Djokovic besiegt Zverev

„Wir haben uns beide an unsere Grenzen getrieben“

Von Doris Henkel
16.02.2021
, 18:42
Novak Djokovic verbindet mit der Rod-Laver-Arena acht Grand-Slam-Titel. Zu besiegen ist er dort kaum – auch wenn Alexander Zverev nicht weit entfernt davon war.

Vor dem Turnier hatte Novak Djokovic gesagt, nach all den Jahren und all den Siegen habe er eine Liebesbeziehung zu diesem Platz. Aber dass Liebe auf die Dauer nicht nur von Sternschnuppen lebt, sondern immer wieder erarbeitet werden muss, das sah man beim Sieg am Dienstag gegen Alexander Zverev (6:7, 6:2, 6:4, 7:6). In fast dreieinhalb Stunden, die letzte auf hohem Niveau, spielte er immer dann am stärksten, wenn es so aussah, als renne ihm Zverev davon. Am Ende, nach Mitternacht, zeigte er seine ganze Klasse und zog zum neunten Mal in seiner Karriere ins Halbfinale der Australian Open ein, in dem er Donnerstag gegen den russischen Überraschungsmann Aslan Karatsew spielen wird, der als Nummer 114 der Welt geführt wird.

Er habe einige Zeit gebraucht, um warm zu werden und das Gefühl für das Spiel zu bekommen, sagte Djokovic beim ersten Kommentar auf dem Platz, nach dem ersten Satz sei es dann besser geworden. Aber vielleicht steckte in dieser frühen Phase der Partie schon der Knackpunkt. Wer weiß, wie sich die Sache entwickelt hätte, hätte Zverev nach dem gewonnenen Tiebreak weiter energisch aufs Gaspedal getreten, um Djokovics Not zu vergrößern. In der Arena, die Rod Lavers Namen trägt, hängt ein Leitspruch des legendären Australiers zu genau solchen Situationen. Weiß auf schwarz steht dort an der Wand: Dein Spiel ist am verwundbarsten, wenn du in Führung liegst; lass nie locker. Djokovic meinte später, es habe an diesem Tag viele Schlüssel zum Sieg und viele Wechsel in der Dramaturgie gegeben, in dieser Achterbahnfahrt sei keiner klar im Vorteil gewesen.

Wissen war nie wertvoller

Sichern Sie sich mit F+ 30 Tage lang kostenfreien Zugriff zu allen Artikeln auf FAZ.NET.

JETZT F+ LESEN

Zverev wirkte hochkonzentriert, aber er schaffte es nicht, sich in jener Phase, als der Gegner noch vergleichsweise unsicher wirkte, größere Vorteile herauszuspielen. Er lag nicht nur im ersten, sondern auch im dritten und vierten Satz relativ schnell mit einem Break in Führung; im dritten führte er 4:1 und im vierten 3:0. Mitte des dritten Satzes schlichen sich ein paar Doppelfehler in sein Spiel, doch alles in allem konnte er sich auf sein Service verlassen. Am Ende standen 21 Asse auf seiner Seite der Statistik, aber einer der wesentlichen Punkte war, dass bei Djokovic zwei mehr zu finden waren. Immer wieder rettete sich der Titelverteidiger in besonders schwierigen Momenten mit dem Aufschlag; es sei Wahnsinn gewesen, wie Djokovic aufgeschlagen habe, meinte Zverev beeindruckt.

Sehenswertes Duell

Aber selbst als der dritte Satz vorbei war, sah es nicht so aus, als senke sich die Waage schon zugunsten des Serben. Immer wenn der deutsche Herausforderer die Initiative übernahm, wurde die Sache gefährlich, wich er auch nur einen halben Meter zurück, öffnete er dem Gegner die Tür. Am Ende standen bei Zverev 45 sogenannte Winner und 38 ungezwungene Fehler zu Buche, bei Djokovic lautete das Verhältnis 48:56. Doch Zverev ärgerte sich vor allem darüber, dass er in den Sätzen drei und vier nicht das mögliche zweite Break geschafft habe, das sei am wichtigsten gewesen.

Je länger die Partie dauerte, desto mehr und desto sehenswerter spielten die beiden auf einem Niveau. Nie zuvor hatte es Zverev geschafft, bei einem Grand-Slam-Turnier gegen einen Gegner aus den Top Ten zu gewinnen, doch er wusste selbst am besten, wie viel oder wie wenig dazu diesmal gefehlt hatte. Selbst nachdem Djokovic im vierten Satz zum 3:3 ausgeglichen hatte, sprach vieles noch für einen entscheidenden fünften Durchgang.

Doch die Art, wie der Titelverteidiger Zverevs Satzball abwehrte, steht stellvertretend für vieles, was in dieser Phase passierte – mit einem Ass schlug er dem Deutschen die Tür vor der Nase zu. Und die Entscheidung fiel wenig später im Tiebreak; den ersten Matchball wehrte Zverev ab, beim zweiten gab es nichts zu retten. Mit dem 23. und letzten Ass der Partie erreichte Novak Djokovic das Ziel.

Viel Druck auf beiden Seiten

Es seien reichlich Nerven im Spiel gewesen, viel Druck auf beiden Seiten, und es sei ein großer Kampf gewesen, ließ er ein paar Minuten später wissen, sichtlich erschöpft und sichtlich erleichtert: „Wir haben uns beide an unsere Grenzen getrieben.“ Zverev stimmte zu und fand, er sei nicht weit weg gewesen. „Aber er ist ein Gewinner, das hat er wieder mal gezeigt. Ich hab okay gespielt, aber am Ende des Tages hab ich nicht gewonnen und fahre jetzt nach Hause.“

Für Novak Djokovic, der das Spiel ungeduldig und nicht in allerbester Form begonnen, aber ganz wie er selbst beendet hatte, geht die Reise am Donnerstag weiter, aller Voraussicht nach wieder vor Publikum. Und gegen einen Mann, von dem er bis vor ein paar Wochen herzlich wenig wusste.

Der Russe Aslan Karatsew, 27 Jahre alt, hatte sich im Januar fürs Hauptfeld der Australian Open qualifiziert, besiegte auf dem Weg ins Viertelfinale so renommierte Leute wie Diego Schwartzman aus Argentinien, den Kanadier Félix Auger-Aliassime und am Dienstag schließlich Grigor Dimitrov (2:6, 6:4, 6:1, 6:2). Doch der Bulgare litt sichtlich unter den Problemen mit seinem tags zuvor verrenkten Rücken; je länger die Partie dauerte, desto aussichtsloser wurde sein Bemühen. Als er nach dem Spiel auf dem Weg in die Kabine war, kam er die Stufen fast nicht mehr hoch.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot