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Frankfurter Traditionsfirma

„Ende März nächsten Jahres ist hier Schluss“

Von Thorsten Winter
Aktualisiert am 27.05.2020
 - 14:45
Plakativ: Mit wehenden Fahnen protestierten Mitarbeiter von Günther & Co. in Rödelheim gegen die drohende Betriebsschließung
Alle 210 Arbeitsplätze stehen beim Frankfurter Werkzeugbauer Günther & Co. auf dem Spiel. Die Personalchefin beharrt auf dem geplanten Schließungstermin. Die IG Metall sieht aber noch etwas Spielraum.

Kurz nach 12 Uhr an diesem Mittwoch trillern Dutzende Beschäftigte des Frankfurter Werkzeugbauers Günther & Co. gegen die geplante Schließung ihres Betriebs an. Andere buhen durch ihren Mundschutz hindurch. Rote Fahnen der an ihrer Seite stehenden IG Metall wehen im Sonnenschein. Die Mitarbeiter strahlen durchaus Zuversicht aus, obwohl sich der Arbeitgeber seit der Verkündung des Schließungsplans im Januar aller Proteste und Verhandlungen mit der Geschäftsführung nicht zu ihren Gunsten bewegt hat. Selbst der Vorschlag, die Fabrik als „kleineres Frankfurt“ an einem anderen Standort in Rhein-Main weiter zu betreiben, hat nicht gefruchtet.

Eine gute halbe Stunde später bestätigt Anette Skau-Fischer diese Beobachtung: „Wir sind überzeugt davon, was wir vorhaben“, sagt der Personalvorstand der Walter AG, zu der die Frankfurter Fabrik gehört. Und fügt hinzu: „Ende März nächsten Jahres ist hier Schluss.“ In diesem Moment sind die meisten Beschäftigten aus ihrer Protestpause an ihre Arbeitsplätze zurückgekehrt.

Ein Fünftel des Umsatzes als Gewinn

Skau-Fischer spricht von einer strategischen und wirtschaftlichen Entscheidung des Vorstands der Walter AG und später von einem Beschluss der Konzernmutter Sandvik in Schweden. Die Walter-Gruppe sehe zwar auch in Europa noch Wachstumspotentiale, vor allem aber gute Aussichten in Amerika und Asien. In Deutschland erziele das Unternehmen ein Fünftel des Umsatzes, stemme aber 75 Prozent der Produktkosten. Deshalb wolle es künftig mehr dort produzieren, wo seine aktuellen Kunden und künftigen Abnehmer seien.

Betriebsratsvorsitzender Thomas Diener in Rödelheim sieht aber alleine strategische Gründe. „Das ist keine wirtschaftliche Entscheidung“, sagt er. Begründung: Er arbeite seit 41 Jahren an diesem Standort. „Wir haben immer Gewinne erwirtschaftet.“ Das vergangene Jahr sei besonders stark gewesen. Wie hoch der Gewinn war? „20 Prozent“, sagt Diener und meint: Ein Fünftel vom Umsatz. „Genial“ nennt er diese Profitmarge.

„Komplexität schwierig zu erläutern“

Warum will Walter einen so hochprofitablen Standort aufgeben? Der Personalvorstand antwortet indirekt: „Das mit der Profitabilität ist eine komplexe Sache, und diese Komplexität ist schwierig zu erläutern und transportieren.“ Es gebe den Umsatz, die davon abzuziehenden Kosten, die Steuern und zu zahlenden Zinsen sowie das geistige Eigentum (“Intellectual property“). Ob das Werk zu wenige Patente hervorbringe? Dazu mag sich Skau-Fischer nicht äußern.

Sie hebt aber hervor, sie verstehe die Sicht der Arbeitnehmer und ihre Frage: Wie kann es sein, dass wir unsere Stellen verlieren sollen, wenn wir immer Geld verdient haben? Wenn man aber ganzheitlich auf die Sandvik-Gruppe mit Walter und Günther mit ihren Produktplattformen schaue, dann ergebe sich eben ein Einsparpotential. Werkleiter Oliver Thomas nickt. „Ich bin als Werkleiter stark kostengetrieben“, sagt er. Mit Blick auf die Kosten je produzierter Einheit sei die Fabrik künftig nicht mehr zu halten, sagt Thomas, der noch eine Geschäftsführerstelle bei einer Sandvik-Tochter im badischen Zell hat.

Die in Rödelheim hergestellten Werkzeuge könne die Firma auch andernorts produzieren. „Die Kunden in den Vereinigten Staaten, Kanada, Lateinamerika und Asien erwarten das auch“, hebt Skau-Fischer hervor.

„Der Business-Case bröselt zusammen“

Nun fertigt Günther & Co. Werkzeuge für Auto- und Flugzeughersteller sowie Maschinenbauer. Beide Branchen leiden aber heftig unter den Folgen der Corona-Krise. Das Auftragsniveau aus den Tagen vor der Krise werde Walter in den nächsten Monaten nicht sehen, meinen Arbeitnehmervertreter. Deshalb brösele der von Walter angeführte Business-Case zusammen, meint Michael Erhardt, Geschäftsführer der Frankfurter IG Metall und auf Arbeitnehmerseite an den Verhandlungen mit dem Unternehmen maßgeblich beteiligt.

Das aus Gewerkschaftssicht Gute daran: In der Folge schwinde das Einsparpotential für Walter. Gleichzeitig dürfte sich die Zeitspanne verlängern, nach der sich die Betriebsschließung angesichts der dafür anfallenden Sozialplan-Kosten lohnen könnte. Nach Informationen von Erhardt gibt Sandvik dafür vier Jahre vor. Im Frühjahr habe Walter von dreieinhalb Jahren gesprochen. Das war aber eben vor der Corona-Krise und den Umsatzeinbrüchen bei vielen Kunden.

Sind die dreieinhalb Jahre angesichts dessen zu halten? Skau-Fischer gibt sich zuversichtlich. Die Lieferketten der Sandvik-Gruppe seien intakt. Jedes „Veränderungsvorhaben“, so nennt sie die geplante Schließung, werde sorgfältig vorbereitet. Walter habe die Zahlen „gechallengt“, also nochmals geprüft.

Gewerkschafter Erhardt sieht gleichwohl noch etwas Luft zugunsten der Arbeitnehmer. Er will versuchen, die Schweden im direkten Gespräch umzustimmen. „Ansonsten wird es teuer für Sandvik.“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.
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