Mehr als ein neuer Vertrag

Hamiltons größere Ideen

EIN KOMMENTAR Von Anno Hecker
08.02.2021
, 15:34
Auf der Zielgeraden der Karriere zählt für Lewis Hamilton mehr als nur der nächste WM-Titel. Verbunden mit seinem neuen Mercedes-Vertrag ist die Gründung einer Stiftung für diskriminierte Menschen. Das Projekt kann mehr wert sein als jede Gehaltserhöhung.

Über Geld wird nicht gesprochen, jedenfalls nicht en détail. Es bleibt im Dunkeln, ob Lewis Hamilton als Starpilot der Formel 1 zur Feier des am Montag verkündeten, neuen Vertrages mit dem Rennstall Mercedes eine Gehaltserhöhung erhalten hat. Angeblich war der Brite sehr daran interessiert.

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Die kurze Laufzeit der allein für diese Saison gültigen Vereinbarung gibt wenigstens indirekt eine Antwort: Es ist nicht die Zeit für Aufschläge zu Gunsten von Millionären, wenn Millionen von der Pandemie gebeutelte Zeitgenossen um ihre Existenz fürchten und Konzerne um ihre Märkte. Offiziell diente die Reform der Formel 1 von 2022 an als Hauptgrund für die kleine Verlängerung. Sie lässt Spielraum für neue Verhandlungen, falls sich die Pandemie zu Weihnachten schneller verflüchtigt haben sollte als erhofft.

So war es gewiss kein Zufall, dass die Strategen dieser dominanten Fahrgemeinschaft ein Wohltätigkeitsprojekt in den Mittelpunkt der Verkündung stellten: „Ein entscheidender Teil der neuen Vereinbarung“, ließ die Daimler AG wissen, „baut auf der gemeinsamen Verpflichtung zu mehr Vielfalt und Inklusion im Motorsport auf“. Lenkt da jemand vom harten Business ab?

Hamilton, daran besteht kein Zweifel, will mit dem achten Gewinn der Weltmeisterschaft in diesem Jahr Michael Schumacher als Rekord-Weltmeister hinter sich lassen. Seine unbestrittene Klasse als Steuermann und die Fähigkeit seines Rennstalls werden ihm die besten Chancen dazu bieten.

Einzigartige Positionierung in Formel-1-Geschichte

Gleichzeitig ist unübersehbar, wie der Sechsunddreißigjährige auf der Zielgeraden seiner Karriere neue, größere Ideen umzusetzen beginnt. Ohne seinen Einfluss hätte sich Mercedes im vergangenen Jahr wohl kaum dazu durchgerungen, die Boliden zur Unterstützung der „Black-Live-Matter“-Bewegung schwarz zu lackieren. Ohne Hamiltons Druck hätte sich das Formel-1-Management kaum von einer Protestaktion gegen Rassismus als Teil des offiziellen Programms eines jeden Grand Prix überzeugen lassen.

Diese in der Geschichte der Formel 1 einzigartige Positionierung für Menschenrechte wird sie wie Hamilton zwingen, sich in Zukunft regelmäßig der Diskussion über Auftritte etwa in Schurkenstaaten zu stellen, statt sie nonchalant zu umfahren; etwa zur Premiere der Formel 1 in Saudi-Arabien im Dezember.

Dass Hamilton und Mercedes Worten wie Gesten Taten folgen lassen wollen, versprechen sie mit der Gründung einer Stiftung. Sie soll diskriminierten Menschen Chancen zur Entfaltung im Motorsport verhelfen. Das Stiftungskapital umfasst laut Teamchef Wolff mehrere Millionen Euro, es werde je zur Hälfte von Hamilton und Mercedes finanziert. Darin lässt sich eine besondere Honorierung des Engländers erkennen, weil die Stiftung auf Lebzeiten in erster Linie mit seinem Namen verbunden sein wird. Füllt er sie mit Leben, ist das Projekt mehr wert als jede Gehaltserhöhung.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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