Landwirtschaft in Hessen

Preissturz trotz Wertschätzung

Von Patricia Andreae
03.01.2021
, 16:21
Das Jahr 2020 war für die Landwirtschaft in Hessen eine Herausforderung. Die Corona-Pandemie und die erneute Dürre bereitet den Bauern große Schwierigkeiten. Der hessische Bauernpräsident Schmal sieht vor allem die Entwicklung der Betriebe mit Sorge.

Auch wenn regionale Produkte angesichts von Lieferengpässen im Lockdown-Frühjahr besonders hoch gelobt und stärker nachgefragt worden sind, war 2020 für die hessischen Landwirte nicht einfach. „Es war für die Bauernfamilien nicht nur coronabedingt und wegen der erneuten Dürre ein sehr schwieriges Jahr“, resümiert Karsten Schmal, Präsident des Hessischen Bauernverbands. „Die wirtschaftliche Situation auf den Höfen ist sehr angespannt, hinzu kommen Frustration und Resignation, weil immer mehr Auflagen den Kostendruck erhöhen und die Erlöse unbefriedigend sind“, fasst er die Lage zusammen. Das einzig erfreuliche sei der Trend zum Regionalen. Die Verbraucher schätzten die Qualität heimischer Erzeugnisse und kauften bevorzugt in Hofläden und auf Bauernmärkten ein. Auch im Lebensmitteleinzelhandel erfreuten sich regionale Produkte zunehmender Beliebtheit. „Unsere Direktvermarkter haben diesen Trend während des ganzen Jahres feststellen können“, berichtet der Bauernpräsident.

Bäuerliche Betriebe, deren Erzeugnisse für die großen Lebensmittelmärkte bestimmt sind, tun sich dagegen schwer. Immer wieder haben sie in den vergangenen Wochen mit ihren Traktoren die Zufahrten von Molkereien oder Discountern blockiert, um gegen zu geringe Preise insbesondere für Fleisch und Milchprodukte zu protestieren. In der „schwierigen Erlössituation“ sieht Schmal eine der Ursachen dafür, dass die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Hessen wie in ganz Deutschland rückläufig sei.

Die Verarbeitungsunternehmen, der Lebensmitteleinzelhandel und nicht zuletzt die Verbraucher seien gefordert, für mit hohen Standards hergestellte heimische Lebensmittel angemessene Preise zu zahlen. „Wir bauen darauf, dass hier ein Umdenken einsetzt, brauchen dazu aber auch verlässliche politische Rahmenbedingungen“, so Schmal. „Immer mehr kostentreibende Auflagen ohne adäquate Erzeugerpreise, das kann auf die Dauer nicht gutgehen.“

Zukunft der Tierhaltung als größte Sorge

Der Präsident hatte erst vor wenigen Tagen die neue Landesdüngeverordnung kritisiert, die vom Jahresbeginn an gilt. Schließlich sei der Umfang der mit Nitrat belasteten Gebiete hessenweit im Vergleich zur Erstausweisung 2019 nahezu halbiert worden.

„Größte Sorgen mache ich mir um den Fortbestand der Tierhaltung in Hessen“, sagt der Milchbauer, der seine Zunft auch im Deutschen Bauernverband repräsentiert. Bei den Rindern sei der Bestand im vergangenen Jahrzehnt um zwölf Prozent zurückgegangen. Die Zahl der Schweine ist nach seinen Angaben in den vergangenen zehn Jahren in Hessen sogar um 23 Prozent gesunken. Die Situation in der Schweinehaltung sei seit Monaten existenzgefährdend.

Schmal erwähnt den Verzug bei den Schlachtungen wegen coronabedingter Schließungen der Schlachtbetriebe, die der Bundesverband in den vergangenen Monaten immer wieder gerügt hatte. Hinzu komme das erstmalige Auftreten der Afrikanischen Schweinepest bei Wildschweinen in Deutschland und der damit verbundene Importstopp Chinas und anderer asiatischer Länder für deutsches Schweinefleisch. Die Erzeugerpreise für Schweine sind nach Angaben des Verbands in diesem Zusammenhang von rund 1,80 Euro je Kilogramm Schlachtgewicht auf weniger als 1,20 Euro gesunken. Zu einem Rückgang des Konsums im Inland und damit zum Preisverfall beigetragen haben nach Angaben des Bundesverbands aber auch der Wegfall von großen Sportveranstaltungen und Volksfesten sowie die Schließungen der Gastronomie, weil weniger Bratwürste und Schnitzel gegessen worden seien. Sich behaupten und teilweise sogar zulegen konnte aus Sicht des Bauernverbands lediglich die Bio-Produktion.

Schwierigkeiten hatten nach Darstellung von Schmal auch Erzeuger von Obst und Gemüse. Deren Produkte seien im Lockdown zwar sehr gefragt gewesen. Sie hätten jedoch besonders unter den Anfang April verhängten Einreiseverboten für osteuropäische Saisonarbeitskräfte gelitten. „Das war insbesondere für unsere Sonderkulturbetriebe ein Riesenproblem“, sagt Schmal und setzt hinzu: „Gott sei Dank ist es aufgrund der massiven Intervention der Verbände schnell gelungen, dieses Verbot wieder aufzuheben.“

So hätten bundesweit mehr als 40.000 Saisonarbeiter mit dem Flugzeug einreisen können. „Dadurch ist es gelungen, die anstehenden Pflanzarbeiten und die Spargel- und Erdbeerernte mit einigen Abstrichen zu bewerkstelligen“, stellt er fest. Da die Einreise der Saisonarbeitskräfte über längere Zeit jedoch nur auf dem Luftweg möglich war und zusätzliche Hygienemaßnahmen ergriffen werden mussten, seien die Kosten deutlich höher gewesen als in den Vorjahren. „In dem einen oder anderen Betrieb kamen Schüler, Studenten oder Kurzarbeiter zum Einsatz, das hat geholfen.“

Trotz aller Schwierigkeiten blickt die hessische Landwirtschaft mit Zuversicht ins neue Jahr, „in der Hoffnung, dass die Zeiten wieder besser werden“. Angesichts der Berichte über Lieferengpässe aus dem Ausland habe die heimische Landwirtschaft in der Corona-Krise deutlich mehr Wertschätzung erfahren. „Es wäre schön, wenn die für unsere Bauernfamilien auf Dauer anhalten und sich in höheren Erzeugerpreisen niederschlagen würde“, so Schmal.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Andreae, Patricia (cp.)
Patricia Andreae
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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