100. Pole-Position für Hamilton

„Ich kann es nicht glauben“

Von Anno Hecker, Barcelona
08.05.2021
, 16:58
Die 100. Pole-Position für Lewis Hamilton ist keine große Überraschung. Der Ort macht sie für den Chefpiloten von Mercedes so besonders. Vettel wirkt nicht fröhlich, Mick Schumacher ist „sehr happy“.

100. Pole-Positionen! Da hielt Lewis Hamilton in seinem Silberpfeil nach der Vorfahrt in den Parc fermé kurz inne, schüttelte den Kopf. Hundert Mal Schnellster im Qualifying, diese Zahl wirkt noch größer, wenn der Erfolg des Zweitbesten in der Geschichte der Formel 1 erwähnt wird: 68 schaffte Michael Schumacher. „Ich kann es nicht glauben, aber das schulde ich allen, die im Werk arbeiten, die ständig die Latte höher legen, damit wir hier vorne stehen können, das ist riesig“, sagte Hamilton dem TV-Sender Sky.

Die 100. Pole für den Briten ist nicht die große Überraschung. Der Ort macht sie für den Chefpiloten von Mercedes so besonders. In Barcelona ließ er am Samstag seinen schärfsten Rivalen im Kampf um den Titel, Max Verstappen, hinter sich. Obwohl der Niederländer als Favorit nach Katalonien gereist war. Weil dessen Red Bull das Maß der Dinge sein sollte auf dem „Circuit de Catalunya“. Verstappen konnte immerhin die Mercedes-Phalanx, Valtteri Bottas wurde Dritter, sprengen.

Die hauchdünne Niederlage (0,031 Sekunden) gegen Hamilton nahm er auf dem Weg zum Großen Preis von Spanien an diesem Sonntag (15.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei Sky) gelassen. „Mit so einer minimal Zeitdifferenz Zweiter zu werden“, sagte Red-Bulls Sportdirekter Helmut Marko, „ist aber schon ärgerlich.“

Auch Sebastian Vettel wirkte nicht fröhlich. Als 13. blieb er hinter seinem Teamkollegen Lance Stroll (11.), wenn auch nur um 0,1 Sekunden zu langsam. Mick Schumacher schlug dagegen im vierten Versuch zum vierten Mal seinen Teamkollegen Nikita Masepin. Diesmal aber ließ er auch Nicholas Latifi hinter sich. Der Kanadier im schnelleren Williams ist der neue Maßstab des Deutschen.

In der Stunde der Wahrheit am Samstag sind letzte Zweifel ausgeräumt und Gewissheiten gefestigt worden. Denn der Kurs vor den Toren von Barcelona mit seinen „schnellen“ und langsamen „Kurven“, der gut einen Kilometer langen Zielgeraden gilt als der ultimative Test für die Alltagstauglichkeit der Boliden. Wer dort schnell ist, kommt auf jeder Piste gut über die Runden. 19 stehen nach dem Rennen am Sonntag noch im Saison-Programm.

Für das Formel-1-Managment sind die Ergebnisse des Schnelltests über eine Runde erfreulich: Nicht nur die besten Rennställe sind sich näher gekommen. Zwischen Rang fünf und Platz zwölf lagen im zweiten Durchgang nur 0,22 Sekunden. Das verspricht harte Mehrkämpfe im Mittelfeld zwischen Ferrari, McLaren, Alpine, Alfa Tauri. Vettels Dienstwagen Aston Martin ist zwar schnell genug für einen Platz unter den besten zehn.

Aber der Barcelona-Trend-Test stützt den Eindruck der vergangenen Wochen. Das Team konnte den Rückstand bislang nicht ausgleichen, neuer Unterboden hin oder her. Die Zeit drängt. Denn die Regelreform für 2022 wird die Rennställe schon bald dazu zwingen, ihre Kräfte für den Neubau zu konzentrieren. Vettel hofft, dass die Leistungsdichte Sprünge zulässt. „Ein Zehntel weniger hätte gereicht (für den dritten Durchgang/d. Red.), das ganze Mittelfeld ist eng beieinander“, sagte Vettel wenig amüsiert.

Wie erwartet ist das Kräfteverhältnis am Ende des Feldes in Spanien bestätigt worden. Mick Schumachers sitzt im langsamsten Auto des Feldes. Aber der Sohn des siebenmaligen Weltmeisters Michael Schumacher macht im Haas das Beste daraus. Als 18. erfüllte er sich seinen jüngsten Wunsch: Ein Startplatz vor dem zweiten Williams zu stehen, mit dem Mercedes-Protegé George Russel am Steuer gut für Rang 14, schärft die Aufmerksamkeit der Teamchefs im Fahrerlager. Da fährt ein Novize, der mehr kann, als ihm sein Auto erlaubt. „Es wäre noch ein bisschen mehr drin gewesen“, sagte Schumacher, „ich hätte vielleicht noch Kimi (Räikkönen/Alfa/d.Red.) schlagen können, bin aber sehr happy.“

Hamilton schaute nach seiner Jubiläums-Runde in glückliche Gesichter. Die Pole-Position ist beim Rennen vor den Toren von Barcelona sehr wichtig, weil das Überholen den Fahrern schwer fällt. Aber der winzige Vorsprung von drei Hundertstel-Sekunden ändert nichts an der veränderten Machtkonstellation, er bestätigt eher das Kopf-an-Kopf-Rennen und die damit verbundene Erwartung, einen spannenden Grand Prix zu erleben. Denn nichts entfacht unter Piloten mehr Druck als eine augenscheinliche „Waffengleichheit“. An den Rennwagen, so der Wunsch der Formel-1-Führung, soll es nicht liegen.

Statt der Maschine rückt der Mensch in den Vordergrund und damit eine Frage, die allein Verstappen gilt: Hat der Niederländer neben seinem ungeheuren Talent auch das Zeug, eine WM-Schlacht in der Königsklasse zu schultern? Hamilton ist in dieser Kategorie über jeden Zweifel erhaben: 97 Siege, 100 Pole-Positionen, 168 Podestplätze, das sind 46 mehr als Verstappen Rennen (122) in der Formel 1 gefahren ist. Der Engländer weiß, was es bedeutet, den Ansprüchen eines Teams mit 1200 Mitarbeitern, des Konzerns der Millionen Fans, nicht zuletzt den eigenen zu genügen.

Verstappen hatte bislang keine Chance, diesen letzten Eignungstest zu absolvieren, zu langsam der Red Bull. Er schoss aus der Position des Verfolgers hin und wieder nach vorne, er überraschte mit dem ersten Sieg als 17-Jähriger 2016, nachdem Hamilton Rosberg von der Piste geräumt hatten – in Barcelona. „Das war ein Schock“ im positivsten Sinne, sagte er am Donnerstag. Niemand wäre überrascht, wenn er im vierten Wettlauf 2021 wieder als Erster das Ziel erreichte, selbst von Rang zwei aus. Im Gegenteil. Aber liegt ihm die Rolle, liefern zu müssen?

Es ist zu früh für ein Urteil. Aus der Sicht von Teamchefs aber nie zu früh, Fehler zu vermeiden, wenn laut Hochrechnungen der beiden Teams ein Lauf auf Augenhöhe bis in die Adventszeit bevorsteht. Dann geht es um jedes Pünktchen. Verstappen hat einige liegen lassen. In Bahrein verlor er den Sieg an Hamilton, weil er das Streckenlimit beim Überholmanöver überfuhr. In Imola landete er wegen dieses Missgeschickes nicht auf der Pole-Position, in Portugal wurde ihm deshalb die schnellste Rennrunde im Wert eines Punktes gestrichen.

Vorher hatte er Hamilton im dort schnelleren Mercedes nach einem kleinen Fahrfehler früher durchschlüpfen lassen als nötig. Schon warnt der Weltmeister von 2016, Nico Rosberg, seinen potentiellen Nachfolger in der kurzen Liste der Hamilton-Bezwinger: Viele Fehler dürfe sich Verstappen gegen den Champion nicht erlauben, wenn er die WM gewinnen wolle. Am Samstag schien Verstappen während der letzten Runde im Qualifying nicht vollends in der Spur zu sein – so wie Hamilton.

Der kennt nicht nur den Druck. Er nimmt die Herausforderung als Motivation an, nach Jahren des internen Wettkampfs, von einem weit jüngeren ans Limit getrieben zu werden. Im Mercedes-Team ist zur Verdeutlichung ein Wort im Saisonmotto geändert worden. Statt von „chase“ (Verfolgungsjagd) wird jetzt von „hunt“ (Jagd) gesprochen. Dabei schwinge mehr offensiver Geist mit. Das Programm ist vorerst aufgegangen. Der Jäger steht vorne.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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