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Tränen bei Tennis-Star Murray

„Ich halte die Schmerzen nicht mehr aus“

Von Doris Henkel, Melbourne
 - 11:56

Der Termin stand für Freitagmorgen um 11 Uhr auf dem Programm, drei Tage vor seinem ersten Spiel. Irgendwie konnte man ahnen, dass es bei dieser Gesprächsrunde mit Andy Murray nicht um Alltäglichkeiten wie die Aussichten für den ersten Auftritt bei den Australian Open oder über generelle Erwartungen gehen würde. Vor einer Woche erst hatte Murray nach einem Sieg in der ersten Runde beim Turnier in Brisbane sichtlich bewegt erzählt, der Sieg bedeute ihm auch deshalb so viel, weil er keine Ahnung habe, wie lange es für ihn noch weitergehen könne. Zwölf Monate zuvor war er an der Hüfte operiert worden, im Sommer vergangenen Jahres war der 31-Jährige auf die Tour zurückgekehrt, mit zurückhaltendem Optimismus und unsicheren Schritten; es war nicht zu übersehen, dass er nicht mehr der alte war.

Doch jetzt erübrigt sich die Frage, ob Sir Andy, Schottlands Wimbledonsieger, Olympiasieger, Davis-Cup-Sieger und Braveheart, je wieder so gut Tennis spielen wird wie zu seiner besten Zeit. Etwas mehr als zwölf Minuten dauerte die Pressekonferenz um elf, in der Murray unter Tränen das Ende seiner Karriere erklärte.

Alles versucht

Am Montag wird er in der ersten Runde in der Rod Laver Arena gegen Roberto Bautista Agut spielen, und angesichts der Klasse des Spaniers ist es gut möglich, dass das Murrays letzter Auftritt als Tennisprofi sein wird. Er könne schon noch spielen, sagt er, aber nicht auf einem Niveau, mit dem er zufrieden sei. Aber das ist es nicht allein. „Ich halte die Schmerzen nicht mehr aus. Ich habe wirklich alles versucht, damit die Sache wieder in Ordnung kommt, aber es hat nicht funktioniert.“

Mit diesem Wissen lebt Murray seit ein paar Monaten, auch sein Team weiß solange Bescheid, aber zusammen hatten sie gehofft, er werde bis Wimbledon durchhalten können, um auf der größten Bühne des Tennis, der Bühne seines Lebens, gebührend Abschied nehmen zu können. Murray hat Zweifel, ob es dazu kommen wird. „Ich weiß nicht, ob ich das schaffen werde.“ Auch dieser Satz trieb ihm wieder die Tränen in die Augen, und er war nicht der einzige, dem es so ging.

Die emotionale Ankündigung verbreitete sich wie in Schockwellen auf dem Planeten Tennis. Murray ist ja nicht nur einer der erfolgreichsten Tennisspieler der Gegenwart, der es in einer extrem stark besetzten Ära mit Gegnern wie Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic schaffte, drei Grand-Slam-Titel zu gewinnen (US Open 2013, Wimbledon 2013 und 2016) und 41 Wochen lang an der Spitze der Weltrangliste zu stehen. Und er ist nicht nur der anfangs wegen seiner etwas sperrigen Art nicht von allen verstandene Schotte, der es schaffte, den Engländern nach 77 Jahren Wartezeit den Traum vom Sieg in Wimbledon zu erfüllen. Dieser erste Sieg im All England Club war in gewisser Weise ein Sieg für die anderen. Für ihn selbst war es eine riesengroße Erleichterung, erst den zweiten, drei Jahre später, genoss er in vollen Zügen. Und Murray ist nicht nur der einzige unter den Spitzenspielern, der sich eine Weile lang eine Frau als Coach leistete, die Französin Amélie Mauresmo, und der auch mit großem Interesse über Frauentennis sprach.

„Wir lieben dich, Andy Murray“

Gemessen an den Reaktionen vieler aktueller und ehemaliger Mitspieler verliert die Welt des Tennis vor allem einen grundehrlichen, mitfühlenden, verlässlichen, fürsorglichen Kollegen mit einem ebenso berühmten wie berüchtigten Sinn für Humor. Noch vor ein paar Tagen hatte Murray eine Kostprobe dieses Humors präsentiert, ein in den sozialen Netzwerken veröffentlichtes Foto von sich neben der Sieger-Trophäe der Australian Open. „Näher werde ich dem Pokal nie mehr kommen“, schrieb er darunter, versehen mit dem Hashtag #5timeloser. Das bezog sich auf die fünf verlorenen Endspiele in Melbourne zwischen 2010 und 2016, eines gegen Federer, vier gegen Djokovic.

Viele meldeten sich in den Stunden nach Murrays Ankündigung zu Wort, aber mitten ins Herz traf vor allem eine Botschaft aus Argentinien. Juan Martin del Potro, der nach einer abermaligen Verletzung noch nicht wieder fit genug ist, um in Melbourne zu spielen, schickte über Twitter die Botschaft: „Andy, hab gerade deine Pressekonferenz gesehen. Bitte hör nicht auf zu kämpfen. Ich kann deinen Schmerz und deine Traurigkeit nachfühlen. Du verdienst einen Abschied, den du selbst bestimmen kannst, wann immer das sein wird. Wir lieben dich, Andy Murray, und wir wollen dich glücklich sehen.“

Jedes Turnier, bei dem Murray je spielte, könnte einen Beitrag zur Legende liefern; oft sind es die kleinen Geschichten, die den Sinn eines Menschen für das Große und Ganze beschreiben. Bei den BMW Open in München 2015 gewann Murray nicht nur einen Titel und eine Lederhose, sondern auch jede Menge Sympathie mit seiner extrem bodenständigen, unkomplizierten Art. Für jeden schüchternen Sechsjährigen schrieb er Autogramme, für jeden war er ansprechbar. Weil er einer jener Menschen ist, über die man sagt: Wenn du mitten in der Nacht Hilfe brauchst – ruf ihn an. Wenn er kann, wird er dir helfen.

Quelle: F.A.Z.
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