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Ferrari in der Formel 1

„Leclerc war das Opfer“

Von Anno Hecker
 - 14:26

Auf die Perspektive kommt es an. Lächelnd kommentierte Toto Wolff am Sonntag den Sieg seiner Piloten beim Großen Preis von China vor Ferrari. Schon wieder. Große Worte erlaubte sich der Teamchef von Mercedes nicht. Warum auch? Lewis Hamilton gewann den Start, kontrollierte das Rennen, erlebte zwei schnelle wie fehlerlose Boxenstopps, siegte zum sechsten Mal in China und zum 75. überhaupt in seiner Formel-1-Karriere. Ein Sternstündchen mit dem Teamkollegen Valtteri Bottas im Rücken pünktlich zum 1000. WM-Lauf. Größere Gefühle, da waren sich Wolff und sein ehemaliger einmaliger Weltmeister, der zum scharfzüngigen Kommentator gewandelte Nico Rosberg, einig, gebührte aber dem Verlierer: „Ja, der Leclerc war das Opfer.“

Sollte die Anteilnahme eine Anerkennung für den 21 Jahre alten Monegassen sein? Oder der charmant vorgetragene Versuch, mit rhetorischem Geschick Ferrari ein Ei ins Nest zu legen, ein heikles Thema zu befeuern? Charles Leclerc rauschte als Fünfter ins Ziel, gut 17 Sekunden nach Sebastian Vettel, gar noch hinter Max Verstappen im Red Bull. Die Wut in seinem Bauch ließ er während des Rennens nur am Funk erkennen. Mit Sprüchen wie: „Ich verliere Zeit. Ich will das nur mal loswerden, damit ihr es wisst.“ Ihr, damit sprach der 21 Jahre alte Ferrari-Debütant Ingenieure an, graduierte Herren an der Boxenmauer, auch der Teamchef Mattia Binotto war gemeint, schon während der Schumacher-Ära Mitglied der Scuderia.

Man kann sich vorstellen, dass die erfahrenen Strategen doch einiges wissen von dem, was sie tun. „Wir wollten Sebastian eine Chance geben und sehen, ob er das Tempo der Mercedes mitgehen kann“, sagte Binotto, „es ging nicht darum, einem Fahrer einen Vorteil gegenüber dem anderen zu geben.“ Was war geschehen? Beim Start sauste Leclerc an Vettel vorbei auf Position drei, weil Bottas von der Pole-Position mit zu stark durchdrehenden Reifen das Beschleunigungsduell mit Hamilton verloren und den Vortrieb von Hintermann Vettel blockiert hatte. Fingerspitzengefühl entschied über Sieg und Niederlage. Ferrari versuchte es ein paar Runden später im übertragenen Sinne mit Gespür für die Seele seines jungen Piloten.

Ob er denn nicht schneller fahren könne? „Ja.“ Denn Runde für Runde entfernte sich das Silberpfeil-Duo, mitunter im Sekundentakt pro Umlauf, während Vettel hinter Leclerc drückte und drängte, schneller wirkte als der Teamkollege. Leclercs Behauptung stellte sich aber als falsch heraus. Hätte Ferrari also den viermaligen Weltmeister anstehen lassen sollen? Hätten Binotto die vage Chance, Mercedes vielleicht doch näher kommen zu können, den wahren Leistungsvergleich zu erkennen, fahren lassen sollen? Daraus wäre diese Schlagzeile entstanden: Ferrari opfert Vettel für einen Jungspund. Schneller ließe sich eine bislang harmonische Teamstruktur kaum sprengen.

Wie vor der Saison angekündigt setzt Binotto auf die Erfahrung seines Champions. Der zog nach der späten Order an den widerspenstigen Leclerc, Platz zu machen, auf den schon deutlich abgefahrenen Reifen leicht davon, verlor den gewachsenen Vorsprung aber durch zwei Verbremser, ehe er, endlich im Rhythmus, schneller als Leclerc kreiste. Doch zu einem Angriff auf Mercedes reichte es zu keinem Zeitpunkt. Die Entscheidung der Rennstallführung, den Zeitpunkt für Leclercs Boxenstopps zu verzögern, um Bottas Flucht vor Vettel aufzuhalten, warf den selbstbewussten Steuermann hinter Verstappen im eigentlich langsameren Red Bull zurück. Und so zeigte Binotto Verständnis: „Wenn Charles wütend ist, dann hat er das Recht dazu. Ich kann nachvollziehen, wie er sich fühlt.“

Oder wie sich Vettel gefühlt hat, als der Hesse im vergangenen Jahr etwa beim Qualifying in Monza seinem damaligen Teamkollegen Kimi Räikkönen Windschatten spenden musste, obwohl er mit Hamilton um den WM-Titel kämpfte. Binotto will diese strategischen Fehler seines Vorgängers nicht wiederholen. Leclerc macht es ihm allerdings schwer. Am Wochenende fuhren die Ferrari-Piloten auf Augenhöhe, wenn auch Vettel um einen Tick schneller kreiste in den entscheidenden Momenten. Das ist eher ein Glück für Ferrari und vorerst auch eines für Mercedes. Weil so ein Duell nicht nur auf der Strecke Zeit und Kraft kostet.

Mercedes’ Teamchef Wolff weiß zu genau, wie schnell sich die Lage wandeln kann. In Melbourne überraschte sein Team, in Bahrein fuhr Ferrari (mit Leclerc) davon, ehe ein Schaden die Aussicht auf den greifbaren Sieg nahm. In Schanghai wiederum ließ Mercedes der mittelmäßigen Scuderia weder im Qualifying noch im Grand Prix eine Chance. Die neuen Reifen haben den Spielraum für die Abstimmung der Boliden offenbar noch weiter eingeengt. Ferrari rast zwar auf den Geraden mit dem stärksten Antrieb allen davon, verliert aber in den „langsamen“ Kurven viel Zeit gegenüber Mercedes.

Aber Wolff kennt die Schnelllebigkeit des Fahrgeschäfts: Was, wenn die Italiener im Entwicklungsrennen den Schlüssel für eine Beschleunigung schneller finden als Mercedes? Der Antrieb lässt sich wegen des weitgehenden Entwicklungsverbotes kaum stärken. Insofern scheint sich Ferrari etwas mehr Spielraum zu bieten auf dem Weg zur Entfaltung des vollen Potentials. So wie Vettel, der sich im Gegensatz zu Leclerc „noch nicht so wohl“ im Auto fühlt. Sein Können bewies er beim Duell Max Verstappen. Den Angriff des Niederländers kurz nach dem zweiten Boxenstopp „habe ich kommen sehen“.

Er ließ ihn auf der Innenseite vor der Haarnadelkurve zu, vertraute zu Recht auf etwas zu viel Tempo des großen Talents, wählte den großen Bogen und zog mit einer früheren Beschleunigung im Zentimeterabstand am Red Bull vorbei. Clever. „Ich hätte es auch so gemacht“, sagte Verstappen. Mitunter kommt man aus verschiedenen Perspektiven zum gleichen Urteil. Leclerc wechselte seine auf die Teamorder nach dem Grand Prix: „Im Cockpit hat man eine eingeschränkte Sicht. Der Kommandostand kennt das ganze Bild.“

Quelle: F.A.Z.
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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