Formel 1 in Ungarn

Vettel protestiert und wird Zweiter

Von Christoph Becker
01.08.2021
, 18:15
Sebastian Vettel zeigte vor dem Rennen in Ungarn deutlich die Regenbogen-Farben.
Sebastian Vettel fehlt nicht viel zum Sieger Esteban Ocon. Im Regen gibt es in der ersten Runde einen Crash. Beim Restart steht der neue WM-Führende Lewis Hamilton alleine auf der Strecke in Ungarn.

Die Formel 1 geht hoch erhitzt in die vierwöchige Sommerpause. Esteban Ocon, 24 Jahre alter Franzose, raste in Ungarn zum ersten Sieg im 78. Formel-1-Rennen seiner Karriere und das im französischen Alpine: „Allez les Bleus!“ Zweiter wurde Sebastian Vettel vor Lewis Hamilton, der mit Platz drei die Führung in der WM übernahm und zuvor vom Fahrfehler seines Mercedes-Teamkollegen Valtteri Bottas profitiert hatte.

Für den Temperaturanstieg sorgte allerdings wie vor 14 Tagen in Silverstone auch in Mogyorod ein Crash in der ersten Runde, in diesem Fall sogar in der ersten Kurve. Doch zuvor gab es eine Abkühlung. Regen vor dem Start, die Strecke feucht, die Fahrer bestellten die Intermediate-Reifen. Auf zur Rutschpartie. Hamilton startete gut von der Pole Position, Bottas neben ihm miserabel.

Die Red-Bull-Kombination Verstappen und Perez sowie Lando Norris im McLaren schossen links und rechts am Finnen vorbei, der auf dem abschüssigen Wegstück vor Kurve eins zu spät bremste. Bottas rauschte Norris ins Heck, der Verstappen von der Strecke drückte, Bottas räumte in seiner Bowling-Kugel mit Stern auf der Schnauze auch Perez ab, im Umfeld kollidierten Lance Stroll (Aston Martin) und Charles Leclerc (Ferrari).

Perez, Leclerc und Stroll waren fertig mit diesem Rennen, Verstappen konnte die Fahrt mit stark beschädigtem Dienstwagen fortsetzen. Zu viel hochpreisiger Schrott auf der Strecke, das Safety Car geleitete die Fahrer an die Box. Rote Flaggen, Rennunterbrechung. Für Verstappens Crew Gelegenheit zur Klebebandkosmetik. Für Norris Gelegenheit, Dampf über Bottas abzulassen. „Ich weiß nicht, warum man in der ersten Runde so viel Risiko eingehen muss. So etwas Dummes.“

Der zweite Anlauf geriet noch kurioser als der erste. Weil in der Zwischenzeit die Sonne den Asphalt hatte trocknen lassen, kehrten alle Piloten nach der Formationsrunde an die Box zurück, um Trockenreifen aufziehen zu lassen, statt sich in die Startaufstellung zu stellen. Alle? Nein. Lewis Hamilton stand einsam und allein auf der Pole Position.

Den Restart gewann der Weltmeister, aber über dem Hungaroring lachte die Sonne, über Hamilton und Mercedes nicht nur die Zuschauer, die es mit Verstappen hielten. Hamilton musste einkehren, ließ eine Runde nach alle anderen Slicks aufziehen und wunderte sich anschließend: „Bin ich Letzter?“ Ja. Er hatte schon amüsantere Witze gehört. „Jungs, das ist lächerlich.“

Während Hamilton nun dem Feld hinterherjagte und Verstappen im Mittelfeld mit lädiertem Auto feststeckte, auf einer Strecke, auf der das Überholen so entspannt ist wie ein mehrstündiger Aufenthalt auf dem Amt, drehte Esteban Ocon im Alpine Führungsrunden, unter genauer Beobachtung des Zweitplatzierten Sebastian Vettel, der wie der Schatten von Lucky Luke mit der Verzögerung von rund einer Sekunde folgte.

Vettel, der vor dem Start mit einem Shirt in Regenbogenfarben und der Aufschrift „Same Love“ (Gleiche Liebe) gegen die homophobe Politik der Regierung Viktor Orbán protestiert hatte, war von Platz zehn und schlecht ins Rennen gestartet. Was sein Glück war, weil er die sich vor ihm entwickelnde Unfalllage umfahren konnte. Gut Ding will auch mal Weile haben. Der Sonntag entwickelte sich nach Vettels Geschmack.

Hamiltons Laune heiterte auf, als sein Team einen Plan aufgetan hatte, die Konkurrenz zu überflügeln. In Runde 20 ließ er harte Reifen aufziehen. Verstappen musste nachziehen, kam hinter Hamilton zurück auf die Strecke. Hamilton konnte nun erfolgreicher jagen, bis auf Platz fünf fuhr der Brite vor. 23 Runden vor Rennende gab es Reifengummi mittlerer Härte und eine Ansage vom Chef: „Lewis, Du kannst das gewinnen!“, meldete Teamchef Toto Wolff über Funk. Der Konjunktiv wäre treffender gewesen.

Denn der zweite Alpine, an dessen Steuer Fernando Alonso saß, erwies sich als rollende Straßensperre. Der 40 Jahre alte Spanier verteidigte Platz vier hart und gekonnt, Runde um Runde. Hamilton klagte lautstark über die angeblich zu gefährliche Fahrweise des Spaniers. Verstappen, vor 14 Tagen Opfer des von Hamilton verschuldeten Highspeed-Crashs, wird darüber kaum lachen können. Sechs Runden vor Schluss war Hamilton dann doch vorbei – Alonso verbremste sich vor Kurve eins. Hamilton fuhr auf Platz drei ins Ziel und übernahm die Führung in der WM. 192:186 gegenüber Verstappen, der Zehnter wurde.

An der Spitze fuhr Ocon dem Sieg entgegen. Aston Martin hatte den Sieg an der Box verspielt, Vettels Stopp dauerte die eine Sekunde länger, die ihm den Rest des Rennens fehlte. Zweiter, wie schon in Baku. Ganz glücklich war Vettel nicht: „Ich hab‘s das ganze Rennen versucht. Wir waren schneller.“ Aber Ocon hatte erkannt, worum es in Ungarn ging: er behielt die Nerven.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Becker, Christoph
Christoph Becker
Sportredakteur.
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