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Fintech-Boom in der Provinz

Von Thorsten Winter
16.10.2021
, 11:17
Zulage: Zahlungsdienstleister Klarna will in Gießen für seinen Tech Hub von gut 100 Beschäftigten auf 500 aufstocken
Mit jungen Finanz-Firmen macht Mittelhessen dem Bankenplatz Frankfurt zunehmend Konkurrenz. So plant Klarna in Gießen 400 neue Arbeitsplätze. Und in Marburg sitzen Fintechs, von denen Sparer profitieren können.
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Es waren einmal zwei Jungs aus dem Gießener Raum, die hatten keine Lust darauf, Supermarktregale zu bestücken. Doch erkannten sie früh das seinerzeit noch junge Internet als Verdienstquelle und riefen den Onlinedienst www.referate.de ins Leben. Später als Studenten an der Technischen Hochschule verlegten sie sich auf Onlineshops und merkten schnell: Verkäufe per Vorkasse, Lastschrift oder Rechnung abzuwickeln hat entweder Nachteile für den Käufer oder den Lieferanten. Ob der Kunde die Rechnung begleicht, weiß der Verkäufer nicht. Der Kunde ist andererseits der Dumme, falls er die bezahlte Ware nicht erhält. So kamen Dirk Rudolf und Mitstreiter wie Christoph Klein auf die Idee, die Vorkasse zu automatisieren und einen Dienst als Mittler zwischen Verkäufer und Kunde zu gründen. Sie programmierten ein Online-Zahlungssystem namens Sofortüberweisung und gründeten die Sofort GmbH.

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Das war 2005 und der Begriff Fintech als Kürzel für Finanztechnologie-Firma nur Experten ein Begriff. Was die jungen Männer noch nicht wissen konnten: wie viel Potential ihre Geschäftsidee einmal entfalten wird, nicht zuletzt für neue Arbeitsplätze in ihrer Heimat. Zwar rückt sich gerne Frankfurt in den Blickpunkt, wenn es um Fintechs geht. Aber heute kann Rudolf sogar sagen: „Keiner weiß, dass von Gießen aus künftig beide führenden Open-Banking-Anbieter operieren.“ Open-Banking ist etwa die Bereitstellung von Kundendaten für Kreditgeber.

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Aufstrebende Fintechs aus Marburg
Aufstrebende Fintechs aus Marburg In der Universitätsstadt Marburg befinden sich drei aufstrebende Fintechs mit Angeboten für Privatanleger. Eins ist der automatisierte Anlageberater (Robo Advisor) Vividam des Finanzdienstleisters Finet. Er investiert im Gegensatz zu Konkurrenten die Kundengelder nicht in börsengehandelte Indexfonds (ETF), sondern in aktiv gemanagte Fonds. Auch fließt das Kapital nur in nachhaltige Anlagen, wie Frank Huttel vom Portfolio-Management sagt. Entstanden ist Vividam aus der Sparte Vermögensverwaltung von Finet. Einen Anstoß gab eine Kundin, die ein Depot mit Wertpapieren geerbt hatte, aber mit den darin liegenden Finanzanlagen nicht zufrieden war, wie Huttel sagt. Sie habe darauf gedrungen, das Depot „grün“ umzubauen. Zudem hätten Finanzberater, mit denen Finet zusammenarbeite, sich für eine standardisierte Vermögensverwaltung ausgesprochen. Vividam bietet fünf Strategien an, die Aktien und Anleihen unterschiedlich gewichten. Nach fünf Millionen Euro zu Ende Dezember liegen nun 16 Millionen Euro bei Vividam, wie Huttel erläutert. Die Marburger Plattform Ecozins hat sich dagegen ganz auf verzinste und nachhaltige Produkte verlegt. Sie gehört zur Auditcapital GmbH und tritt als Vermittler zwischen den Anlegern und den Projektentwicklern auf, wie Geschäftsführer Tim Weinel berichtet. Ecozins stellt Projekte auf seiner Internetseite vor, darunter Windkraftanlagen und ein junges Unternehmen für nachhaltige Textilien. Wer dort mitmacht, beteiligt sich an Crowdinvesting: Gemeinsam mit anderen geben Sparer Geld für ein Vorhaben und zeichnen beim jeweiligen Projektentwickler eine Nachranganleihe. Diese haben ein Totalausfallrisiko, dafür werden aber hohe Zinsen von drei Prozent an aufwärts bei Laufzeiten von bis zu sieben Jahren versprochen. Ecozins hat laut Weinel bisher für elf Projekte 3,7 Millionen Euro vermittelt. Ähnlich geht Greenvesting vor, eine Plattform aus Cölbe nahe Marburg. Derzeit bewirbt die Plattform ein Projekt von Katjes Greenfood. Drei Millionen Euro sollen für das bei einer Laufzeit von fünf Jahren mit fünf Prozent verzinste Papier zusammen kommen. Gut 1,8 Millionen Euro sind laut Internetseite bereits eingesammelt. Zuvor hatten Projektentwickler über Greenvesting vor allem große Solaranlagen und Biogasanlagen vorgestellt. Die Plattform hat nach eigenen Angaben mehr als zwei Dutzend abgeschlossene Finanzierungen begleitet. thwi.
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.
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