Maßgeschneiderte Motorräder

Zweiräder für Liebhaber und für James Bond

Von Leonhard Kazda
20.11.2020
, 14:22
Obwohl viele Motorradfahrer ihre Maschinen in Handarbeit veredeln lassen, haben Anbieter maßgeschneiderter Bikes Sorgen. So auch Mellow Motorcycles aus Friedberg. Grund dafür ist jedoch nicht die Corona-Pandemie.

Es war so etwas wie ein Ritterschlag für das junge Team von Mellow Motorcycles. Als im Sommer des vergangenen Jahres die umgebaute Triumph Thruxton R in die St. Pauls Cathedral gerollt wurde, um im Zentrum des Gottesdienstes zu Ehren des 60. Geburtstags des ’59 Motorrad-Clubs zu stehen, war ein großer Schritt zur internationalen Anerkennung gelungen. Die „Phantom Blaze“ genannte himmelblaue Schönheit auf zwei Rädern war ein Höhepunkt bei der unter der Schirmherrschaft des englischen Königshauses stehenden Feier des von der Kirche von England vor 60 Jahren gegründeten Vereins zur Unterstützung junger Motorradfahrer.

Mellow Motorcycles hat seinen Firmensitz in Rosbach nahe Friedberg. Die feine Schmiede für nach Kundenwünschen maßgeschneiderte Motorräder, sogenannte Custom Bikes, residiert in einem nüchternen Bau im Gewerbegebiet. Sie teilt sich die Räume mit der Niederlassung des britischen Motorradherstellers Triumph. Flo Hubert ist der Chef beider Unternehmen. In Heilbronn hatte der Kaufmann und Marketingspezialist 2016 das Unternehmen Mellow Motorcycles gegründet. 2018 bot sich die Chance, die Frankfurter Niederlassung von Triumph zu übernehmen, mit der er nach Rosbach zog. Im Mai eröffnete Hubert in Dietzenbach eine Zweigniederlassung von Triumph und Mellow und erweiterte das Angebot dort noch um Zweiräder der japanischen Marke Yamaha. Die Corona-Pandemie war daran schuld, dass der ursprünglich für April geplanten Eröffnung der Filiale der „Big Bang fehlte“, wie Hubert sagt. Doch inzwischen beginnt der Ableger zu blühen.

Das Geschäft mit den Motorrädern brummt – zumindest das mit Serien-Bikes. Trotz oder vielleicht sogar wegen der Corona-Krise. Statt Geld in den Urlaub zu investieren, so sagt Thomas Trapp, Inhaber der Harley Factory Frankfurt, steckten seine Kunden ihr Geld in ein Stück Schwermetall aus Milwaukee.

Zeitweise komplett leergekauft

Die Zulassungszahlen für Motorräder in Deutschland haben nach dem Ende des ersten Lockdowns im Frühjahr einen großen Sprung nach vorn gemacht. Bis September wurden laut des Industrieverbands Motorrad in Deutschland 182.000 Motorräder neu zugelassen – so viele wie seit 18 Jahren nicht mehr. „2020 war unser bislang erfolgreichstes Jahr“, sagt der 41 Jahre alte Hubert. „Wir waren zeitweise komplett leergekauft.“ 250 Zweiräder hat er unter die Kunden gebracht, deutlich mehr als im vorangegangenen Jahr, als rund 160 Bikes aus Großbritannien verkauft wurden. Auch bei Harley Davidson in der Wächtersbacher Straße in Frankfurt läuft das Geschäft. Rund 350 Motorräder werden dort jährlich verkauft, so auch 2020. Dabei kommen die Maschinen mit den mächtigen V-Motoren nicht mehr aus den Vereinigten Staaten, sondern werden in Thailand zusammengebaut. So vermeidet Harley Davidson Strafzölle. Schon jetzt lägen 150 Vorbestellungen für das kommenden Jahr vor, sagt Trapp.

Auch die Harley Factory setzt auf die Karte Custom Bikes. „Kaum eine Harley rollt ohne Veränderungen aus dem Laden“, sagt Trapp. Andere Spiegel, Blinker, Fußrasten: Die Möglichkeiten scheinen grenzenlos. Andere Tanks, Airbrush-Lackierungen, Fahrwerks- oder gar Rahmenmodifikationen haben es in sich. Unter dem Namen Thunderbike bietet Harley Frankfurt fast alles an, was möglich ist. Viele Harley-Fahrer wollen ein individuelles Bike, und einige davon ein einzigartiges, für das sie schon einmal 30.000 Euro und mehr zusätzlich ausgeben.

Die Custom-Schmiede von Mellow lebt vor allem von ihrem Ruf, den sie sich international erworben hat. Bikes aus Rosbach haben viele Preise gewonnen. So ist Triumph auf Mellow aufmerksam geworden, als Hubert und sein Team mit einer umgebauten Ducati 2017 beim prestigeträchtigen Sprintrennen Glemseck 101 siegten. Triumph erteilte Mellow den Auftrag, für das Rennen 2018 eine ihrer Maschinen umzubauen. Die Phantom Blaze entstand in vielen hundert Stunden Handarbeit. Der himmelblaue Blitz gewann nicht nur die Glemseck 101, sondern gleich die gesamte Rennserie „Sultans of Sprint“. Die Phantom Blaze verfügt über 142 PS, 1200 Kubikzentimeter, zwei Zylinder mit Kompressor und Zusatzkühler, es ist ein moderner Klassiker, very british, aber von fast italienischer Eleganz. Rund 80.000 Euro stecken in dem Bike, das sich im Besitz der Triumph-Zentrale befindet und eines der Schmuckstücke des Werksmuseums in Hinckley ist.

Aus dem Klassiker ist ein Schmuckstück geworden

Flo Hubert und sein Team bekommen inzwischen auch Aufträge aus der Werbung. So haben sie für den Rasierwasser-Produzenten Tabac Original eine Triumph Scrambler umgebaut, die in Werbeclips zu sehen sein wird. Ein paar Meter nebenan hat im Showroom von Rosbach die Scrambler aus dem neuen, noch nicht veröffentlichten James-Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ ihren Platz. Die benachbarte Deutschland-Zentrale hat das noch mit Schmutz und Schlamm aus den Dreharbeiten gezierte Zweirad der Frankfurter Niederlassung leihweise zur Verfügung gestellt.

Mellow baut nicht nur Triumphs um, sondern veredelt auch Bikes anderer Hersteller. Auf einer der Hebebühnen in der Werkstatt steht noch eine fast fertiggestellte Mellow, deren Basis eine Honda CB 750 Four ist. Aus dem Klassiker ist ein Schmuckstück geworden, der Originaltank glänzt in neuem Lack. 40.000 Euro kostet der Umbau den Besitzer, der Wert auf feinste Zutaten legt. Der Sattel beispielsweise ist mit naturgegerbtem finnischem Leder bezogen. Teuer? „Sehr teuer“, sagt Hubert und nickt.

14 Mitarbeiter hat Hubert in Rosbach, neun schrauben und werkeln in Dietzenbach. In der Harley Factory und bei Thunderbike in Frankfurt stehen 35 Mitarbeiter in Lohn und Brot. Das Geschäft mit den Custom Bikes sei stabil, sagt Thomas Trapp. Das ist auch bei Mellow in Rosbach so. Große Zuwachsraten sind nicht drin, vermutlich auch, weil sich die Angebote der Custom-Branche an ein zahlungskräftiges Publikum richten.

Einfach ist das Geschäft mit den Custom Bikes keineswegs. Davon kann auch das Team von Mainhattan Choppers in Nieder-Eschbach berichten. Harald Geiger ist einer der Chefs dieser Custom-Schmiede, die mit fünf Mitarbeitern einer der kleineren Anbieter ist. Auch hier hat man sich auf Harley Davidson spezialisiert. Das Geschäft läuft schleppend. Große Umbauten, die das Kerngeschäft der Choppers sind, werden immer seltener. „Wir sind froh, wenn wir über den Winter kommen“, sagt Geiger.

Dabei führt der gelernte Konditormeister, dessen Spezialität einst die Schwarzwälder Kirschtorte war, ein in der Branche respektiertes Geschäft, das schon vor 20 Jahren seine Anfänge nahm. Geigers größte Sorge trägt den Namen „Kart“ – das ist die „Kontrolleinheit Autoposer, Raser und Tuner“ der Frankfurter Polizei. In den vergangenen Monaten hat die Einheit Jagd auf laute und getunte Fahrzeuge gemacht.

Man habe es speziell darauf abgesehen, Motorräder aus dem Verkehr zu ziehen, sagt Geiger, der keineswegs allein mit seiner Kritik steht. Denn auch Hubert und Trapp sind nicht gut zu sprechen auf Kart. Der Hauptvorwurf: mangelnde Kompetenz der kontrollierenden Beamten. „Wer lässt schon bei uns ein Motorrad umbauen, wenn es drei Tage später am Haken hängt“, sagt Geiger. Alle Teile, die er anbaue, seien von Harley Davidson homologisiert, sagt Harley-Factory-Chef Trapp. „Solche Teile benötigen weder ein E-Zeichen noch eine Allgemeine Betriebserlaubnis, die vom Fahrer mitzuführen ist“, erklärt auch Mellow-Chef Hubert. „Das Problem ist aber, dass die Kart-Beamten manchmal Maschinen aus dem Verkehr ziehen, an denen nur Originalteile verbaut sind“, sagt Hubert.

Die Variantenvielfalt hier sei zwar immens, räumt Hubert ein. „Aber wenn ich als Profikoch keine Ahnung von meinem Metier habe, trete ich besser nicht in einer Kochshow in der Öffentlichkeit auf.“ Im Frankfurter Polizeipräsidium weist man solche Vorwürfe zurück. „Unsere Beamten verfügen über ein umfangreiches Knowhow“, sagt eine Sprecherin. 107 Motorräder seien durch Kart im Jahr 2020 kontrolliert worden, teilte das Polizeipräsidium auf Anfrage mit. Davon seien 39 Motorräder sichergestellt worden und 36 dieser Maschinen durch „unzulässige Lautstärke“ aufgefallen.

Quelle: F.A.Z.
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