Großer Preis von Spanien

Ein Sieg des Jägers

Von Anno Hecker, Barcelona
09.05.2021
, 18:55
Lange wirkt es, als könne Max Verstappen den Grand Prix in Spanien gewinnen. Doch Lewis Hamilton zieht kurz vor dem Ziel vorbei – auch dank seiner Strategen.

Ein Hamilton im Rennwagen reicht. So sah es aus am Sonntag. Der 100. Pole-Position ließ der Weltmeister beim Großen Preis von Spanien seinen 98. Formel-1-Sieg folgen. Wieder blieb seinem Rivalen um den Titel, Max Verstappen im Red Bull, „nur“ Rang zwei, diesmal vor Valtteri Bottas im zweiten Mercedes. Prompt gratulierte die Teamführung ihrem Chefpiloten überschwänglich: „Wahnsinnsfahrt, Lewis!“ Sie erweiterte seine Führung in der Fahrerwertung vor dem Niederländer auf 14 Punkte (94:80).

Der Gelobte vergaß im Moment des Jubels nach erfolgreicher Jagd nicht, wem er den jüngsten Triumph zu verdanken hat: „Grundlage war eine phantastische Strategie.“ Die Taktiker von Mercedes verliehen dem Rennen mit einer riskanten wie brillanten Entscheidung einen ungeahnten Spannungsbogen.

Verstappen bekam seine Chance. Und nutzte sie im heikelsten Moment eines Grand Prix – beim Start. Gut 580 Meter sind es von der Pole-Position bis zum Anbremsen der ersten Kurve. Ein Sprint aus dem Stand mit Vollgas hinein in die erste Rechts-Biegung, vor der die heranschießenden Boliden einen tückischen Stau bilden, weil alle mit Wucht auf die Bremse treten. Verstappen ein bisschen später als Hamilton. Auf der rechten Seite kam der Niederländer nach dem Verlöschen der Rotlichter aus dem Stand auf der dickeren Gummiauflage etwas besser weg als der eine gute Wagenlänge schräg vor ihm losbrausende Champion. Verstappen zog nach der ersten Beschleunigung leicht nach innen hinter den Mercedes, nutzte für einen Moment den Windschatten, zog wieder heraus und stach direkt in die Kurve.

Ein hartes Manöver, konsequent, mit vollem Risiko, kein unfaires, eines, das Augenmaß von beiden für jeden Zentimeter und Klugheit von einem verlangt, dem Verlierer. Auf der Außenbahn noch vorne in der Bremszone, hätte Hamilton mit einem scharfen Zug auf die Ideallinie einen Konfrontationskurs eingeschlagen. Der 36jährige Engländer lenkte ein, indem er nachgab. Man trifft sich zweimal im Rennen.

Die Strecke vor den Toren von Barcelona ist gefürchtet unter Fans und Freunden des gepflegten Schlagabtausches auf der Piste. Überholmanöver sind unter beinahe gleich schnellen Autos ein enormes Risiko für den Hintermann. Sebastian Vettel hing viele Runden hinter Fernando Alonso im Alpine, dann hinter Pierre Gasly (Alpha Tauri) fest. Er wurde 13., sein Teamkollege Lance Stroll Elfter mit fünf Sekunden Vorsprung. Mehr als brotlose Kunst ist mit dem Aston Martin im Moment nicht drin. Auch Mick Schumacher kam nicht voran: 18. vor Nikita Masepin im zweiten Haas.

Prozession auf höchsten Touren

Die Charakteristik der Streckenführung verwandelte das Rennen schnell in eine Prozession auf höchsten Touren, die Geduld verlangt beim geneigten Zuschauer – 1000 durften auf der Haupttribüne sitzen – wie beim Jäger im Cockpit. Auf zwei Szenarien müssen alle warten. Zunächst auf die Boxenstopps, die im Strategiespiel zwischen Fahrer und Kommandozentrale an der Box Platzwechsel erzwingen können. Charles Leclerc (4.) im Ferrari konnte das Tempo der beiden WM-Kandidaten nicht halten, bremste aber zwischenzeitlich den weitaus schnelleren Hintermann. Bis Bottas mit Hilfe der Strategie endlich vorbeikam und Fahrt aufnehmen konnte. Ohne die reibungslose, über Jahre einstudierte, ständig verbesserte Choreografie des Service-Akkords sind solche Sprünge nicht zu machen. Kein Team wechselt die Pneus schneller als Red Bull: Die Mechaniker schaffen es schon mal in 1,9 Sekunden.

Am Sonntag stand der Bolide Verstappens fast, als der rechte Hinterreifen herangetragen wurde im Laufschritt: 4,2 Sekunden. Wäre das keine Chance gewesen für Hamilton, direkt zu kontern? Ja. Aber Mercedes hatte einen anderen Plan, ließ seinen Chefpiloten weitere sechs Runden kreisen, ehe der mit frischen Gummis, fünf Sekunden hinter Verstappen zurück, wieder auf die Jagd ging. „Das motiviert uns“, sagt Mercedes-Teamchef Toto Wolff. Die neue Rolle, nach Jahren der Dominanz, nehmen sie sportlich: von hinten kommen und doch gewinnen. Innerhalb von wenigen Runden tauchte der Rennwagen des Engländers formatfüllend im Rückspiegel von Verstappens Dienstwagen auf: 0,9 Sekunden Rückstand. In diesem Moment begann das Szenario: Wird Hamilton seinen 13 Jahre jüngeren Rivalen in einen Fehler treiben können?

Ein WM-Kampf auf Augenhöhe, schwärmen sowohl Wolff als auch Red Bulls Sportdirektor Helmut Marko, wird durch „Kleinigkeiten“ entschieden. Verstappen hatte sich drei Fehler in den ersten drei Grands Prix der Saison geleistet, die ihn acht Punkte kosteten. Aber in Spanien ließ er sich nicht treiben vom Rekordmann. Nicht ein erkennbarer Wackler unter dem Druck des Mannes, der 47 Podiumsplätze mehr als Verstappen Rennstarts (122) zu bieten hat.

Der Druck wird wachsen, wenn es das Rennen Kopf an Kopf bis in den Herbst schafft. Aber sie kämpfen schon im Frühjahr um jedes Pünktchen. Hamilton wollte sich ohnehin „nicht auf die Fehler der anderen“ verlassen. Er setzte mit Mercedes auf eine riskante Zwei-Stopp-Strategie, während Verstappen mit nur einem Halt durchzog. „Ich weiß aus Erfahrung, dass das hier besser funktioniert als mit einem Stopp. Dann sind die Reifen am Ende verschlissen.“ Die Taktik, noch einmal abzubiegen, zwanzig Sekunden zu verlieren, führte zu einem kalkulierten Showdown im Finale des Rennens. Hamilton sollte, so die Hochrechnung, Verstappen etwa fünf, sechs Runden vor dem Ziel mit den noch frischeren Reifen attackieren, mit deutlich mehr Haftung und Schwung.

Die Aufgabe für beide Fahrer mit Blick auf die Reifen könnte nicht unterschiedlicher sein: Verstappen sollte schonend rasen. Hamilton rasend schonen. „Ich habe gedacht, ich brauche ewig“, schilderte Hamilton die fixe Aufholjagd. Runde um Runde verkürzte er den Rückstand, schoss an dem eher spät Platz machenden Bottas (auf alten Reifen) so haarscharf vorbei, dass die coolen Ingenieure für einen Moment die Augenbrauen hoben. Dann sahen sie, wie sich die Berechnung erfüllte. 60. Runde: Der Silberpfeil fliegt auf Verstappen zu, der wehrt sich kaum, dann ist das Rennen Geschichte: Hamilton gewinnt zum fünften Mal in Serie in Spanien. Für den Siegertypen Verstappen ist das neben dem ersten Frust eine Niederlage, die zu denken gibt: „Wir waren zu langsam, ich war leichte Beute. Es zeigt, dass wir nicht dort sind, wo wir sein wollten.“ Der Jäger liegt in Führung.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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