Vettel im neuen Aston Martin

„Unser Auto ist bislang das schönste“

Von Anno Hecker
03.03.2021
, 18:43
Nach der unfreiwilligen Trennung von Ferrari fährt Sebastian Vettel nicht mehr in einem Top-Team. Seine Ziele bei Aston Martin sind dennoch hoch. Das neue Auto ist ihm eine kleine Liebeserklärung wert.

Sebastian Vettel machte keinen Umweg. Im ersten Jahr mit Aston Martin will der Heppenheimer in der Formel 1 weit vorne mitfahren: „Mercedes ist der Favorit, das ist klar, dahinter lauert Red Bull“, sagte der viermalige Weltmeister am Mittwoch während einer virtuellen Pressekonferenz kurz vor der Vorstellung seines neuen Dienstwagens: „Aber dann wird es eng. Da wollen wir ein Wörtchen mitreden. Platz drei ist das Ziel.“

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Racing-Green, was sonst? In der klassischen Motorsportfarbe haben die Briten ihren Aston Martin namens AMR21 lackiert. Eine Reminiszenz an die Farbe der Nation bei Autorennen. Franzosen fuhren in Blau, Italiener in Rot und die Deutschen in Weiß, ehe der Silberpfeil kreiste. Die Briten wählten Grün. Vettel liebt die Verbindung von alten Geschichten mit modernen.

Und so fand er Gefallen an der Inszenierung der Präsentation am Mittwoch, an der Verknüpfung von Aston Martin mit dem Agenten Ihrer Majestät, James Bond, der auf dem Weg zur Rettung der Welt dem Bösen mitunter wundersam in einem Aston Martin entkam. Wie sich das Grußwort von Bond-Darsteller Daniel Craig aber mit der Aufforderung des Superstars unter den Quarterbacks, Tom Brady, „einigen den Hintern (in der Formel 1) zu versohlen“, verknüpfen ließ? Mit dem Hinweis auf die Lösung scheinbar unlösbarer Probleme. „Unsere Ambitionen“, sagte Team-Mitbesitzer Lawrence Stroll, „sind grenzenlos.“

Schnell ist am Ende schön

Vettel wird vorerst neue Grenzen erfahren. Er fährt nach der unfreiwilligen Trennung von Ferrari erstmals in seiner Karriere nicht in einem sogenannten Top-Team. Mit Red Bull hatte er zwischen 2010 bis 2013 vier Titel in Serie gewonnen: „Aber 2008 und 2009 war das Team auch noch im Entwicklungsstadium.“ So ähnlich wie nun Aston Martin. Damals begann die Formel-1-Szene die „Partytruppe“ im Fahrerlager langsam ernst zu nehmen. Als sie das Überholmanöver des Teams mit österreichischem Geldgeber, britischer Kompetenz und blutjungem deutschen Piloten beim Rennwagenbau erkannte, war es zu spät. Red Bull dominierte. Wird sich die Geschichte wiederholen?

Hinter Aston Martin steht, wie hinter Red Bull, ein Milliardär: Stroll. Der Enthusiasmus im Team, sagt Vettel, sei mit Händen zu greifen. Er will das Projekt mit seiner Erfahrung, wie man 53 Rennen gewinnt, Weltmeister wird, vorantreiben. Und glaubt, dafür eine Basis zu sehen. Was in seinem neuen Renner steckt, wusste er am Mittwoch noch nicht. Aber Form und Fassung des Boliden waren ihm eine kleine Liebeserklärung wert: „Unser Auto ist bislang das schönste.“

Die Wertung kann sich ändern. Denn noch sind nicht alle der Öffentlichkeit vorgestellt. Dazu kommt die bei Piloten häufig festgestellte Neigung, die Wirkung eines Rennwagens auf das Auge des Betrachters von der Geschwindigkeit abhängig zu machen, mit der er sich kreisen lässt. Schnell ist dann schön. Gilt die vergangene Saison als Vorlage für die Leistungsfähigkeit 2021, dann sollte der Aston Martin sehr fix zu fahren sein. Er ist aus dem Rennstall Racing Point hervorgegangen, dem im vergangenen Jahr ein Sieg gelungen war.

Angetrieben wird der Bolide vom Mercedes-Hybrid, eine große Stärke des Weltmeisterteams, das auch im vergangenen Jahr Ferrari mit Vettel auf den Geraden quasi stehen ließ. „Ich bin gespannt, ob er wirklich so gut ist“, sagte Vettel mit Blick auf den ersten echten Test am 12. März und auf den Saisonstart Ende des Monats in Bahrein, wenn dann alle rund 1000 Pferdestärken zum Einsatz kommen im ersten Qualifikationstraining.

Dass die wegen der Pandemie auf 2022 verschobene große Regelreform die Hackordnung des vergangenen Jahres eins zu eins zementiert, bezweifeln Ingenieure und Piloten einiger Rennställe. „Der Teufel steckt im Detail“, sagte auch Vettel und nahm auf, was Mercedes-Ingenieure tags zuvor über die Arbeit am neuen W12 erzählt hatten. Zwar gibt es große Einschränkungen für die Konstrukteure. Doch die Perfektionisten haben sich Tag und Nacht auf die wenigen erlaubten Zonen rund um ihren Boliden gestürzt, um den per Reglement verlorenen aerodynamisch erzeugten Abtrieb an anderer Stelle wieder zu gewinnen.

So einer riesigen, bestens geschmierten Maschinerie wie Mercedes sind immer wieder Innovationen gelungen. Das vergleichsweise kleine Unternehmen Aston Martin hat nicht so viele Hirne im Hintergrund zu bieten, muss sich aber beim Thema Antrieb keine größeren Gedanken machen: der wird geliefert, wenn auch nicht gleich die allerbeste Version. Er werde sich in jedem Fall an den Antrieb aus dem Hause Mercedes gewöhnen müssen, „wie er atmet“ und wie er betrieben werde, erzählte Vettel und deutete die Komplexität des Fahrerjobs an.

Reinklettern und Gas geben, das war einmal. Inzwischen büffeln ehrgeizige Fahrer Bedienungsanweisungen in Buchstärke, um das Zusammenspiel von Ladevorgängen der Batterien und der Leistungsentfaltung auf den Punkt anwenden zu können. Vettel kann sich auf seine Erfahrung und sein technisches Verständnis verlassen. Seine Erwartung, gleich auf Anhieb mit Aston Martin gut über die Runden kommen zu können, stützt er auf die Tugend des Rennstalls: Die Budgetreduzierung in der Formel 1 auf 120 Millionen Euro pro Jahr, unter anderem ohne Fahrergagen, ist keine schwierige Übung für sein neues Team.

Die Ingenieure sind es gewohnt, mit relativ wenig Geld effizient arbeiten zu müssen. Racing Point hatte allenfalls ein Drittel der Summe zur Verfügung, die Ferrari ausgab. „Die Regelung kommt uns entgegen“, sagte Vettel, „es wird aber nicht einfach, an die Spitze zu kommen, das passiert nicht von heute auf morgen.“ Szafnauer spricht von drei Jahren. Vettel wäre dabei, wenn es rund läuft: „Ich habe noch einige Jahre in mir. Wie viele, das hängt davon ab, wie sich die Dinge in nächster Zeit entwickeln.“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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