Formel-1-Crash in Monza

Volle Fahrt ins Drama mit Verstappen und Hamilton

Von Richard Blehn, Monza
12.09.2021
, 17:43
Aufgegabelt: Lewis Hamilton nimmt mit seinem Mercedes den Red Bull samt seinem Rivalen Max Verstappen in der ersten Schikane auf die Hörner.
Crash der beiden WM-Rivalen beim Großen Preis von Italien: Während die Formel-1-Stars Lewis Hamilton und Max Verstappen huckepack ins Kiesbett rauschen, jubelt McLaren über einen Doppelerfolg.
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An Orange als Farbe des Sieger haben sich die Formel-1-Zuschauer in dieser Saison gewöhnt. Doch beim Großen Preis von Italien ist es nicht der Niederländer Max Verstappen, der ganz oben steht, sondern der Australier Daniel Ricciardo mit einem McLaren-Mercedes.

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Seit November 2012 war das Traditionsteam ohne Sieg geblieben. Mit Lando Norris im Schlepptau gelingt dem britischen Rennstall unter deutscher Führung im Autodromo Nazionale von Monza nach 53 Runden sogar ein Doppelerfolg vor dem von ganz hinten gestarteten Finnen Valtteri Bottas. Bei aller Freude über die Abwechslung wirft diese Reihenfolge sofort die Frage auf: Wo bleibt Verstappen, wo Lewis Hamilton? Mit voller Fahrt hinein ins Drama von Monza.

Die Antwort gibt ein Moment im 26. Umlauf, der entscheidende in diesem Rennen. Lewis Hamilton kommt von seinem Boxenstopp, er biegt im rasenden Reißverschlussverfahren zwischen Ricciardo und Verstappen wieder auf die Piste ein. Es sind nur ein paar hundert Meter zur ersten Schikane, die ihrem Namen alle Ehre macht.

Der Mercedes hat schon einen leichten Vorsprung, als er rechts einbiegt. Gleich danach folgt der Linksknick, es geht Seite an Seite weiter. Jetzt ist Hamilton außen, Verstappen innen. Wieder lässt keiner dem anderen auch nur einen Millimeter Raum, gleichwohl beide die alte Rennweisheit nur zu gut kennen: auf der Ideallinie ist immer nur für einen Platz. Hamilton macht sich breit, zwingt den Konkurrenten weiter nach innen.

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Der Niederländer kann nirgendwo hin, steckt aber auch nicht zurück, gerät am Scheitelpunkt der Kurve auf die hohen Randsteine und schießt auf den Mercedes zu. Die Autos kollidieren, der Red-Bull-Honda wird angehoben, und knallt mit voller Wucht auf Hamiltons Cockpit. Nur der Sicherheitsbügel namens Halo verhindert wohl, dass Hamilton nicht erschlagen wird. Instinktiv zieht der Champion den Kopf ein.

Die Titelkandidaten stecken hintereinander im Kies, was für ein Luftbild. Als erster springt Verstappen aus seinem Red Bull, läuft quer über die Piste, als ob er Angst vor Handgreiflichkeiten habe. Aber Hamilton sitzt noch im Cockpit, versucht den Rückwärtsgang einzulegen, um wieder auf die Strecke zurück zu gelangen. Es ist die pure Verzweiflung. Erinnerungen an das außer Kontrolle geratene Duell zwischen Ayrton Senna und Alain Prost werden wach.

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Soll so diese WM entschieden werden? Bereits in Silverstone sind die beiden heftig aneinandergeraten, damals war Hamilton der Nutznießer, der weiter und zum Sieg fahren konnte. Diesmal kann der Niederländer wenigstens den Gegner mit ins Verderben reißen und ist rein vom WM-Punktestand her der Nutznießer, es steht 226,5 zu 221,5.

Aber beim nächsten Rennen in Russland wird Verstappen in der Startaufstellung um drei Plätze nach hinten versetzt. Die Streckenkommissare sahen in ihm den Hauptschuldigen für die Kollision. Ihre Begründung: Verstappen habe zu spät mit dem Überholmanöver begonnen, sei nicht vollständig auf Höhe des Mercedes gewesen und habe deshalb kein Recht auf „Rennraum“ gehabt.

Der Speed-Tempel von Monza kann eintönige Rennen hervorbringen, aber taugt auch bestens für Dramen. Die der beiden deutschen Beteiligten Sebastian Vettel und Mick Schumacher hielten sich von der Beachtung her in Grenzen. Der Heppenheimer wird abgeschlagener Zwölfter. Mick Schumacher kommt auf Rang 15 als letzter gewerteter Fahrer ins Ziel – diesmal von allen erkennbar unfair von seinem russischen Teamkollegen bei Haas, Nikita Masepin, attackiert.

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„Volle Attacke“ hatte Ricciardo versprochen, den das Experiment Sprintrennen und die Rückversetzung von Bottas nach einem Motorenwechsel in die erste Startreihe gespült hatte. Er hält Wort, sein McLaren lässt auf den in Monza oft schon entscheidenden ersten 485 Metern auf dem Weg zur ersten Kurve den aus der Pole-Position gestarteten Max Verstappen hinter sich. Wie ein Gewinner sieht zunächst auch Hamilton aus, der vom vierten Platz und damit der schmutzigen Seite der Piste gleich einen Rang gut macht und sich eingangs der zweiten Schikane neben Verstappen setzt.

Die beiden Piloten lenken synchron ein, die Räder der Autos prallen mit den Reifenflanken aufeinander, Hamilton wird über die Begrenzung gedrängt, muss die Kurve abkürzen. Die Beschwerde des Briten über den Boxenfunk lässt die Rennleitung kalt – keine Ermittlungen. Es ist die Vorahnung für das, was passieren wird. Gerade noch mal gut gegangen, im Gegensatz zu dem, was weiter hinter geschieht: Antonio Giovinazzi duelliert sich nach seinem starken siebten Startplatz mit den Ferrari – die Untermarke Alfa Romeo zieht dabei den Kürzeren, Giovinazzi fährt sich den Frontflügel ab, Hoffnungen dahin.

In der ersten Rennhälfte steht die Aufholjagd Hamiltons im Mittelpunkt. Obwohl sein Auto vermutlich das schnellste im Feld ist, wird er zum Opfer der Strecken-Tücke: dem Verfolger wird durch das „dirty air“ genannte aerodynamische Phänomen das Überholen schwer gemacht. So hängt Hamilton trotz verzweifelter Angriffsversuche hinter seinem Landsmann Norris fest. Mercedes hatte aber als einziges Team im Vorderfeld auf eine gewagte Reifenwahl gesetzt.

Die härteste Mischung sollte Hamilton helfen, länger draußen zu bleiben als diejenigen, die die Medium-Gummimischung gewählt hatten – und so auf taktischem Weg doch noch ganz nach vorn zu kommen. Es sieht ganz danach aus, als ob das klappt. Denn auch Verstappen tut sich hinter Spitzenreiter Ricciardo schwer. Für ihn kommt es aber noch schlimmer. In der 24. Runde biegt er zum Boxenstopp ab. Ausgerechnet bei Red Bull, den Rekordhaltern beim Reifenwechsel, geht im 14. WM-Laufs alles schief. Gut elf Sekunden steht das Auto vor der Garage.

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„Deshalb ist Max überhaupt erst in die Nähe von Lewis kommen“, sagt Red-Bulls Sportchef Helmut Marko dem TV-Sender Sky. Es folgt der Showdown. „Ein Rennunfall“, fügte Marko hinzu. Hamilton sah es auch so: „Ich bin so hart gefahren wie ich konnte, so ist Motorsport. Im ersten und zweiten Teil der Kurve war ich vorne. Max wollte keinen Platz machen und wusste, was dann passieren würde. Trotzdem ist er da geblieben. Das ist Rennsport.“ Verstappen wiederum behauptete, Hamilton habe ihm keinen Raum gelassen. Mercedes’ Sportchef Toto Wolff sprach von einem taktischen Foul. Sicher ist nur eines: Das war nicht das letzte Drama.

Quelle: F.A.Z.
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