlachten und männliche Küken zu töten. Der Bund könne mehr tun, als auf die Selbstverpflichtung der Lebensmittelindustrie zu hoffen. Es müsse rechtliche Eingriffsmöglichkeiten geben, fordert das Ministerium.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE