Formel-1-Training in Imola

Auch Vettel muss noch lernen

Von Anno Hecker, Imola
16.04.2021
, 19:09
Die Rivalen sehen Verstappen vorne, doch der muss im zweiten Training zugucken. Vettel bleibt hinter Stroll zurück, gibt sich aber zuversichtlich. Und langsamer als Schumacher ist nur Masepin.

Zuschauen. Das muss nervös machen. Jedenfalls Rennfahrer, wenn die Motoren brüllen. Auch einen coolen Piloten wie Max Verstappen. So nah dran auch am Freitag wieder: 58 Tausendestelsekunden langsamer als Valtteri Bottas auf eine Runde in Imola, 0,017 Sekunden hinter Lewis Hamilton im zweiten Mercedes. Das gelang, als es noch nicht so recht zählte.

Am Freitagvormittag, beim ersten Training zum Großen Preis der Emilia Romagna am Sonntag (15 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1, bei RTL und Sky). Am Nachmittag war nach rund 25 Kilometern Schluss für den Niederländer. Der Dienstwagen von Red Bull wollte nicht mehr, rollte aus. Feierabend zur Kaffeestunde. Verstappen schlenderte zur Box. Sein Bolide machte eine Stadtrundfahrt auf dem Rücken des Abschleppwagens.

Das „Autodromo Enzo e Dino Ferrari“ liegt halb im Wohngebiet von Imola, halb im Park. Wer nach Hause muss, in diesem Fall zur Garage von Red-Bull Box, während die Konkurrenz noch kreischend kreist, muss den Rückzug über einen langen Umweg wählen. So kam Verstappen nicht mehr zum Zuge. Aber die Rivalen sehen ihn dennoch vorn: „Es ist klar, dass Red Bull noch nicht alles zeigen konnte“, sagte Bottas, der auch den zweiten Durchgang gewann, wieder vor Hamilton, ehe er mehr von Gefühlen denn von einer datenbasierten Erkenntnis sprach: „Wir denken weiterhin nicht, dass wir das schnellste Auto haben.“

„Es wird auf Kleinigkeiten ankommen“

Dann hätte sich nichts geändert? So ein ärgerlicher Ausfall wegen eines Antriebswellenschadens wirkt auf den ersten Blick harmlos. Was haben Verstappen und Red Bull schon in den 47 Minuten Stillstand des zweiten Trainings über eine Stunde verloren? Der Fahrer eher nichts. Verstappen ist zwar 23 Jahre alt, aber in seiner Generation ein „alter Hase“ mit 120 Grand Prix und zehn Siegen. Das Team aber ging eine wertvolle Datensammlung durch die Lappen.

Zu Beginn einer Saison, in Imola hat sich die Szene zum zweiten Grand Prix nach dem Auftakt vor drei Wochen in Bahrein getroffen, ist jede Runde, jede Simulation des Qualifyings an diesem Samstag und des Rennens am Sonntag wichtig. Zumal Red Bull erstmals seit Jahren wieder auf Augenhöhe fährt mit dem Weltmeisterteam. „Es wird auf Kleinigkeiten ankommen“, sagt Mercedes‘ Chefingenieur Andrew Shovlin. Auf die Zeitenjagd vor dem Rennen, im Training, bei der Auswertung der Datenflut über Nacht. Mercedes beherrscht das Spiel. Sieben Mal ist der Rennstall in Serie Konstrukteurs-Weltmeister geworden. Weil er Vorsprünge herausarbeitete und Rückstände schnell aufholte, im Labor.

Vor drei Wochen distanzierte Verstappen Hamilton im Qualifying. Bereinigt um einen Fahrfehler des siebenmaligen Weltmeisters und technische Probleme des Red-Bull-Piloten spielte die Red-Bull-Fraktion in Gesprächen mit einem Vorsprung von 0,1 (Verstappen) bis 0,6 Sekunden (Sportchef Helmut Marko). Im Mittel, nach Abzug von Untertreibung und Übertreibung, wären es 0,3 Sekunden. Glaubt man Bottas, dann ist die wahre Distanz geschrumpft: „Die Probleme sind nicht weg“, sagte der Finne, aber „sie sind geringer geworden. Das Auto fühlt sich besser an.“ Hamilton gab noch eine quasi natürliche Begründung für eine mögliche Verdichtung an der Spitze des Feldes: „Die Strecke kommt unserem Auto entgegen.“

Wie schnell der Red Bull in Imola über die Runde kommt, hätte Verstappens neuer Teamkollege Sergio Perez zeigen sollen. Dafür ist er engagiert worden. Aber am Vormittag war er im Scheitelpunkt einer Kurve mit dem Franzose Esteban Ocon im Alpine kollidiert und liegen geblieben. Eine Missverständnis unter Piloten, hervorgerufen durch eine Überwachungslücke. Der Datentransfer samt Boxenfunk war zu dem Zeitpunkt komplett ausgefallen. Schon übersahen sich die Herren, ohne Vorwarnung von der Kommandozentrale. Rumms.

Am Nachmittag spulte Perez sein Programm problemlos ab, blieb aber 0,86 Sekunden über der Bestzeit von Bottas. „Ich lerne gerade, wie sich das Auto auf unterschiedlichen Kursen verhält“, teilte der Mexikaner mit, „ich lerne ein paar Tricks hier und da.“ Er braucht, so die Einschätzung von Freund und Feind, wohl noch etwas Einfahrzeit.

Das ist das Thema von Sebastian Vettel. Lernen, lernen, lernen. Für einen viermaligen Weltmeister keine leichte Aufgabe. Jeder erwartet den Extraspeed des früheren Champions. Am Freitag lag er als 15. gut drei Zehntelsekunden hinter seinem Teamkollegen bei Aston Martin, Lance Stroll (10.). Auch das noch. Aber Vettel, gebeutelt von einem teils schwachen Auftritt samt Auffahrunfall beim Saisonstart, gab sich vorsichtig optimistisch: „Wir haben einige Teile am Auto ausprobiert. Es ist ein kleiner Schritt nach vorne.“ Bei der Simulation des Startplatztrainings habe auf kalten Reifen noch nicht alles zusammengepasst. Frei übersetzt: Da kommt noch was. Es muss.

Aston Martin, 2020 unter Racing Point viel weiter vorne unterwegs, setzt auf den PR-Effekt, in diesem Jahr mit klingenden Namen zu kreisen, um das Geschäft hinter den Kulissen anzutreiben: Sportwagen verkaufen. Das motiviert Ferrari seit 71 Jahren, der Formel 1 ein Marken-Gesicht zu verleihen. Und siehe da: Kaum hat Vettel das Weite suchen müssen, taucht die Scuderia wieder vorne auf. Und das am Freitag nicht mal mit Charles Leclerc, der den Deutschen smart verdrängte, mit Speed und Cleverness.

Vor dem Monegassen plazierte sich der Spanier Carlos Sainz jr., engagiert für Vettel als pflegeleichte Nummer zwei, was Teamchef Mattia Binotto glatt dementieren würde mit dem Zeitenzettel in der Hand: Vierter vor Leclerc, nur knapp 0,3 Zehntel hinterher. Das ist aus zwei Gründen erstaunlich: Sainz braucht offenbar keine Einfahrtzeit und Ferrari ist, wie es sich in Bahrein andeutete, ein satter Sprung gelungen. Es sei denn, die Heimatnähe, 80 Kilometer sind es bis Maranello, habe die Scuderia bewogen, sehr wenig Benzin vor der Zeitenjagd getankt zu haben.

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Früher nannte man solche Spielchen Vorstandszeiten, zur kurzfristigen Beglückung der Konzernlenker. Ob das nur im Ansatz so wahr? Weiß allein Ferrari. Das gilt auch für Alpha Tauri, den Tochterrennstall von Red Bull: Dritter mit dem vom Mutterteam degradierten Franzosen Pierre Gasly am Steuer. Nur 28 Tausendstel hinter dem schnellsten Mercedes am Freitag? Auch keine Überraschung auf dem Heimkurs. Zwölf Kilometer sind es vom Fabrik-Tor in Faenza bis zur Rennstreckeneinfahrt. Man kennt jeden Winkel des Autodromo.

Da passt die Abstimmung sofort und selbst ein etwas mehr Luft im Tank täuschte nicht darüber hinweg, dass der Alpha Tauri mit dem Honda-Triebwerk im Heck auf dem Sprung zur Mittelstandführung ist und in Imola im Kampf um die besten Startplätze hinter den Topteams mitmischen könnte: „Die Plazierung ist hier wichtig, denn auf dieser Strecke kann man dem Vordermann nur schwer folgen“, sagt Hamilton, „entsprechend wird es entscheidend sein, die Abstimmung perfekt hinzubekommen und im Qualifying alles herauszuholen.“

Ein schöner Härtetest für den japanischen Novizen Yuki Tsunoda im Alpha Tauri unter dem strengen Teamchef Franz Tost. Wenn beide Autos am Samstag im Qualifying unter die besten Zehn kämen, machte sich wohl wieder Enttäuschung breit beim Österreicher. Das Auto hat den Speed. Der Haas von Mick Schumacher nicht: Vorletzter. Zwar nicht abgeschlagen, aber doch dort gelandet, wo man die Boliden des amerikanischen Rennstalls mit Ferrari-Antrieb im Heck erwartet. Immerhin schlug Schumacher Junior seinen Teamkollegen Nikita Masepin.

Der konnte sich am Freitagnachmittag zwar nicht wehren wegen eines Getriebe-Problems. Aber im Gegensatz zu Verstappen hatte der Russe bei seiner Panne die Finger im Spiel. Er war im ersten Training mehrmals von der Piste gekreiselt – und einmal eingeschlagen. Deshalb kam er später nicht mehr wie gewünscht in die Gänge.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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