Zahnpflege bei Kindern

Tigerbiss und Zahnputzhexe

Von Tobias Rösmann, Wiesbaden
04.04.2015
, 18:08
Bürstenhalter: Zahnputzbecher von Kindern in einer Kindestagesstätte (Symbolbild)
Andrea Thumeyer ist Zahnärztin in Wiesbaden. Regelmäßig zeigt sie Kindern in Kitas, wie sie richtig die Zähne putzen. Das lohnt sich. Trotzdem gibt es zur Mundhygiene immer noch erschreckende Zahlen.
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Die Kieselsteine putzen Zähne. Kauflächen, Außenflächen, Innenflächen. Dabei singen die Kleinen der Kita-Gruppe das Lied „Zahnbürste, tanz in meinem Mund, halt die Zähne mir gesund, hin und her, hin und her, Zähneputzen ist nicht schwer“. Weil sich die Kinder so auf das Putzen konzentrieren, sind fast nur ihre Erzieherinnen zu hören. Und natürlich Andrea Thumeyer, die Zahnärztin. Die zierliche Frau ist an diesem Morgen in die Wiesbadener Kindertagesstätte Europaviertel gekommen, um den Drei- bis Sechsjährigen beizubringen, wie sie richtig Zähne putzen.

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Der Kindergartenbesuch gehört zu einem Konzept, das den Kindern die Angst vor dem Zahnarzt nehmen und die Zahnpflege verbessern soll. Nötig ist das. Denn jedes zweite Kind hat nach Thumeyers Worten zu Beginn der Schulzeit mindestens ein Karies-Loch. 15 Prozent der unter Dreijährigen haben sogar schon Löcher in mehreren Milchzähnen, sie gelten deshalb als Hochrisikogruppe. Die Zahnärztin sagt: „Die Gebisse können dann nur noch unter Narkose saniert werden.“

Ein Puppe als Helferin

Thumeyer ist Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege in Hessen. Außerdem hat sie eine Praxis in Wiesbaden und betreut als „Paza“ acht Kindertagesstätten in der Landeshauptstadt. Paza steht für Patenschaftszahnarzt. In 4000 hessischen Zahnarztpraxen gibt es nach Thumeyers Worten ungefähr 1600 solcher Patenschaften. Hinzu kommen Zahnarzt-Teams des öffentlichen Gesundheitsdiensts, die in die Kitas gehen.

Thumeyers beste Helferin heißt Irma. Zu Beginn des Kita-Besuchs schnarcht sie in einer schwarzen Tasche und muss von den Kindern erst einmal wachgerufen werden. Irma ist eine Zahnputzhexe mit grünem Haar, Knollennase und vier Zähnen. Thumeyer spielt und spricht die Handpuppe so gut, dass der kleine Alexander während der Zahnputzübung nur mit der 777 Jahre alten Irma redet und nicht mehr mit der 720 Jahre jüngeren Zahnärztin. Immer wieder zeigt Thumeyer den Kindern, die im Kreis auf dem Boden des Gruppenraums hocken, wie sie ihre Zahnbürsten richtig halten und bewegen müssen.

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Schreiben und Zähneputzen hängen zusammen

Der Gedanke ist einfach. Je früher die Kinder die richtige Zahnpflege lernen, desto besser putzen sie. Und je besser die Erzieherinnen in den Kitas und Krippen geschult sind, desto einfacher können sie ihr Wissen an die Kinder weitergeben. Zu Thumeyers Aufgaben zählen deshalb viele Fortbildungen - für die Erzieherinnen und für die Eltern. Die staunen bisweilen, wenn die Ärztin ihnen erzählt, dass Karies schon in den Milchzähnen die Ökologie im Mund derart verseuchen kann, dass es auch für das Bleibendgebiss böse Folgen haben kann. Während zahngesunde Kinder zu 90 Prozent ohne einen Zahnschaden durchs Leben gehen, haben Kinder mit Löchern in den Milchzähnen nur eine 50-Prozent-Chance, bis zum Lebensende keine neue Karies zu bekommen.

Lennard mampft Cornflakes mit Milch aus einer Glasschale, Lea kaut auf einem Stück Karotte. In einem Korb auf dem Tisch steht Vollkornbrot. Um die Mundhygiene zu fördern, ist der Vormittag in der Wiesbadener Kita zuckerfrei. In der Kieselsteine-Gruppe gibt es deshalb nur Wasser und ungesüßten Tee zu trinken. Erst mittags gibt es für die Ganztagskinder einen süßen Nachtisch. Danach putzen alle die Zähne, nach dem KAI-System: Kauflächen, Außenflächen, Innenflächen. Zu Hause müssen morgens und abends die Eltern die Zähne sauber putzen, und zwar so lange, bis die Kinder flüssig schreiben können. Erst dann sind die koordinativen Fähigkeiten weit genug ausgebildet.

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Zahnpasta-König und Zahnpasta-Königin

Es ist Zeit für den Tigerbiss. Thumeyer fletscht die Zähne und knurrt. Die Kinder fletschen und knurren ihr nach, dann putzen sie alle zusammen die Außenseiten der Zähne. Erst kreisend vorne, dann an den Seiten. Dabei singen sie die nächste Strophe des Zahnputzlieds: „Rundherum, rundherum, Zähne putzen ist gesund.“ Giuliano sagt: „Zu Hause habe ich sogar eine elektrische Zahnbürste.“

Thumeyer erzählt, dass Kinder im Schnitt in Deutschland nur 1,4 Zahnbürsten im Jahr verbrauchen. Dieses hygienische Desaster hat auch damit zu tun, dass sich manche Familien tatsächlich eine Bürste teilen. Die Ärztin hält vier bis sechs Zahnbürsten im Jahr pro Person für richtig. Sie rät, die Bürsten hin und wieder in die Spülmaschine zu geben, um Schmutz und Bakterien zu entfernen.

An diesem Vormittag ist Lea die Chefin. Sie darf jedes Kind der Gruppe aufrufen und die Zahnpasta verteilen. Die wird vorher in kleinen Portionen rundherum auf den Rand eines Tellers gedrückt. Von dort schabt sich jedes Kind die Pasta auf die eigene Zahnbürste. Damit klar ist, wer der Zahnpasta-König oder die Zahnpasta-Königin des Tages ist, hat Erzieherin Elisabeth Schnell mit ihren Kolleginnen einen großen weißen Pappzahn ausgeschnitten und aufgehängt. Darauf sind die Namensschilder der Kinder geklebt. Eine Zahnbürste, die von Tag zu Tag zum nächsten Namen wandert, zeigt an, wer dran ist.

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Defizite beim Zähneputzen am Abend

Wissen ist wichtig. So wissen viele Eltern nicht, dass sie ihren Kindern nach dem abendlichen Sauberputzen der Zähne nichts mehr zu essen und zu trinken geben sollten außer Wasser. Denn nur so bekommen die Kinderzähne zusammen mit einem zuckerfreien Morgen die nötigen 16 Stunden Regeneration durch den Speichel. Die brauchen sie, um gesund zu bleiben. Andernfalls produzieren Plaque-Bakterien nach 24 bis 48 Stunden im Zahnbelag Säuren, die die Zähne angreifen. Wird die 16-Stunden-Frist eingehalten, sind Regeln wie „Nach jedem Essen und immer nach dem Konsum von Süßigkeiten Zähne putzen“ und „Keine Süßigkeiten essen“ überflüssig, wie Thumeyer sagt. Leider gebe es unter den Eltern aber noch große Defizite beim abendlichen Sauberputzen.

Für das Mundhygiene-Konzept stellen die gesetzlichen Krankenkassen in Hessen nach Thumeyers Worten etwa 6,8 Millionen Euro im Jahr zur Verfügung. Mit dem Geld werden die Bürsten und die Zahnpasta für die Kitas bezahlt, aber auch die Fortbildungen und die Patenschaftshonorare der Zahnärzte beglichen. Überall zu sehen ist Irma, die Zahnputzhexe. Die Kinder finden sie auf Merkzetteln, Aufklebern und in Büchern.

So wichtig die Eltern und Kinder sind, Thumeyer hält die Erzieherinnen für den Dreh- und Angelpunkt. Neulich hat sie in der neuen Wiesbadener Kita Wörther-See-Straße eine Fortbildung gegeben. Pia Ast und Anne Kiens waren dabei. Jeden Tag nach dem Mittagessen gehen sie seitdem mit ihrer Schmetterling-Gruppe in den Waschraum zum gemeinsamen Putzen. Nach der dritten Strophe „Wische aus, wische aus, wisch den ganzen Schmutz heraus“ meldet sich Susanna. Sie wünscht sich noch eine Strophe für ihre Mutter. Kein Problem, die Kinder singen: „Jetzt ist meine Mama dran, fängt bei mir zu putzen an.“ Irma freut sich. Andrea Thumeyer auch.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.jugendzahnpflege.hzn.de.

Quelle: F.A.Z.
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