Affäre um WM 2006

„Der Schaden für den Fußball wird immer größer“

Von Anno Hecker, Michael Ashelm und Helmut Schwan
03.11.2015
, 13:13
© Reuters, reuters
Razzia beim DFB: Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung. Der Verband signalisiert Bereitschaft zur Kooperation, Präsident Niersbach schweigt. Hocke fordert Führung zu einer Reaktion auf.

Eine Telefonkonferenz nach der anderen. Am Dienstag glühten die Verbindungsdrähte unter führenden Funktionären des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Die Staatsanwaltschaft hatte einen Hausbesuch abgestattet, war stundenlang in der Zentrale des DFB in Frankfurt, trug Akten zur Beweissicherung davon. Der Vorwurf: Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall.

Verdächtigt werden der amtierende Präsident Wolfgang Niersbach, der ehemalige Verbandschef Theo Zwanziger und der frühere Generalsekretär des größten Fußball-Verbandes der Welt Horst R. Schmidt. Bei allen dreien sind die Fahnder am Dienstagmorgen auch daheim gewesen. Ein Anfangsverdacht gegen den damaligen Chef des deutschen WM-Organisationskomitees, Franz Beckenbauer, bestehe nach gegenwärtigen Erkenntnissen nicht, hieß es auf Nachfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er habe mit der Abgabe von Steuererklärungen nichts zu tun gehabt.

Der Eingriff des Staates mit fünfzig Beamten kam nicht überraschend. Vor fast drei Wochen hatte der DFB in einer Presseerklärung unter dem Druck einer „Spiegel“-Veröffentlichung über eine mögliche schwarze Kasse und Stimmenkauf rund um die Bewerbung um die Fußball-WM 2006 eine Mauschelei mit dem Internationalen Fußball-Verband (Fifa) eingeräumt: dass 6,7 Millionen Euro vom Organisationskomitee unter der Leitung von Beckenbauer an die Fifa überwiesen worden seien, unter dem Vorwand, damit das Kulturprogramm während der WM mitzufinanzieren. Tatsächlich soll die Summe als Rückzahlung für ein Darlehen von Robert Louis-Dreyfus geflossen sein, so die Version von Niersbach - wie sie ihm Beckenbauer in einer Privataudienz zum Besten gab.

Nötig sei die Zahlung gewesen, weil die Fifa den DFB mehr oder weniger erpresst haben soll. Demnach ist der WM-Zuschuss des Welt-Verbandes in Höhe von 170 Millionen Euro nur in die Kasse des OK geflossen, weil man dem Imperium des suspendierten Fifa-Chefs Joseph Blatter zuvor (angeblich 2002) 6,7 Millionen Euro zahlte. Niemand weiß, ob diese Version stimmt. Blatter bestreitet sie. Aber der Ermittlungsrichter beim Amtsgericht Frankfurt hat die Durchsuchungsbeschlüsse vor dem Hintergrund eines Faktums erlassen: dass der DFB bei seiner Steuererklärung für 2005 6,7 Millionen Euro als „abzugsfähige Betriebsausgaben“ geltend machte und diese auch anerkannt wurden - für ein Kulturprogramm, das gar nicht stattfand.

Wegen Steuerhinterziehung
Staatsanwaltschaft bestätigt Ermittlungen gegen DFB
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Steuerhinterziehung? Für das Fußball-Volk mag diese Ermittlung gegen die drei Privatpersonen das kleinere Übel sein. Weil der Staat die Finger lässt von der Legende des „Sommermärchens“, von der Antwort auf die Frage, ob denn das OK der WM mit der Galionsfigur Beckenbauer mit dem Geld nicht vielleicht doch stimmberechtigte Fifa-Funktionäre überzeugt habe, die WM nach Deutschland zu vergeben. Aber nach Lage der Dinge lässt die Staatsanwaltschaft nicht aus Staatsräson, sondern wegen der Rechtslage den heiklen Aspekt außer Acht.

Untreue und Bestechung im internationalen Geschäftsverkehr wären verjährt, teilte Oberstaatsanwältin Nadja Niesen mit, weswegen in diesem DFB-Korruptionskomplex nicht ermittelt wird. Deshalb sehen die Frankfurter Staatsanwälte keinen Anfangsverdacht - und nicht etwa, weil ihnen die Zahlungen, die Louis-Dreyfus aus seinem Privatvermögen ermöglicht haben soll, strafrechtlich unverdächtig vorkommen. Aus dieser Abwägung ergibt sich auch der kleine Kreis der Beschuldigten. Wären Ermittlungen wegen des Verdachts der Bestechung und der Untreue aufgenommen worden, hätte dieser um die anderen im Bewerbungs- und Organisationskomitee maßgeblichen Personen erweitert werden müssen.

Auf Grund des auf die Steuerhinterziehung beschränkten Verfahrens ist also weiterhin unklar, ob die Ermittlungen den tatsächlichen Hintergrund der verdächtigen Zahlungen offenlegen. Allerdings müsste Zwanziger, Niersbach und Schmidt daran gelegen sein, darzulegen, dass die gezahlte Summe trotz falscher Kennzeichnung sehr wohl zum Abzug bei der Steuererklärung berechtigte. Diese Version ist durchaus möglich. So eindeutig, wie der Fall auf den ersten Blick aussieht, ist er wohl nicht zu klären. Die Staatsanwaltschaft rechnet mit langwierigen Ermittlungen.

Der DFB übermittelte am Dienstag seine Kooperationsbereitschaft. Fragen, etwa nach den Konsequenzen der Razzia für die in Auftrag gegebene Ermittlung bei einer renommierten Kanzlei, ließ er unbeantwortet. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat sich der DFB mit der Staatsanwaltschaft auf eine Fortsetzung der externen Untersuchung geeinigt. Zudem soll der Verband in Erwartung einer Fahndung schon Kopien von Akten gemacht haben, wenn auch nicht von allen, die am Dienstag beschlagnahmt wurden.

Während sich Niersbach bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe nicht öffentlich äußerte, begrüßte der verdächtigte frühere DFB-Chef Theo Zwanziger die Reaktion des Staates auf die Affäre während einer vor Tagen anberaumten Selbstverteidigungs-Pressekonferenz. „Durch die Tätigkeit der Behörde kann erwartet werden, dass eine Aufklärung des zugrundeliegenden Sachverhaltes möglich sein wird“, ließ Zwanziger durch seinen Anwalt mitteilen. Er halte den Anfangsverdacht durch „die übergebenen Unterlagen und die Stellungnahme“ für entkräftet. Der Staat gegen den DFB-Präsidenten und seinen Vorgänger, die beiden im Krieg der Wörter, Niersbach unter Druck von Beckenbauer, der ihm vorwirft, seinen Fehler nicht einzugestehen. Alle drei und weitere Größen wie Buchhalter des Fußballs zusammen unter dem Verdacht, nicht alles zu sagen, was sie wissen: Darunter leidet der deutsche Fußball bis in die Amateurligen.

Das glaubt auch Rolf Hocke, der Präsident des Hessischen Fußball-Verbandes, und sagt zum nächsten Kapitel dieser „unsäglichen Geschichte: Mir ist beim Frühstück das Messer aus der Hand gefallen. Da ist ja kaum noch eine Steigerung möglich zu dem, was wir schon erfahren mussten.“ Hocke wollte sich auf die Frage, ob Niersbach unter diesen Umständen noch tragbar sei als DFB-Präsident, nicht äußern. Diese Diskussion müsste zurückgestellt werden. Er forderte die DFB-Führung zu einer Reaktion auf: „Ich erwarte von den Verantwortlichen im Präsidium zum Beispiel die Einberufung einer außerordentlichen Vorstandssitzung. Die Probleme müssen an der Wurzel gepackt werden. In jedem Fall dürfen wir nicht weitere vier Wochen ins Land gehen lassen. Wir werden alle in einen Pott geworfen. Je länger das alles dahindümpelt, desto größer wird der Schaden für den Fußball.“

Hintergrund: Die Straftat Steuerhinterziehung

Steuerhinterziehung ist nach Paragraf 370 Abgabenordnung (AO) eine Straftat, für die eine Geldstrafe oder bis zu fünf Jahre Gefängnis drohen. In besonders schweren Fällen werden sechs Monate bis zu zehn Jahre Haft verhängt.

Als besonders schwerer Fall gilt in der Regel, wenn Amtsträger ihre Stellung missbrauchen, um eigene oder fremde Steuern zu hinterziehen, wenn Steuervorteile durch gefälschte Belege erschwindelt werden oder wenn eine Bande „gewerbsmäßig“ und „fortgesetzt“ Steuern hinterzieht. Ein besonders schwerer Fall liegt auch vor, wenn „in großem Ausmaß Steuern verkürzt“ werden. Das Gesetz nennt keine Summe, doch wird vor Gericht meist von mindestens einer Million Euro ausgegangen.

Für die Aufdeckung und Verfolgung von Steuerstraftaten sind die Länder zuständig. Die Strafverfolgung der Steuerhinterziehung verjährt grundsätzlich fünf Jahre nach Erhalt des Steuerbescheids, bei besonders schweren Fällen liegt die Frist bei zehn Jahren.

In Deutschland kann eine Bestrafung gemäß Paragraf 371 AO durch eine Selbstanzeige vermieden werden. Wer sich selbst anzeigt, bleibt aber nur straffrei, wenn die Behörden von dem Fall noch nichts wussten. Wird bereits ermittelt, ist der Zug abgefahren. (dpa)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
Autorenporträt / Schwan, Helmut (hs.)
Helmut Schwan
Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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