Weltkonzern Samson zieht um

Neue industrielle Perspektiven für Offenbach

Von Falk Heunemann und Jochen Remmert
30.03.2021
, 20:00
Nach 105 Jahren verlässt der Ventilhersteller seinen Stammsitz. Der Frankfurter Magistrat beteuert, er habe alles versucht, um das Unternehmen zu halten.

Der international tätige Ventilhersteller Samson AG zieht von Frankfurt nach Offenbach. Die kleine Nachbarstadt konnte dem Unternehmen, das allein in Frankfurt rund 2000 Mitarbeiter beschäftigt, mit dem ehemaligen Allessa-Gelände am Offenbacher Mainbogen eine Entwicklungsfläche bieten, die Samson in Frankfurt nach eigenem Bekunden vergeblich gesucht hat.

Am Dienstag verkündeten der Offenbacher Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD) und der Vorstandsvorsitzende der Samson AG, Andreas Widl, gemeinsam die Entscheidung des Unternehmens, das 1907 gegründet wurde und seit 1916 in Frankfurt ansässig ist. Auf der ganzen Welt arbeiten 4500 Männer und Frauen für das Unternehmen. Als einen entscheidenden Grund für den Wechsel auf das nur wenige Kilometer Luftlinie entfernte neue Gelände nannte Widl, dass am bisherigen Standort auf lange Sicht kein profitables Wachstum mehr möglich gewesen wäre, weil es an Expansionsflächen fehle. Zudem sei ein Um- und Ausbau am Standort bei laufender Produktion erheblich aufwendiger und schwieriger als ein kompletter Neubau an anderer Stelle.

Schon in zwei bis drei Jahren soll etwa die Elektronikproduktion in Offenbach den Betrieb aufnehmen. Alles in allem wird das Unternehmen in den Umzug Widl zufolge 250 Millionen Euro investieren. Am Frankfurter Osthafen bleiben wird das Rolf Sandvoss Innovation Center mit knapp 100 Beschäftigten. Rund 1900 Mitarbeiter und der Sitz des Unternehmens werden damit über den Main wechseln.

„Ein herber Verlust für Frankfurt“

Der Frankfurter Magistrat zeigte sich von der Entscheidung überrascht. Das sei „ein herber Verlust für Frankfurt“, sagte Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU). Seit August 2020 habe es intensive Gespräche über die Zukunft des Standortes im Osten Frankfurts gegeben. Das Unternehmen hatte damals etwa kritisiert, dass das Gelände an der Autobahn 661 und der Hanauer Landstraße von anderen Nutzern eingeschnürt sei. Zudem sei es durchzogen von öffentlichen Straßen, die den Transport zwischen den Werkshallen erschwerten.

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„Wir waren bereit, alle Wünsche zu erfüllen“, sagte Frank, darauf hätten sich alle Dezernenten über Parteigrenzen hinweg in den vergangenen Wochen verständigt. Im Gespräch war etwa, dass die direkt benachbarte Drogenhilfe Eastside, die Lager der Karnevalsvereine und die Biokompostanlage des Entsorgerunternehmens FES an andere Orte umziehen und zudem die Stadt und der Energieversorger Mainova Flächen an das Unternehmen abgeben. Die Peter-Behrens-Straße, die das Gebiet diagonal durchschneidet, hätte beseitigt werden können, weil sie, wie sich herausstellte, offenbar ohnehin keine Widmung als öffentliche Straße erhalten hatte. In einer gemeinsamen Erklärung der Dezernenten von CDU, SPD und Grünen heißt es, alle hätten sich sehr angestrengt, die Samson-Wünsche zu erfüllen, trotz der „häufig wechselnden Pläne des Unternehmens“.

Was passiert mit dem bisherigen Standort?

Für Offenbach ist die Akquise eines weltweit agierenden Industrieunternehmens mit einem Umsatz von rund 660 Millionen Euro im Jahr nach vielen Jahrzehnten des Niedergangs der alten Industrien und der damit verbundenen Verarmung der Stadt ein großer Gewinn. Dass eine bedeutende Firma wie Samson sich nun für Offenbach entschieden hat, bezeichnete Oberbürgermeister und Wirtschaftsdezernent Schwenke als eine der besten Nachrichten für die Stadt seit langer Zeit. Nachdem Offenbach die große Industriebrache vom Schweizer Chemieriesen Clariant erworben hatte, wollte er stets auf diesem Gelände Industrieunternehmen ansiedeln, die analoge Technik und Digitalisierung zusammenführen. Das hat offenbar funktioniert: Samson liefert etwa Ventile für Kraftwerke und Chemieanlagen, die elektronisch vernetzt sind und über die sich komplette Produktionsprozesse digital steuern lassen.

Schwenke hob hervor, dass die Samson-Akquise keine Einzelleistung von ihm sei, sondern in enger Zusammenarbeit mit Kämmerer Peter Freier (CDU) und Planungsdezernent Paul-Gerhard Weiß (FDP) gelungen sei. Kämmerer Freier zeigte sich besonders erfreut, dass die Stadt Offenbach nicht nur ein Aushängeschild für den Industriestandort gewinne, sondern auch einen potenten Gewerbesteuerzahler. Planungsdezernent Weiß sicherte zu, dass die zuständigen Ämter bereitstünden, um die Ansiedlung so rasch und so reibungslos wie möglich zu begleiten.

Was nach dem Umzug mit dem bisherigen Samson-Standort im Frankfurter Osten passiert, ist unklar. Die Fläche gehört dem Unternehmen. Ein Samson-Sprecher sagte, Teile davon könnten in einigen Jahren verkauft werden, und verwies darauf, dass nebenan etwa die Anbieter Colt, NTT und Interxion große Rechenzentren betrieben. Deren Zahl ist in Frankfurt innerhalb weniger Jahre auf mehr als 60 gestiegen, weitere sind im Bau. Sie bilden das Rückgrat des weltgrößten Internetknotens. Der Frankfurter Magistrat würde die Rechenzentren gern auf wenige Orte in der Stadt beschränken und eine unkontrollierte Ausdehnung in angestammte Industriegebiete verhindern. „Auch in Zukunft soll das Gebiet im Osthafen als Industriegebiet für produzierende Industrie erhalten bleiben“, heißt es in der Erklärung der Dezernenten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Heunemann, Falk
Falk Heunemann
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
Jochen Remmert - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jochen Remmert
Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.
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