Kommentar zur Formel 1

Wer braucht Nico Rosberg?

EIN KOMMENTAR Von Anno Hecker
03.05.2021
, 19:19
Wenn Rosberg öffentlich Tipps für Verstappen bereithält, wie dieser endlich Hamilton schlagen könnte, liegt der Verdacht nahe, wen er mit diesem Rat eigentlich aufwerten möchte.

Wer braucht Nico Rosberg? Das ist ein heikle Frage. Weil in ihr eine freche Antwort mitzuschwingen scheint: Niemand. Niemand? Zumindest Max Verstappen nicht. Er gilt als das Supertalent, als der in sechs Jahren Formel 1 gereifte einzige Herausforderer von Lewis Hamilton, als die Hoffnung der Szene, den Seriensieger in einem Kampf auf Biegen und Brechen zu stoppen. Rosberg hat Verstappen am Sonntag nach Rang zwei beim Großen Preis von Portugal hinter, nun ja, Hamilton, geraten, sich keine weiteren Fehlerchen zu leisten. Weil der Niederländer alles „perfekt“ machen müsse, wenn er den WM-Kampf gewinnen wolle. Verstappen sagte nach nun 121 Rennen meist hinter Hamilton – Überraschung –, er wisse das längst: „Ich brauche Nico nicht, um zu verstehen...“

Wirklich nicht? Schauen wir auf die Fehlerliste des Red-Bull-Piloten: Beim Saisonstart in Bahrein musste Verstappen den Sieg dem Weltmeister überlassen, weil er beim Überholmanöver an Hamilton vorbei das Streckenlimit überfahren hatte. Das ist bei Strafe verboten. Am Samstag verlor er den besten Startplatz wegen des gleichen Missgeschicks. Am Sonntag hätte Verstappen mit der schnellsten Rennrunde die Vergrößerung des Rückstands auf acht Punkte um einen verringern können – wenn er bei seiner schnellsten Tour nicht um eine Handbreit wieder über die Linie hinausgeschossen wäre. Die hohe Kunst der Formel 1 ist es, das Limit nicht zu überschreiten, alles im Blick zu haben. Das wird Hamilton stets nachgesagt. Aber so war es nicht am Sonntag.

Als der siebenmalige Champion beim „fliegenden“ Neustart in sein Rückspiegel nach Verstappen Ausschau hielt, zog ihm Teamkollege Bottas vorerst davon. Die Selbsterkenntnis des Formel-1-Chefpiloten für diesen Moment: „Idiot!“ Es ist nochmal gutgegangen, weil Bottas nun mal kein Hamilton ist. Der Engländer, zweite Selbsterkenntnis, ist ganz froh, „keine Maschine“ zu sein. Er kommt, wie schon gesehen in dieser Saison, unter Druck auch mal von der Ideallinie ab.

Es gab bislang nur einen in der Ära Hamilton, der dessen schwachen Momente nutzte: Rosberg beim WM-Sieg 2016. Könnte es sein, dass der öffentlich vorgetragene Rat, Verstappen müsse perfekt sein, um Hamilton schlagen zu können, nebenbei zur Aufwertung seiner einzigartigen Tat führen soll? Dann sollten Autor und Held nicht von derselben DNA sein. Wenn der Kritiker nicht im Kern recht hätte, müsste man glauben, vor allem einer brauche Rosberg: Rosberg.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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