McLaren sorgt für Furore

Die Aufsteiger der Formel 1

Von Hermann Renner
25.09.2021
, 08:32
Immer locker: Andreas Seidl mit Sophie, Countess of Wessex
Nach dem Sieg in Monza soll sich beim Großen Preis von Russland der fulminante Aufschwung des englischen Traditionsteams fortsetzen. Für den künftigen Angriff auf den WM-Titel ist fast alles am Platz.

Es ist das Jahr der Auferstehung der britischen Traditionsteams. Williams fährt in die Punkteränge, McLaren gewinnt wieder Rennen. Der zweitälteste Rennstall der Formel 1 feierte in Monza seinen ersten Sieg seit neun Jahren, den ersten im Doppelpack seit Kanada 2010. Ein weiteres Etappenziel auf dem Weg zurück an die Spitze ist abgehakt.

2017 war mit dem neunten Platz in der Konstrukteurs-WM der Tiefpunkt erreicht. Dann zündete McLaren-Geschäftsführer Zak Brown den Wiederaufbau des Dinosauriers. Seit 2019 hilft ihm der ehemalige Porsche-Rennleiter Andreas Seidl. Bis jetzt ging es immer nur bergauf. Platz neun, sechs, vier, drei in der Markenwertung seit 2017.

McLaren hatte sich unter den alten Chefs zu einem behäbigen Ministerium entwickelt, das in alten Strukturen und in der Vergangenheit lebte. Brown brachte frische Leute an Bord, brach die alten Seilschaften auf und fand in Seidl einen Mann, der dem achtmaligen Konstrukteurs-Weltmeister schlankes Management mit kurzen Wegen, Motivation und Lockerheit mit auf den Weg gab. In einer ersten Amtshandlung schaffte der 45 Jahre alte Passauer die Matrix-Organisation ab, die unter Ron Dennis 20 Jahre zuvor als Maß aller Dinge gegolten hatte. Das Team hatte plötzlich wieder Gesichter. „Jeder bei uns soll das Gefühl haben, dass wir seiner Arbeit Wertschätzung entgegenbringen, dass sein Beitrag wichtig ist.“ Der steife Umgangston in der Fabrik fiel. Erfolge werden gefeiert.

Alle 700 Mitarbeiter waren auf den Beinen, als Daniel Ricciardo und Lando Norris aus Monza zurückkehrten. Unter Dennis waren Emotionen ein Zeichen von Schwäche. Norris habe ihm geantwortet: „Erfolg kommt durch Freude.“ Der Teamchef pflichtet bei: „Wir wollen diese Momente genießen. Das hält die Mannschaft hungrig.“ Seidl kann den dritten Platz aus dem Vorjahr nicht unterbieten, ihn sogar an das ebenfalls wiedererstarkte Ferrari-Team verlieren, doch mit fünf Podestplätzen und dem 183. Grand-Prix-Sieg hat McLaren einen weiteren Schritt aus der Versenkung getan. Platz vier wäre kein Beinbruch. Wichtiger ist, dass McLaren den Rückstand auf Mercedes und Red Bull weiter verkürzen konnte.

Auf bestimmten Rennstrecken fährt man mal mit dem einen, mal mit dem anderen, in Monza mit beiden auf Augenhöhe. Es war kein geschenkter Sieg, betonte Sieger Daniel Ricciardo. Der McLaren MCL35M-Mercedes ist das effizienteste Auto auf Geraden, exzellent in schnellen Kurven, stabil auf der Bremse. „Die Stärke ist auch unsere Schwäche“, warnt Seidl. „Wir sind nicht auf allen Strecken, unter allen Bedingungen und mit allen Reifentypen so gut. Das müssen wir aber sein, wenn wir es irgendwann einmal regelmäßig mit Mercedes und Red Bull aufnehmen wollen.“ Ein Wochenende davor erlebte McLaren das Gegenteil von Monza. Man nahm nur einen Punkt aus Zandvoort mit. Strecken, auf denen maximaler Abtrieb gefragt ist, sind das Revier von Ferrari. Das Sochi Autodrom, auf dem am Sonntag der Große Preis von Russland (14 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 sowie bei Sky) ausgetragen wird, passt eher wieder in das Profil des McLaren.

Für den künftigen Angriff auf den WM-Titel ist fast alles am Platz. Die Finanzen sind geregelt, seit die Fabrik für 180 Millionen Pfund verkauft wurde und sich Investoren aus den USA, Saudi-Arabien und Bahrein für knapp 600 Millionen Pfund eingekauft haben. Die Partnerschaft mit Mercedes garantiert den besten Kundenmotor im Feld. Die Budgetdeckelung trifft McLaren weniger hart als Ferrari, Mercedes und Red Bull. Der technische Neustart 2022 mischt die Karten für alle neu. Im Laufe des nächsten Jahres sind die Modernisierung des Simulators und der Neubau des Windkanals abgeschlossen. „Dann sind wir auch von der Infrastruktur her auf dem Niveau der Großen“, hofft Seidl.

Und mit Daniel Ricciardo und Lando Norris hat McLaren die perfekte Mischung im Cockpit. Norris gilt neben Max Verstappen, Charles Leclerc und George Russell als der Weltmeister von morgen. Ricciardo sollte den Part des erfahrenen Teamkapitäns übernehmen, doch Norris zog ihm in jedem Training und jedem Rennen den Zahn. Ricciardo haderte mit seinem Auto, das sich ganz anders anfühlte als sein Renault aus den Jahren davor. „Irgendwie hat der McLaren nicht mit meinem natürlichen Fahrstil harmoniert. Entweder wie ich auf der Bremse in die Kurven einlenke oder wie ich aufs Gas steige. Das Auto reagierte nicht so darauf, wie ich das gewohnt war. In einem ersten Schritt habe ich versucht zu verstehen, warum mein Fahrstil nicht in allen Kurven funktioniert. Im zweiten habe ich versucht, mir neue Techniken anzueignen. Diese Anpassung war für mich die schwierigste der letzten Jahre.“

Trotz des Sieges in Monza warnt Seidl vor verfrühtem Optimismus. „Bei Daniel läuft es seit der Sommerpause besser. Ob er völlig über den Berg ist, müssen die nächsten Rennen zeigen. Für uns ist wichtig, dass er diesen Prozess bis Ende des Jahres abschließt, damit wir 2022 den Daniel Ricciardo haben, den wir uns mit seiner Verpflichtung versprochen haben.“ Ricciardo ist der Meinung, alles richtig gemacht zu haben. „Bei McLaren hat mich von der ersten Minute an beeindruckt, mit welcher Sorgfalt dort gearbeitet wird. Sie haken wirklich alles ab, was abzuhaken ist. Vielleicht, weil sie so gute Fortschritte gemacht haben und sie diesen positiven Trend jetzt nicht mehr gefährden wollen. Ich bekomme auf jede Frage eine Antwort.“

Quelle: F.A.Z.
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