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Conrad Binding

„Doch blieb ich fest bei meinem Plan“

Von Manfred Köhler
Aktualisiert am 01.08.2020
 - 12:00
Am Garküchenplatz fing es an: Dort übernahm Conrad Binding 1870 eine Brauerei in Zahlungsschwierigkeiten.zur Bildergalerie
Conrad Binding hat zielstrebig aus einer kleinen Altstadt-Brauerei den größten Betrieb weit und breit entwickelt. Doch der Weg dahin war nicht immer leicht.

So hatte sich Daniel Binding das nicht gedacht. Natürlich sollten seine Kinder etwas Besseres werden, so dachte der angesehene Frankfurter Bäckermeister, und allemal auch sein zweiter Sohn Conrad, dafür hatte er ihn schließlich auf die höhere Schule geschickt. Sehr klare Vorstellungen hatte der Vater: Rechtsanwalt, das wäre doch etwas für den Filius.

Und nun das. „Eines schönen Tages im Jahr 1861“, erinnerte sich der Sohn später, „kam ich zu meinem Vater und erklärte ihm, dass ich Bierbrauer werden wolle! Selbstverständlich gab es zu Hause einen großen Krach, doch blieb ich fest bei meinem Plan.“ Was sollte der Vater machen? Zumal der Sohn zielstrebig zu Werke ging. Conrad Binding absolvierte eine Lehre bei einer Brauerei in Aschaffenburg, kam auf der Walz bis Wien, arbeitete als Brauergeselle in Frankreich, und als er 1870 nach Frankfurt zurückkehrte, schaute er sich alle 39 Brauereien am Ort an, arbeitete hier und dort mit und begann zu überlegen, wie es weitergehen sollte.

Schließlich ergab sich eine Gelegenheit. Die kleine Brauerei Glock war in Zahlungsschwierigkeiten geraten, Binding schlug zu – mit beachtlicher Unterstützung des wohl inzwischen mit den Plänen des Sohnes versöhnten Vaters. Am 1.August 1870, heute vor 150 Jahren, übernahm Conrad Binding im Alter von 24 Jahren das kleine Brauhaus mit der Gaststätte Stadt Schwalbach am Garküchenplatz in der Frankfurter Altstadt, nicht weit von der väterlichen Bäckerei an der Fahrgasse, und dazu einen Felsenkeller an der Darmstädter Landstraße in Sachsenhausen zur kühlen Lagerung des Biers.

Die Anfänge waren nicht einfach. Binding konnte froh sein, dass er nicht zum Krieg eingezogen wurde, der wenige Tage zuvor, am 19.Juli, mit der Kriegserklärung Frankreichs an Preußens begonnen hatte, bei den Frankfurter Bierkrawallen, mit denen sich Demonstranten gegen eine geplante Preiserhöhung gewehrt hatten, kam er glimpflich davon.

Binnen eines Jahrzehnts zum Marktführer

Dann trugen ihn die Gründerjahre nach der Reichsgründung nach oben. Binnen eines Jahrzehnts war aus dem kleinen Betrieb der Frankfurter Marktführer geworden, weil er besser als andere die Chancen nutzte, die sich in den Aufschwungjahren boten. Schon 1881 zog er nach Sachsenhausen um, wo der Betrieb weiter wuchs, wohin auch die Konkurrenz umgezogen war, weil dort Platz war und in den Felsenkellern Lagermöglichkeiten bestanden; die Henninger-Brauerei sollte mehr als ein Jahrhundert der Nachbar von Binding auf dem Sachsenhäuser Berg sein.

Mit der Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft 1884 legte Conrad Binding den Grundstein für weiteres Wachstum, aber die Zeiten, in denen die Familie allein das Sagen hatten, neigten sich dem Ende zu. Als in den schweren Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, in denen die galoppierende Inflation alles ins Rutschen brachte, auch die Binding-Brauerei ins Schlingern kam, war längst die Bank für Brau-Industrie aus Dresden der größte Anteilseigner, Binding musste mit der Hofbierbrauerei Schöfferhof aus Mainz und der Frankfurter Bürgerbräu fusionieren, um zu retten, was zu retten war. Doch die Schöfferhofer-Binding-Bürgerbrau AG war nicht mehr das, was Conrad Binding einst gewollt hatte, der inzwischen Vierundsiebzigjährige zog sich verbittert zurück und betrat die Brauerei bis zu seinem Tod 1933 nie wieder.

Die Binding-Brauerei aber lebte als Teil des riesigen Konzerns der Bank für Brau-Industrie weiter, die Brauereien in ganz Deutschland besaß. Sie gehörte ihrerseits dem Dresdner Bankhaus Gebr. Arnhold, dessen jüdische Eigentümer sich 1935 gezwungen sahen, ihr Eigentum vor der Emigration an die Dresdner Bank zu verkaufen, die wiederum die Braubank nach Kriegsende an die inzwischen in New York lebende Familie zurückgeben musste.

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Die Arnholds verkauften die Bank mit ihren Beteiligungen in den fünfziger Jahren an den aufstrebenden Oetker-Konzern, der damit auf einen Schlag zum größten Brauerei-Eigentümer Deutschlands wurde. Diesen Titel hat die Bielefelder Unternehmensdynastie nicht mehr hergegeben. Ihren Brauereibesitz hat sie heute in der Radeberger-Gruppe zusammengefasst, die auf dem Binding-Gelände residiert. Die Binding-Brauerei aber schreibt das Erbe Conrad Bindings fort, auch noch eineinhalb Jahrhunderte nachdem sich ein junger Mann vor seinem Vater aufgebaut hatte und ihm verkündete, er wolle nicht Rechtsanwalt werden. Er habe einen besseren Plan.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Köhler, Manfred
Manfred Köhler
Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.
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