Formel 1

Drama in drei Akten in Silverstone

Von Richard Blehn, Silverstone
03.07.2022
, 21:23
Horrorunfall unmittelbar nach dem Start: Wie durch ein Wunder hat Guanyu Zhou den Crash ohne schwere Verletzungen überstanden.
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Erst verunfallt Guanyu Zhou kurz nach dem Start heftig, dann rast Carlos Sainz beim Großen Preis von Großbritannien der Konkurrenz davon. Und auch Mick Schumacher lässt seiner Freude freien Lauf.
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Es sind ein Zaun, der von einer Spezialfirma für Lawinenschutz hergestellt wird, und ein Halo genannter Cockpitbügel aus Titan, die maßgeblichen Anteil daran haben, dass der Große Preis von Großbritannien tatsächlich zu jenem Spektakel wird, das sich die 140.000 Zuschauer erhofft hatten – und nicht zu einem schwarzen Tag für die Formel 1. Nur wenige Sekunden nach dem Start wird der zehnte WM-Lauf abgebrochen, nachdem der Alfa Romeo des Chinesen Guanyu Zhou kopfüber durchs Kiesbett schlittert, angehoben wird, über die Sicherheitsbarrieren fliegt und seitlich im besagten Zaun landet. „Der Halo hat mich gerettet“, sagte Zhou später, als er schon wieder durch das Fahrerlager laufen konnte. Auch das zweite Unfallopfer, der Thailänder Alex Albon, kann dem nach einem heftigen Crash havarierten Williams ohne äußere Verletzungen entkommen, musste aber zur Beobachtung noch in ein Krankenhaus geflogen werden.

Der Schockstarre folgen nach dem Neustart und einer späten Neutralisierung zahlreiche sportliche Dramen in einem der unterhaltsamsten Rennen der letzten Jahre. Fast wäre es noch zu einer weiteren Katastrophe gekommen, als nach dem Abbruch mehrere Klima-Aktivisten überwältigt werden mussten, die sich als Streckenposten verkleidet und schon in Richtung Piste geschmuggelt hatten, um eine ähnliche Protestaktion wie vor zwei Jahren durchzuführen.

© Twitter

Aber dann, endlich der Sport, nach einer vom samstäglichen Regen bestimmten Startaufstellung. Bestand hatte davon nach zweieinhalb Stunden und 52 Runden aber nur der Mann auf der Pole-Position. Der Spanier Carlos Sainz junior steht im 150. Anlauf zum ersten Mal ganz vorn, und der zweite Mann von Ferrari bleibt es auch nach zahlreichen Wendungen bis zum Schluss. Er distanziert damit den Mexikaner Sergio Perez, dessen Red-Bull-Honda zwar schon früh havariert, aber am Ende mit frischen Reifen die Spitzengruppe durch zahlreiche aggressive Manöver durcheinanderwirbelt. Möglich gemacht durch eine späte Safety-Car-Phase. Auf den letzten zehn Runden wechseln die Positionen der Top-Autos beinahe sekündlich.

Sieger nach einem turbulenten Rennen: Carlos Sainz jr. jubelt nach dem ersten Grand-Prix-Sieg seiner Formel-1-Karriere.
Sieger nach einem turbulenten Rennen: Carlos Sainz jr. jubelt nach dem ersten Grand-Prix-Sieg seiner Formel-1-Karriere. Bild: AFP

Das geht zu Lasten von Charles Leclerc. Der monegassische Titel-Mitfavorit wird in letzter Zeit immer wieder durch die Technik, Taktik oder eigene Fehler gebremst, auch diesmal bleibt ihm das Pech treu. Da Sainz und nicht er zum Boxenstopp geholt wird, kommt die Ferrari-Hoffnung nicht mal aufs Podest. Intern wird das in Maranello für weitere Diskussionen sorgen, selbst wenn Teamchef Mattia Binotto für seine Taktik gute Gründe anführt. Aber freie Fahrt für beide Piloten in einem Titelrennen, in dem Leclerc dringend aufholen muss, das ist ein enormes Risiko. Stattdessen feiert Lewis Hamilton, der Rekordsieger von Silverstone, mit dem dritten Rang ein grandioses Comeback. Mit dem runderneuerten Silberpfeil schafft er es auf den dritten Platz, und mehr als das Ergebnis begeistern ihn das erstarkte Auto und der Zuspruch des Publikums, gerade nach den rassistischen Angriffen der Vorwoche: „Das war die größte Show auf Erden, sowas ist nur möglich in Silverstone.“

Wer sich bis hierhin wundert, dass Titelverteidiger und WM-Spitzenreiter Max Verstappen noch nicht erwähnt worden ist, vermutet richtig: der Niederländer erleidet nach sechs Siegen in acht Rennen einen Rückschlag. Aber nur einen kleinen. Obwohl er seine Führung im Rennen durch ein stark beschädigtes Auto schnell verliert, mehrfach die Reifen wechselt und sich heftige Rededuelle mit den Red-Bull-Ingenieuren über Boxenfunk liefert, hält er durch und wird am Ende Siebter. Damit hat er mit 181 Punkten in der Gesamtwertung immer noch 34 Zähler Vorsprung auf den Teamkollegen Perez und deren 43 auf Leclerc.

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Es sind oft die Funk-Botschaften, die die wahre Gefühlslage der Männer hinter den Visieren offenbaren. Das ist bei Sainz so, der völlig überwältigt nur ein „Vamos!“ herausbringt. Der 27-Jährige galt vielen schon als hoffnungsloser Fall auf hohem Niveau. Ähnlich kritisch, vor allem vom eigenen Teamchef Günther Steiner, wurde Mick Schumacher betrachtet. Der Sohn des Rekordweltmeisters musste in Silverstone vom vorletzten Startplatz ins Rennen gehen, da die Mechaniker des Ferrari-Kundenteams Haas das Lenkrad schief montiert hatten. Doch als er zwischendrin selbstbewusst an die Box funkt, dass ihn sein Teamkollege Kevin Magnussen bitte vorbeilassen möge, wird klar: Diesmal hat er eine Chance auf Punkte.

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Tatsächlich gelingt es dem Deutschen auch dank der richtigen Reifenwechsel-Taktik, sich immer weiter in die ersehnten Punkteränge vorzuschieben. Auf den letzten Umläufen hat er Max Verstappen vor sich, und attackiert den Champion immer wieder. „Er hat alles probiert, ich musste alles geben“, lobt der Niederländer, „das waren drei coole Runden.“ Schumacher schreit nach dem achten Platz und seinen ersten vier WM-Punkten seine ganze Erleichterung heraus: „Wir haben es geschafft!“ Steiner bescheinigt ihm daraufhin einen fantastischen Job: „Jetzt geht es aufwärts“. Auch Mutter Corinna wird zugeschaltet: „Das hast Du mega gemacht, Schatz!“ Später ist der kleine Sieger des Tages vor den Sky-Mikrofonen fast den Tränen nah, auch wenn er sich zunächst ganz gelassen geben möchte: „Es hat ja auch lange genug gedauert...“ Hinter ihm wird Landsmann Sebastian Vettel mit dem schwierig zu fahrenden Aston Martin Neunter, einmal mehr ein Achtungserfolg für den Heppenheimer.

Keiner aber wird so schnell die beängstigenden Bilder aus der Anfangsphase vergessen, und die bange Ungewissheit während der einstündigen Unterbrechung. Die hohe Leistungsdichte gerade im Mittelfeld und der unterschiedliche Grip der Reifen sind der Auslöser für die Beinahe-Katastrophe. Diesmal kommt der bisher so konstant erfolgreiche George Russell nicht richtig vom Fleck, worauf der Franzose Pierre Gasly mit dem Alpha Tauri eine Chance sieht, in der Mitte durchzubrechen. Doch es ist zu eng, was Gasly zu spät merkt. Er berührt den Silberpfeil von George Russell hinten, damit beginnt eine fatale Kettenreaktion. Russell verhakt sich daraufhin in Zhous Auto und der eingangs geschilderte Abflug in Richtung der Zuschauertribüne in der Kurve beginnt. Auch Alexander Albon wird ein unschuldiges Opfer des Gedränges, sein Williams schleudert massiv in die Boxenmauer und wird danach mehrfach von anderen Autos getroffen. Russell, der sofort aus seinem liegen gebliebenen, aber kaum beschädigten Mercedes aussteigt, um nach Zhou zu sehen, wird die gute Tat zum Verhängnis. Als er zum Auto zurückkehrt, hängt das schon am Abschleppwagen. Er darf nicht mehr mitmachen. Ein kleiner Schock nach dem ganz großen.

Quelle: F.A.Z.
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