Zum Abschied von Max Hollein

Wie eine Kunststadt entsteht

Von Michael Hierholzer
22.05.2016
, 09:06
Das Werk ist vollbracht: Max Hollein in den 2012 fertiggestellten Städel-Gartenhallen mit zeitgenössischer Kunst
Max Hollein tritt im Juni seine Stelle als Direktor der Fine Arts Museums in San Francisco an. Am Sonntag verabschiedet ihn die Stadt Frankfurt. Eine Ära endet.
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Als er 2001 nach Frankfurt kam, um die Schirn Kunsthalle zu übernehmen, brachte er so ziemlich alles mit, was Frankfurt in jenen Jahren anstrebte und doch so oft vermissen ließ: Internationalität, Selbstbewusstsein, Kooperationsbereitschaft. Max Hollein schien zu verkörpern, was die Kommunalpolitik seinerzeit brauchte. Er dachte in ganz anderen Größenordnungen als seine Vorgänger und strahlte einen unwiderstehlichen Optimismus aus. Auch ließ er niemanden im Unklaren darüber, dass er guter Dinge war, was die künftige Finanzierung der von einigen schon abgeschriebenen Ausstellungshalle anging: Von Anfang an suchte er nach Förderern, die in der Lage waren, die städtischen Subventionen zu ergänzen.

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Manche aus der Kulturszene waren skeptisch, denn Max Hollein verkörperte einen neuen Typus von Kulturvermittler. Die Zweifel verstärkten sich noch einmal, als er vier Jahre später mit dem Städel und dem Liebieghaus auch die beiden renommiertesten Kunstinstitute der Stadt übernahm, Häuser, die sich einem weit in die Stadtgeschichte zurückreichenden und sich stets erneuernden bürgerlichen Engagement verdanken. Statt eines bedächtigen Museumsdirektors mit wissenschaftlichem Hintergrund und einer gewissen Abneigung, viele Menschen in die heiligen Hallen zu lassen, hatte Frankfurt einen Kunstmanager bekommen, der mit künstlerischen Thesen ebenso geschickt zu jonglieren verstand wie mit ökonomischen Fakten. Die Marketingmaschinerie, die er anwarf, läuft bis heute auf Hochtouren.

Hollein war 15 Jahre lang Direktor der Schirn

Die einstige Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth hatte 1998 bei einem New-York-Aufenthalt den damaligen Mitarbeiter des Guggenheim-Museums kennengelernt. Sie erlag nicht nur seinem österreichischen Charme, sondern konnte sich bei Speis und Trank in einem exklusiven Restaurant auch von seiner Kulturkompetenz überzeugen. New York und Frankfurt: Das passte in den Augen des einstigen Stadtoberhaupts ohnehin bestens zusammen. Und noch jemand anderes am Tisch war von dem alerten und zielstrebigen jungen Mann angetan: der damalige Büroleiter Roths und heutige Kulturdezernent Felix Semmelroth. Dass dessen Amtszeit nun ziemlich genau dann endet, wenn Hollein offiziell seine neue Stelle als Leiter der Fine Arts Museums in San Francisco antritt, ist eine hübsche Pointe der Kommunalgeschichte. Über viele Jahre hinweg haben sich Hollein und Semmelroth die Bälle zugeworfen. Ausstellungen mit ungewöhnlichen Themen, die dennoch ein großes Publikum anziehen – das war nach dem Geschmack des Stadtrats, dem es stets um die ästhetische Bildung zu tun ist.

Hollein hat in den 15 Jahren, in denen er in Frankfurt an oberster Stelle für das Wahre, Schöne, Gute und Interessante in den Künsten tätig war, nichts angekündigt, was er nicht auch verwirklicht hätte. Am erstaunlichsten ist sicherlich, dass es kaum fünf Jahre dauerte, bis sich nach der Vorstellung des Projekts tatsächlich der Grüne Hügel Frankfurts über dem Städelgarten wölbte und die Gartenhallen 2012 als Erweiterungsbau des Städel-Museums eröffnet wurden und nun der zeitgenössischen Kunst vorbehalten sind.

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Der Mann, dem die Großbürger vertrauen

Holleins Ziel war es, nachdem er die Leitung des Hauses übernommen hatte, den Bestand des Städels an moderner Kunst entschieden zu erweitern. Es gelang ihm, mit großen Teilen der Unternehmenssammlungen von Deutscher Bank und DZ Bank Werke von hoher Qualität dauerhaft an das Städel zu binden. Innerhalb kürzester Zeit avancierte das Museum zu einem der weltweit wichtigsten Institutionen nicht nur für alte Meister, sondern auch für junge Kunst. Dazu leistet etwa auch das Städelkomitee 21. Jahrhundert einen bedeutenden Beitrag, ein Gremium aus finanzstarken Unterstützern, das Hollein ins Leben gerufen hat. Überhaupt konnte er sich auf das Bürgertum aus Frankfurt und den umliegenden Taunusgemeinden verlassen. Immer wieder fanden sich Mäzene, die den Ankauf einzelner Arbeiten ermöglichten oder dem Haus ganze Nachlässe übergaben.

Hollein ist der Mann, dem die Großbürger vertrauen. Gerade auch die Banker unter ihnen. Kein Wunder, dass sich die Honoratioren der Städel-Administration für ihn begeisterten, als er die Schirn von einem Erfolg zum anderen führte, sahen sie in ihm doch jemanden, der Unternehmergeist besitzt und seine Pläne zügig umzusetzen weiß. Wirtschaftsleute fühlen sich bei ihm in guten Händen, er spricht ihre Sprache und bürgt für Solidität. Schließlich hat der 1969 in Wien geborene große Kommunikator nicht nur Kunstgeschichte, sondern auch Betriebswirtschaft studiert. Rasch fand er in die Frankfurter Gesellschaft, die ihn verhätschelte. Natürlich gab es auch Neider. Und grundsätzliche Kritik: Er ziehe alle Drittmittel ab, andere Kultureinrichtungen gingen leer aus. Bald hieß es auch, er werde nicht lange in Frankfurt bleiben. Blieb er dann aber doch.

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Ein Verfechter der Provenienzforschung

Schon mit seiner ersten spektakulären Schirn-Ausstellung hat er auf den Kaufmannsgeist reagiert, der im gelegentlich nüchtern wirkenden Frankfurt seit jeher herrscht: „Shopping“, die Schau über Kaufverhalten und Konsum, war 2002 ein Publikumsrenner. Im Städel brach er später mit der Botticelli-Ausstellung und der Monet-Schau im vorigen Jahr alle Rekorde. Das Haus kam regelmäßig an seine Kapazitätsgrenze, Kultur wurde zu einem wesentlichen Moment der Stadtvermarktung. Viele Besucher kommen inzwischen von weither, um die Blockbuster-Ausstellungen in den von Hollein geleiteten Häusern zu sehen.

Auch das traditionell eher beschauliche Liebieghaus wurde miteinbezogen: Die Schau mit Arbeiten von Jeff Koons bescherte dem Museum für Skulpturen einen Besucheransturm, wie man ihn dort noch nicht erlebt hatte. Zuvor schon hatten die „bunten Götter“ für Furore gesorgt: Der von Hollein nach Frankfurt geholte Archäologe Vinzenz Brinkmann führte als Leiter der Antikensammlung des Liebieghauses dem Publikum vor Augen, dass es in der Kunst des Altertums farbenfroh zuging. Immer wieder preschte Hollein voran, mit der Provenienzforschung, die der Entdeckung während und nach der Zeit des Nationalsozialismus unrechtmäßig erworbener Kunstwerke dient, ebenso wie mit der Digitalisierung des Museumsangebots. Wenn Frankfurt heute weltweit als Kunststadt gilt, ist das im Wesentlichen Max Holleins Verdienst. Morgen verabschiedet ihn die Stadt bei einem Festakt im Römer.

Quelle: F.A.Z.
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