Formel-1-Qualifying in Imola

„Wow, das hätte ich nicht gedacht“

Von Anno Hecker, Imola
17.04.2021
, 15:55
Das Startplatzrennen der Formel 1 in Imola sorgt an der Spitze für Überraschungen. Mick Schumacher lässt wieder seinen Teamkollegen hinter sich. Sebastian Vettel kommt nicht wie gewünscht voran.

Überraschung! Beim Weltmeister der Formel 1. Das ist selten. Und ein Zeichen der neuen Wettbewerbsqualität, obwohl Lewis Hamilton am Samstag die 99. Pole-Position gelang auf dem Weg zum Großen Preis der Emilia Romagna an diesem Sonntag (15.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1, bei RTL und Sky). „Wow, das hätte ich nicht gedacht“, sagte der siebenmalige Weltmeister. Schneller zu sein als Red Bull.

Wissen war nie wertvoller

Sichern Sie sich mit F+ 30 Tage lang kostenfreien Zugriff zu allen Artikeln auf FAZ.NET.

JETZT F+ LESEN

Überraschung auch beim Herausforderer. Denn zur Verblüffung von Freund und Feind, steht nicht Max Verstappen beim Start in der ersten Startreihe schräg hinter dem Silberpfeilpiloten, sondern dessen Teamkollege Sergio Perez, der Neue im Team. Selbstredend war auch er überrascht: „Gestern habe ich einen Fehler gemacht (Unfall/d. Red.), der dem Team viel Arbeit gemacht hat“, erzählte der Mexikaner: „Ich hätte nie erwartet, an dieser Stelle zu stehen. Ich hätte sogar die Pole-Position bekommen können, habe aber einen Fehler in der letzten Kurve gemacht.“ Hamilton fuhr über die knapp fünf Kilometer 0,035 Sekunden schneller, ein Hauch.

Verstappen war nicht zufrieden mit sich auch wegen zwei kleineren Fehlern im letzten Durchgang, glaubt aber mit Blick auf die Teamleistung an eine gute Chance, die Niederlage im Rennen von Bahrein auszugleichen: „Wir haben zwei Autos vorne auf unterschiedlichen Reifen“, sagte der Niederländer. Perez startet auf den weichen Reifen. Verstappen auf den härteren. Das kann ein Vorteil sein, wenn die Strategen auf der Höhe sind.

Mick Schumacher: „Bin zufrieden“

Zumal Überholmanöver auf dem engen Kurs sehr schwierig sind. Hamiltons Teamkollege Valtteri Bottas scheint auf den ersten Blick dem Briten nicht helfen zu können. Wegen eines Fahrfehlers wurde der Finne nur Achter auf dem Autodromo Enzo e Dino Ferrari. „Uns fehlt das zweite Auto“, sagte Teamchef Toto Wolff: „Das ist unerfreulich.“

Die deutschen Piloten werden allenfalls eine Rolle spielen können, wenn die Laune der Natur, der angekündigte Regen, sie im Grand Prix mit viel Glück nach vorne spült. Sebastian Vettel wurde im Aston Martin 13., Mick Schumacher landete im Haas auf Platz 18, ließ aber seinen wegen Drehern und Unfällen verunsicherten Teamkollegen Nikita Masepin wieder hinter sich. Der Rückstand betrug 0,5 Sekunden. Eine kleine Welt in der Königsklasse.

Dass den Piloten von Williams, der direkte Gegner am Ende des Feldes, ein Sprung gelang in den zweiten Durchgang, deutete an, wie schwer es für den am Genfer See aufgewachsenen Deutschen wird, Rivalen anderer Rennställe hinter sich zu lassen. „Ich bin zufrieden“, sagte Schumacher, „auch wenn ich etwas Zeit liegen gelassen habe.“

Vor dem Qualifying hatte die Formel 1 zu Ehren von Prinz Philip, den Herzog von Edinburgh, eine Schweigeminute angeordnet. Alle Teams, die Fahrer, das Management der Formel 1, der Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia), Jean Todt, beugten ihr Haupt zur respektvollen Erinnerung an den Mann von Königin Elisabeth II, der am vorvergangenen Freitag im Alter von 99 gestorben war. Stillstand in der Boxengasse, für 60 Sekunden.

Dann ging es über 60 Minuten zur Sache. Gleich am Anfang wurde der hochgelobte Japaner Yuki Tsunoda Opfer seines Ehrgeizes. In der Rechts-links-Kombination „Varianta Alta“ bei Tempo 150 verlor er die Kontrolle über seinen Alpha Tauri und prallte in die Streckenbegrenzung. Der Japaner kletterte unverletzt, aber verdrossen aus dem kalt verformten Dienstwagen. Feierabend für einen, der mit diesem Auto weit vorne hätte landen können. „Mein Fehler, tut mir leid für das Team, das Auto war richtig gut“, sagte Tsunoda. Sein Teamkollege bewies es: Pierre Gasly erreichte Platz fünf mit 0,379 Sekunden Rückstand hinter Hamilton.

Auch beim zweiten Startplatzrennen der Saison fiel die Verdichtung an der Spitze und im Mittelfeld auf. Nur eine halbe Sekunde trennte den Schnellsten vom Zehnten auf dem Weg zum dritten Abschnitt. Deshalb gab es Überraschungen und Enttäuschungen. Carlos Sainz wurde im zweiten Ferrari nur Elfter, obwohl Teamkollegen Charles Leclerc als Vierter in der zweiten Startreihe landete.

George Russel, der Zögling von Mercedes bei Williams am Steuer, zog auf Platz zwölf vor und blieb noch unter der besten Rundenzeit von Sebastian Vettel: 13., der viermalige Weltmeister kam auch in der Emilia Romagna nicht wie gewünscht voran. 0,25 Sekunden langsamer zu sein als der Teamkollege Lance Stroll (10.) ist zwar alles andere als eine Demütigung, entspricht aber auch nicht den Ansprüchen von und an Vettel.

Vettel: „Besser als in Bahrein“

Die zweite Niederlage im Teamduell hing auch wieder mit seinen Eingewöhnungsproblemen zusammen. „Es wird noch einige Zeit dauern, bis ich weiß, wie ich das Auto zu fahren habe“, hatte der Hesse vor der Reise nach Italien erklärt und in Imola seine erkennbaren Schwächen beim Saisonauftakt in Bahrein, unter anderem ein Auffahrunfall im Rennen, eingeräumt: „Das war keine gute Vorstellung. Ich muss mich selbst tunen.“ Das wird nicht reichen.

In Imola verstärkte sich der Eindruck, der neue Dienstwagen tauge nicht für Plazierungen im vorderen Mittelfeld. Der Rückstand am Samstag beim Sprint über eine Runde lag bei gut einer Sekunden. „Es war schon besser als in Bahrein. Aber ich habe keine ideale Runde zusammenbekommen, es fehlt noch ein bisschen Vertrauen, das Auto etwas mehr laufen zu lassen. Kleine Unterschiede in diesem engen Mittelfeld können größere in der Startaufstellung bedeuten.“

Teamchef Otmar Szafnauer erklärte sie schon in Bahrein mit aus seiner Sicht ungerechten Konstruktionsvorschriften für die Rennwagen der Generation 2021. Demnach treffen die Einschnitte Teams wie Mercedes und Aston Martin besonders, weil sie im Gegensatz zur Red Bull bei ihrem lange bestehenden Fahrzeugkonzept auf eine „Anstellung“ ihrer Boliden mehr oder weniger verzichten. Der Höhenunterschied zwischen Front und Heck ist deutlich geringer. Deshalb sei der Verlust von Abtriebskraft durch die Regeländerungen (zehn Prozent) für sie schwerer auszugleichen als etwas bei Red Bull.

Ein Umbau des Konzeptes ist zu aufwendig. Szafnauer forderte in Imola unter anderem in einem Interview mit Sky eine Aufweichung der Vorschriften, ein Entgegenkommen der Fia. Franz Tost, Teamchef von Alpha Tauri, verwies auf die Teilnahme auch von Aston Martin am Regeländerungs-Prozess. „Wenn die Techniker (eines Teams/d. Red) in eine falsche Richtung gegangen sind, dann ist das kein Fehler der Fia. „Ist das (ein Protest/d. Red.) der neue Weg, wenn man weit hinten liegt? Ich kann mir nicht vorstellen, dass er von Erfolg begleitet sein wird.“

Szafnauer stritt die Beteiligung von Aston Martin an den Änderungen nicht ab. Auf den Hinweis, Mercedes habe trotz des von ihm beschrieben Nachteils ein Rennen gewonnen, antwortete der Amerikaner mit teils rumänischen wie deutschen Wurzeln: „Oberflächlich sieht es so aus. Die Details aber ergeben eine anderes Bild. Vergleichen Sie die Rundenzeiten von 2020 und 2021.“

Aston Martin mit Problemen

Aston Martin steht unter Druck, nicht zuletzt des Anteilseigners und Milliardärs Lawrence Stroll, Vater von Vettels Teamkollegen Lance. Der Kanadier wollte unbedingt an die guten Leistungen im vergangenen Jahr anknüpfen, als unter dem Teamnamen Racing Point unter anderem ein Sieg gelang. Hinter der Namensänderung zu Aston Martin steckt der ehrgeizige Plan, mit guten Touren in der Formel 1 als weltweiter Werbeplattform das Sportwagen-Geschäft der britischen Kultmarke wieder in Gang zu bringen.

Die PR-Kampagne sucht ihres gleichen. Mit ständigen Bezügen zum Leinwand-Klassiker James Bond, der als Agent seiner Majestät gerne im Aston Martin dem Bösen davonfuhr auf seiner Welt-Rettungsmission, schoss das Projekt in der öffentlichen Wahrnehmung weit nach vorne. Auch weil es gelang, mit Vettel einen viermaligen Weltmeister zu verpflichten. In der Realität erinnern sowohl Mensch als Maschine im Moment an die Vergänglichkeit und werfen eine Frage auf: Haben sie die besten Zeiten hinter sich?

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot