Formel 1

Wie Russell seinem Mercedes-Kollegen Hamilton zusetzt

Von Hermann Renner, Silverstone
02.07.2022
, 13:04
Tüfteln beide noch am Mercedes: George Russell (l.) und Lewis Hamilton
Hungrig, opferbereit, entschlossen: Bei Mercedes kann George Russell endlich zeigen, was in ihm steckt. Gegenüber Teamkollege Lewis Hamilton hat er die Führung in internen Duellen. Doch manchmal trügt der Schein.
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Diese Statistik können nicht einmal WM-Spitzenreiter Max Verstappen und sein Rivale Charles Leclerc bieten. George Russell ist der einzige Fahrer im Feld, der bei allen neun Grands Prix in diesem Jahr gepunktet hat und dabei immer auf den ersten fünf Plätzen ins Ziel gekommen ist. Der 24-jährige Engländer liegt mit 111 Punkten auf dem vierten Platz im Gesamtklassement, und würde bei Mercedes beim Heimrennen in Silverstone an diesem Sonntag (16.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei Sky) endlich der Knoten aufgehen, dann könnte Russell sogar noch um den WM-Titel mitfahren. Auf Verstappen fehlen ihm 64 Punkte. Der zweimalige Saisonsieger Leclerc hat nur 15 Zähler mehr auf dem Konto als Russell.

Führung im internen Vergleich

George Russell ist nach drei Lehrjahren bei Williams endlich an seinem Ziel angekommen. Das Juwel aus dem Mercedes-Nachwuchsprogramm sitzt in einem Mercedes. Doch ausgerechnet jetzt ist dieser Mercedes kein Siegerauto. Russell gibt zu, dass er enttäuscht gewesen wäre, wenn man ihm vor der Saison gesagt hätte, dass er nach einem Drittel der Saison immer noch auf seinen ersten GP-Sieg warten muss.

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Aber der 1,85-Meter-Mann hat bei Williams gelernt, Tatsachen zu akzeptieren. „Du musst das Positive mitnehmen. Wenn du irgendwann Weltmeister werden willst, darfst du es nicht zulassen, dass dich die Enttäuschung runterzieht, weil es das nächste Rennen beeinflussen würde. Es macht keinen Sinn, von einem anderen Auto zu träumen. Am Ende muss ich doch dieses Auto fahren und meine beste Leistung bringen.“

„Völlig egal, wer von uns vorne liegt“: George Russell in Silverstone
„Völlig egal, wer von uns vorne liegt“: George Russell in Silverstone Bild: dpa

Auf dem Papier stimmt die Leistung. Russell führt im internen Vergleich mit Lewis Hamilton mit 111:77 Punkten und mit 5:4 nach Trainingsduellen. Der Neuling im Team stand schon drei Mal auf dem Podest, der Rekordsieger erst zwei Mal. So setzte dem siebenmaligen Weltmeister schon lange kein Teamkollege mehr zu. Noch dazu einer, der in dieser Liga quasi noch Neuling ist. Russell gibt nicht viel auf die Zahlenwelt: „Im Moment ist es völlig egal, wer von uns vorne liegt. Lewis und ich müssen zusammen dem Team helfen, das Auto schneller zu machen. Wir sind nicht da, um Fünfter zu werden. Und das ist im Moment der beste Platz, den wir erreichen können, wenn von Red Bull und Ferrari keiner ausfällt.“

Tatsächlich wird das Duell der Mercedes-Fahrer dadurch verzerrt, dass beide im Zuge der Problemlösung meistens mit unterschiedlichen Fahrzeugabstimmungen und manchmal sogar unterschiedlichen Konfigurationen in das Rennen geschickt werden. In Montreal wählte Hamilton einen kleineren Heckflügel als sein Landsmann. Meistens nimmt Hamiltons Seite der Garage bei den Experimenten die riskantere Variante, was nicht immer die bessere Wahl war. „Die unterschiedlichen Wege liefern uns schneller Antworten auf unsere Fragen“, rechtfertigen die Ingenieure das geteilte Risiko.

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Psychologischer Vorteil

Hin und wieder stört es Hamilton dann doch, wenn ihm der junge Herausforderer vor der Nase herumfährt. Da beschwert er sich schon mal über die Strategie, die ihn vermeintlich benachteiligt hat. Tatsächlich war es dann so, dass Russell einfach mehr Glück mit dem Timing seiner Boxenstopps hatte, weil sie wie in Melbourne oder Miami in eine Safety-Car-Phase fielen.

Lewis Hamilton und George Russell gemeinsam auf der Strecke in Montréal
Lewis Hamilton und George Russell gemeinsam auf der Strecke in Montréal Bild: Reuters

Auch psychologisch ist der neue Mann im Team im Vorteil. Für ihn ist diese Saison ein Aufstieg, für Hamilton das Gegenteil. „Wir haben George aus dem Tabellenkeller ins Mittelfeld gehoben“, scherzt Teamchef Toto Wolff mit Galgenhumor. „Lewis haben wir von der Spitze ins Mittelfeld gestürzt.“ Russell sieht die Konfrontation mit dem Superstar als Privileg: „Weil ich so viel von Lewis lernen kann. Wie er arbeitet. Wie er mit den Ingenieuren kommuniziert. Wie er die Mannschaft motiviert. Lewis erinnert sich an jedes Detail, das er im Auto spürt.“

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Bewerbung mit GP3-Titel und Powerpoint-Präsentation

George Russell bewarb sich 2017 mit einem GP3-Titel und einer Powerpoint-Präsentation bei Mercedes. Toto Wolff nahm den ehrgeizigen jungen Mann langfristig unter Vertrag. Und er wurde nicht enttäuscht. Der Formel-2-Meister von 2018 spürt heute noch Dankbarkeit, weil er weiß, dass Talent allein heute nicht mehr ausreicht: „Wenn du beim Scouting übersehen wirst, hast du ein Problem. Ich hätte nie Formel 3 oder Formel 2 aus eigenen Mitteln fahren können.“

Ab 2019 wurde er bei Williams in die Lehre geschickt. In der ersten Saison fuhr Russell mit seinem Teamkollegen Robert Kubica ein Rennen hinter dem Rennen. In der zweiten war der Anschluss an das Feld geschafft. Und in der dritten lieferte er die ersten Punkte für das ewige Schlusslicht ab. Der künftige Werkspilot setzte sich jedes Jahr neue Ziele. „Im ersten Jahr war mein Gegner das Auto. Es war leicht, darin dumm auszusehen. Mein Ziel war erreicht, wenn ich mir nach der Qualifikationsrunde sagen konnte: Schneller hätte ich nicht fahren können. Und nach dem Rennen: Ich habe keine Fehler gemacht.“

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Hungrig, opferbereit, entschlossen

Die ersten Punkte im dritten Williams-Jahr waren dann mehr wert als ein Sieg im Mercedes. „Als ich 2020 ein Rennen für Mercedes fahren durfte, weil Lewis ausfiel, da wusste ich, dass ich ein Auto hatte, mit dem ich etwas Großes leisten konnte. Im Williams musste alles perfekt passen, um Punkte abzuliefern.“ Die Geduld zahlte sich aus. „Nach meiner ersten Saison wäre ich wahrscheinlich nicht in der Lage gewesen gegen einen wie Lewis zu bestehen. Und als Toto nach der zweiten Saison sagte, der Aufstieg käme noch ein Jahr zu früh, da habe ich ihm vertraut. Er ist länger in dem Sport als ich.“

Heute trifft Russell auf Fahrer, die er schon seit zehn Jahren kennt. Max Verstappen, Charles Leclerc, Esteban Ocon, Lando Norris und Alexander Albon waren eine Gang, die 2011 über die Kartpisten der Welt getingelt ist. „Ab einem Alter von 13 Jahren sind wir praktisch immer gegeneinander gefahren und haben uns gegenseitig angetrieben und besser gemacht. Wir haben alle die gleiche Einstellung, sind hungrig, opferbereit, entschlossen, diesen Traum Formel 1 zu leben. Für mich war es normal, die Schule früh zu verlassen, nicht auf Parties zu gehen, keinen Alkohol zu trinken, jeden Tag zu trainieren, in der Fabrik Zeit mit dem Team zu verbringen. Weil es für Max, Charles und die anderen auch normal war.“

Jetzt fehlt dem WM-Vierten nur noch ein Siegerauto. „Mercedes kriegt das hin“, ist Russell sicher. „Da gibt es so viele schlaue Leute. Die finden für alles eine Lösung.“

Quelle: F.A.Z.
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