Weniger Verschwendung

Lebensmittel retten per App

Von Regina Seibel
01.01.2021
, 17:46
Das gleiche bekommen, aber günstiger: Über die Anwendung „Too good to go“ können Nutzer Lebensmittel kaufen, die sonst weggeworfen werden müssten. Davon haben beide Seiten etwas.

Ein Roggenvollkornbrot, ein Stück Pflaumenkuchen, ein Sesambrötchen und ein Croissant. Die „Too good to go“-Tüte von der Kaiser Biobäckerei in der Kaiserstraße ist mit Backwaren im Wert von acht Euro gefüllt. Gekostet hat sie allerdings nur 3,50 Euro. Bei Biokaiser dürfen die „Too good to go“-Kunden ihre Tüte selbst zusammenstellen, allerdings nur mit den Waren, die kurz vor Feierabend übrig geblieben sind. Normalerweise werden die Überraschungstüten von den Mitarbeitern vorverpackt – Interessierte müssen ihre Portion nur noch am Abend abholen, nachdem sie eine über die App reserviert und bezahlt haben. Für jede verkaufte Portion erhebt „Too good to go“ von den Betrieben eine Gebühr.

Bäcker, Supermärkte, Restaurants, Cafés und Hotels können in der App täglich Portionen von übrig bleibenden Lebensmitteln anbieten, welche die Käufer dann in einem bestimmten Zeitrahmen abholen müssen – oft kurz vor oder kurz nach Feierabend. Bleibt am Ende des Tages doch nicht so viel übrig, kann der Betrieb die Bestellung noch rechtzeitig stornieren. Der Kaufpreis über die App beträgt oft kaum die Hälfte des ursprünglichen Preises. Aber so müssen die Betriebe weniger Lebensmittel wegwerfen, verdienen sogar noch ein wenig, und die Kunden sind dankbar für die günstigen Lebensmittel.

Eine typische Win-win-Situation, sagt Rita Sköries-Schmiedel, Vertriebsleiterin der Kaiser Biobäckereien. Fast alle Filialen in Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet nehmen seit mittlerweile zwei Jahren an dem Geschäftsmodell teil. Die Bäckereien planten immer mit etwa sieben Prozent Retoure, damit auch die Kunden am Abend noch eine gute Auswahl hätten, würfen aber trotzdem kaum etwas weg. Was trotz der „Too good to go“-Kunden nach Feierabend übrig bleibt, gehe an die Tafel oder an die Obdachlosenhilfe – das sei trotz der verkauften Tüten genug, sagt Sköries-Schmiedel. Einige Waren müssten aber in jedem Falle in den Müll, unter anderem belegte Brote, da diese schnell verderben.

Ärger bei „Normalkunden“

Bisher habe die Bäckereikette sehr gute Erfahrungen mit der App gesammelt, sagt die Vertriebsleiterin. Die Bedienung sei für beide Seiten einfach, und die Nachfrage sei von Anfang an hoch gewesen. „Normalkunden“ hätten sich aber zunächst geärgert, wenn vor ihnen jemand mit der App gekommen sei und die Waren günstiger bekommen habe, sagt Sköries-Schmiedel: „Da mussten unsere Mitarbeiter erst mal viel erklären.“ Jetzt, während des Teil-Lockdowns, falle auf, dass die Nachfrage in den Stadt-Filialen sinke, in den Stadtteil-Filialen aber steige. Das liege wahrscheinlich daran, dass mehr Menschen im Homeoffice seien.

Ebenso wie Biokaiser verzichtet auch die Hotelkette Scandic auf fertig gepackte Tüten. Die App-Nutzer können sich in der Frankfurter Niederlassung am Museumsufer für 3,50 Euro nach eigenem Belieben am Frühstücksbuffet bedienen. Dadurch könne man auf Unverträglichkeiten und Allergien Rücksicht nehmen, sagt Daniel Deglow, Food and Beverage Manager im Frankfurter Haus. Fünf Frühstücksboxen bietet das Hotel täglich an, außerhalb des Corona-Lockdowns seien es mehr gewesen. Wenn der Lockdown im nächsten Jahr vorbei sei, könnten die Kunden wieder Boxen vom Mittagsbuffet für 4,50 Euro erwerben.

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Im vergangenen Jahr habe man in den vier deutschen Häusern der Scandic-Kette 2000 Essensportionen gerettet, rund 40 Boxen pro Tag hätten die Hotels insgesamt angeboten, sagt Deglow. Dadurch sei kaum etwas zurückgeblieben, was am Ende des Tages hätte weggeworfen werden müssen. Weitere Essensreste verarbeite man zu Biogas oder biete sie bei „Foodsharing“ an, einer Online-Plattform, bei der Mitglieder unentgeltlich Lebensmittel anbieten können, die sonst im Müll landeten.

„Mega“ Idee

Die Alnatura-Biomärkte in Frankfurt arbeiten ebenfalls mit „Too good to go“ und „Foodsharing“ zusammen. Nicht jeden Tag bleibe etwas übrig, sagt ein Mitarbeiter des Alnatura-Markts an der Bockenheimer Landstraße. Aber wenn, dann biete der Markt etwa drei Obst- und Gemüsetüten sowie zwei bis drei Backwarentüten für je 3,90 Euro an. Kurz vor den Feiertagen seien es auch mal zwölf Tüten gewesen. Enthalten sind Backwaren vom Vortag oder Obst und Gemüse, das so nicht mehr in den Handel solle, aber noch gut sei. Meistens hätten die Tüten einen Wert von 13 bis 16 Euro. Was nicht mehr in die Tüten komme, beispielsweise Rot- und Weißkohl mit angetrockneten äußeren Scheiben, gehe zu „Foodsharing“.

Die Nachfrage sei sehr hoch, nach fünf Minuten seien alle Tüten weg, sagt der Alnatura-Mitarbeiter. Teilweise hätten sich Kunden beschwert, weil sie es nicht schafften, eine der Tüten zu ergattern. Die Idee ist nach Worten des Mitarbeiters „mega“, da sie Spaß mache und die Biomarkt-Filiale dadurch 80 Prozent weniger wegwerfe. In nächster Zeit sei außerdem geplant, Trockensortiment über die App anzubieten. Das seien Produkte, die der Markt aus dem Sortiment nehme oder deren Verpackung beschädigt sei. Auch über Molkereiprodukte habe man nachgedacht, jedoch sei es mit ihnen eher schwieriger, da sie durchgängig gekühlt werden müssten. „Wir bräuchten dafür am besten einen eigenen Kühlschrank“, sagt der Mitarbeiter.

Rund 200 Frankfurter Betriebe beteiligen sich an dem Angebot, die Nutzer hätten in nun vier Jahren rund 200.000 Mahlzeiten gerettet, sagt Johanna Paschek, Sprecherin von Too good to go. Die App sei außerdem nach wie vor am Wachsen. Aufgrund der derzeitigen Situation würden Restaurants aber weniger Mahlzeiten anbieten. Das Bewusstsein für Lebensmittelverschwendung werde größer, sagt Paschek – „sowohl seitens der Betriebe als auch seitens der Verbraucher“.

Quelle: F.A.Z.
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