Theaterruine in Wiesbaden

Kann das Walhalla wieder zu altem Glanz kommen?

Von Oliver Bock
16.10.2021
, 12:37
Schon lange kein Anziehungspunkt mehr: Das frühere Theater in der Wiesbadener Innenstadt ist baufällig.
Für die Zukunft der Theaterruine Walhalla in Wiesbaden werden dringend kreative Vorschläge gesucht. Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff stellt seine ganz eigene Vision zur Diskussion.
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Volker Schlöndorff sieht sich hier noch immer „halb zu Hause“. Vielleicht schmerzt den gebürtigen Wiesbadener gerade deshalb, dass die Landeshauptstadt eher als Stadt „der kaiserlichen Rentner und russischen Spieler“ wahrgenommen werde denn als Stadt des Films. Der 82 Jahre alte Oscar-Preisträger erinnert sich gern an seiner ersten Kinoerlebnisse in Wiesbaden, an die erste, „schreckliche“ Oper und an seinen ersten Kurzfilm, den er am Biebricher Rheinufer gedreht hat.

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Der Regisseur sieht den Film gegenwärtig in einer Krise, und gerade deshalb das Walhalla als große Chance: Dessen Zukunft als „Ereignisort“ liege in einer Kombination aus Kino, Jahrmarkt und Varieté. Für Wiesbaden gehe es bei der Sanierung und Neuausrichtung des früheren Theaters nicht weniger als um seinen Ruf, sagte Schlöndorff zum Auftakt einer Arbeitstagung über das Schicksal des Walhalla.

Eine Tagung, zu der vor allem auswärtige Impulsgeber eingeladen worden waren, die den ihnen weitgehend unbekannten Kulturort „neu denken“ können, ohne sich dabei mit Fragen der Realisierbarkeit und Finanzierbarkeit konkret beschäftigen zu müssen: „Denken Sie so groß, wie sie wollen“, ermunterte der Vorsitzende des 2018 gegründeten Kulturbeirats, Ernst Szebedits, die Teilnehmer. Schließlich gehe es um nicht weniger als einen neuen kulturellen städtischen Mittelpunkt.

Corona grätschte dazwischen

Seit fast fünf Jahren ist das Walhalla-Theater in zentraler Lage der Wiesbadener City aus Brandschutzgründen zugesperrt. Gerade als sich die Landeshauptstadt im Jahr 2020 aufmachen wollte, entscheidende Schritte zur Sanierung und zur Suche nach einem Betreiber für die dauerhaft zu subventionierende Spielstätte zu unternehmen, grätschte Corona dazwischen.

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Welcher Kulturschaffende würde sich in dieser schwierigen Zeit für ein neues, hochambitioniertes Projekt erwärmen können? Auf Antrag des Kulturbeirats beschlossen die Stadtverordneten die Sache zunächst zu verschieben, und im Mai dieses Jahres wurde entschieden, die Suche nach einem möglichen Betreiber – zumindest vorerst – wieder einzustellen. Stattdessen wurde die Anregung des Beirats aufgegriffen, einen „Kreativprozess“ mit der lokalen und der überregionalen Kulturszene zu beginnen, um kreative Ideen für die Zukunft des Walhalla zu sammeln. Klar ist, dass eine Sanierung und ein möglicher Umbau im Innern eng auf das künftige Betreiberkonzept abgestellt werden muss.

Dem stark sanierungsbedürftigen Haus wird eine bedeutsame Rolle zut Revitalisierung und dauerhaften Belebung der Innenstadt zugeschrieben. Es gebe einen klaren Konsens, sagt Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD): Das Walhalla solle zum kulturellen Fixpunkt in der Innenstadt werden. Die kulturelle Nutzung sei Basis aller Überlegungen und Sanierungsplanungen.

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Eine teure Sanierung steht bevor

Doch die Sanierungskosten werden bislang auf deutlich mehr als 30 Millionen Euro geschätzt. Daher kamen bislang zwei Varianten in Betracht: Die Stadt gewährt ihrer Holding WVV, der das Haus seit 2007 gehört, einen kommunalen Sanierungszuschuss von mindestens 21,5 Millionen Euro, um die Miete für einen Betreiber auf ein tragbares Maß senken zu können. Oder die Stadt pachtet das Haus von der WVV und vermietet es mit einem hohen Abschlag auf die tatsächliche Kostenmiete weiter.

Schon jetzt ist klar, dass noch einige Jahre vergehen werden, ehe das Walhalla wiedereröffnet werden kann – unter welche Vorzeichen auch immer. Der Oberbürgermeister dringt darauf, die Hängepartie baldmöglichst zu beenden und ambitionierte Zeitpläne aufzustellen. Fördermittel des Landes aus einem Innenstadtprogramm seien nur zu erwarten, wenn schon 2024 gebaut werde. Darüber hinaus werde Wiesbaden einen neuen Versuch unternehmen, Geld aus dem Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ abzugreifen. Der Kulturbeirat und die Holding WVV als Eigentümerin GmbH stehen dabei im Dialog über die Zukunft des Hauses. Beiratsvorsitzender Ernst sieht einen Konsens, dass „eine kulturelle Nutzung an dieser bedeutenden Lage zu einem neuen Anziehungspunkt werden kann, der eine positive Strahlkraft auf die gesamte Innenstadt entfaltet“.

Weitere Impulse sollte am Freitag der Workshop liefern, zu dem auch auswärtige Experten eingeladen waren. Die Erwartungen sind groß. „Wenn es gelingt, für diese besondere Immobilie Ideen für ein nachhaltig funktionierendes Nutzungskonzept zu entwerfen, sind wir einen sehr großen Schritt weiter“, meinte der Oberbürgermeister zuvor. Der Standort Wiesbaden bedürfe neuer Impulse, und die bauliche Situation des Gebäudes dulde keinen Aufschub mehr. Die stellvertretende Beiratsvorsitzende Dorothea Angor plädiert für das Walhalla als „frischen, frechen und feschen Kulturort, der Strahlkraft hat“. WVV-Geschäftsführerin Bernadette Boot wünscht sich aber ein „wirtschaftlich tragfähiges Nutzungskonzept“.

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Einst Strahlkraft bis nach Australien

Das 1897 eröffnete Walhalla mit seinen zwei Untergeschossen hat eine Fläche von insgesamt rund 6700 Quadratmetern. Als „Spezialitäten-Theater ersten Ranges“ gab es dort unter anderem große Bühnenschauen mit Gesangsdarbietungen, Konzertmusik und Varieté.

Sogar Elefanten wurden in dem Haus gezeigt. Es gab ein „Grand-Restaurant“, eine Weinstube, eine Kegelbahn und einen Wintergarten. Bei den Stummfilm-Vorführungen in den dreißiger Jahren spielte ein Organist die Kinoorgel. Zu den prominentesten Besuchern des Hauses zählen Marika Rökk, Elvis Presley, Maria Schell und Ray Charles.

Der Architekt und Bauforscher Martino La Torre erinnerte daran, dass sogar der konstituierende Festakt zur Gründung des Landes Hessen im Walhalla stattgefunden habe. Das Haus habe einst Strahlkraft bis nach Australien entfaltet. Das sei heute viel schwieriger. Aber ein großer Leuchtturm für die City sei möglich.

Quelle: F.A.Z.
Oliver Bock - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Oliver Bock
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.
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