<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Thomas-Cook-Tochter

Neckermann Reisen wird türkisch

Von Falk Heunemann
Aktualisiert am 02.01.2020
 - 20:06
Wandel: Neckermann Reisen geht an türkischen Investor, die Filialen in Tschechien inklusive
Der Untergang von Thomas Cook bedrohte auch jene berühmte Marke, die einst das Pauschalreisen populär machte. Nun gibt es einen Käufer, der keine Angst vor Risiken hat.

Josef Neckermann hat die Pauschalreise nicht erfunden, auch wenn man ihm das in Frankfurt immer wieder unterstellt hat. Aber dem Gründer und Namensgebers des berühmten Frankfurter Versandkonzerns und dem Weltmeister im Dressurreiten wurde eben vieles zugetraut. 1963 hatte der Unternehmer erstmals seinem Katalog eine Broschüre beigelegt, in der auf sechs Seiten Reisen angeboten wurden, Flug und Hotel inklusive. Mallorca, Südspanien und Adriaküste hießen die Ziele damals. Und das alles zu einem günstigen Festpreis, den sich die deutsche Wirtschaftswunder-Mittelschicht leisten konnte. Auch wegen Neckermann Reisen und seinem Werbespruch „Urlaubsreisen für Jedermann“ wurde aus Mallorca die „Putzfraueninsel“, die heute von jährlich 4,5 Millionen Deutschen besucht wird.

Neckermann Reisen bildete aber auch, nach diversen Eigentümerwechseln, die Basis für den deutschen Konzern Thomas Cook, der vor einigen Jahren nach Oberursel umgezogen ist und bis Ende vergangenen Jahres rund 1000 Menschen beschäftigt hat. Davon ist seit der Insolvenzanmeldung Ende September nicht mehr viel geblieben. Nur noch rund 60 Mitarbeiter seien dort tätig, um die letzten Geschäfte abzuwickeln, hieß es aus dem Büro des Insolvenzverwalters.

Callcenter an Investmentfonds

Drei Monate lang hatten die Insolvenzanwälte Ottmar Hermann, Fabio Algari und Julia Kappel-Gnirs erst versucht, das komplette Unternehmen durch einen Verkauf zu retten, das von der Pleite des britischen Mutterkonzerns in den Abgrund gerissen wurde. Doch kein Investor war letztlich an dem Gesamtunternehmen interessiert, es fanden sich nur Käufer für einzelne Teile. Die Reisebüros und die Online-Plattform gingen an den Kaufhauskonzern Karstadt-Kaufhof, DER Touristik schnappte sich die Hotelkette Sentido, ein Investmentfonds aus München kaufte das Callcenter in Bochum.

Nun hat also auch die Marke Neckermann Reisen einen neuen Eigentümer gefunden. Unmittelbar vor Weihnachten, teilten die Insolvenzverwalter gestern mit, seien die Markenrechte an die türkische Anex Gruppe veräußert wurden. Der Käufer ist für die Verwalter kein Unbekannter. Schon im November hatte der Reisekonzern die Rechte an den Marken Öger Tours und Bucher Reisen aus der Insolvenzmasse erworben. Zudem war Anex Tour einer der größten Anteilseigner des britischen Mutterkonzerns. Noch Anfang August, also nur wenige Wochen vor der Pleite, hatte das türkische Unternehmen seine Anteile an dem Tourismusriesen auf 6,71 Prozent erhöht.

Das war nicht das einzige riskante Investment, das sich Neset Kockar, Gründer und Chef von Anex Tour, in den vergangenen Jahren leistete. Aber auf diese Weise hat es der 46 Jahre alte Anatole offenbar geschafft, sein vor 24 Jahren gegründetes Unternehmen im hart umkämpften Tourismusgeschäft zu einem weltweit agierenden Konzern auszubauen, mit – zumindest nach eigenen Angaben – jährlich vier Millionen Kunden und rund 6500 Mitarbeitern weltweit.

Der Reiseanbieter mit Sitz in Antalya wuchs in den vergangenen Jahren vor allem mit Kunden aus Russland und Osteuropa. Von den knapp zwei Millionen Touristen, die Anex Tour allein in die Türkei brachte, stammten 1,7 Millionen aus Russland und den ehemaligen Sowjetstaaten, berichtete Kockar jüngst in einem Interview. Ende des Jahres hat er in Russland auch noch den dort größten Reiseveranstalter Intourist übernommen, der zuvor ebenfalls zu Thomas Cook gehörte.

Seit mehreren Jahren schielt Kockar auch auf den lukrativen deutschen Markt, zumal seitdem das Russlandgeschäft wegen der Sanktionen gelitten hat. So gründete er vor gut drei Jahren in Düsseldorf eine eigene Tochtergesellschaft, die seitdem auf Deutsche zugeschnittene Pauschalreisen in die Mittelmeerstaaten und in die Dominikanische Republik anbietet. Zugleich startete er in Düsseldorf eine eigene Charterfluglinie namens Azur Air, die jedoch nur zwei Jahre später wieder eingestellt wurde. Dafür kaufte Anex Tour im August 2019 sein erstes Kreuzfahrtschiff, die Saga Sapphire, die Platz für 800 Passagiere hat. Anfang der Achtziger war sie unter dem Namen „Europa“ unterwegs und galt als größtes Kreuzfahrtschiff der Welt.

Neckermann.de bei Otto

„Alle werthaltigen Vermögenswerte“ von Thomas Cook Deutschland seien nun „gewinnbringend im Interesse der Gläubiger“ verkauft worden, hieß es gestern von den Insolvenzverwaltern nüchtern. Dabei enden mit dem Verkauf des letzten Restes der Gruppe gleich zwei Ären. Neckermann Reisen bildete nicht nur den Kern der NUR Touristic GmbH, die später zu Thomas Cook wurde, dem zweitgrößten Reiseanbieter Deutschlands – und von dem so gut wie nichts in der Rhein-Main-Region bleibt.

Es verschwindet auch der letzte Rest des einstigen Frankfurter Versandkonzerns Neckermanns, gut 71 Jahre nach dessen Gründung. Der Versandhändler war bereits 2012 insolvent gegangen. Zwar kann man noch immer die Internetseite Neckermann.de aufrufen und dort Waren bestellen, doch der Name gehört mittlerweile dem Otto-Versand aus Hamburg. Und auch die Marke Neckermann Reisen wird zwar weiter in Reiseprospekten zu finden sein. Doch diese Pauschalreisen werden künftig von Düsseldorf aus geplant und betreut werden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Heunemann, Falk
Falk Heunemann
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.