Michael-Schumacher-Doku

Luft zum Atmen

Von Anno Hecker
18.09.2021
, 12:34
Schumacher (r) mit seinen Kindern Mick Schumacher und Gina-Maria Schumacher
„Schumacher“: Wie eine neue Dokumentation es schafft, die zwei Welten des deutschen Rennfahrers und Rekordweltmeisters der Formel 1 zu verbinden.

Am Anfang ist das Geräusch. Aus einer für den Menschen weitgehend stummen Welt. Zu hören ist ein Gluckern, ein leises Tiefenrauschen. Das erste Bild zeigt einen Jungen unter Wasser beim Delphin-Schlag, dann einen Mann mit Pressluftflasche auf dem Rücken. Er winkt in die Kamera, schwimmt einer Wasserschildkröte hinterher. An seiner Schulter hält sich ein Mädchen fest, ist verbunden über ein zweites Mundstück, so wie der Junge mit einer Frau: Die Familie Schumacher unter Wasser. Die Eltern wie mit einer Nabelschnur verbunden mit den Kindern. Von ihnen kommt die Luft zum Atmen.

Warum beginnt die Dokumentation über Michael Schumacher, den Rekord-Weltmeister der Formel 1, allzeit umgeben von ohrenbetäubendem Gebrüll der Motoren, dem Geschrei der ständig aufgeregten Formel-1-Szene, in der Stille? Weil es keine lauten Antworten gibt auf die Frage aller Fragen? Wie geht es ihm, dem Mann, der vor 30 Jahren die deutsche Motorsportwelt aufweckte, in Ekstase versetzte, die Gesellschaft ins Fahrerlager lockte, eine Bundesregierung mithilfe der Grünen bewog, einen zweiten Grand Prix in Deutschland zu etablieren? Der in aller Welt wie ein König begrüßt wurde.

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Seit bald acht Jahren, seit seinem schweren Ski-Unfall ist nichts mehr von ihm zu sehen, nichts mehr zu hören. Wie in dem seit Mittwoch auf Netflix zu sehenden Film über gut 110 Minuten. Kein Bild, kein Wort. Er taucht ein in sein Leben wie kein anderer Versuch der Annäherung an einen Menschen, dem es gelang, in der größten denkbaren Öffentlichkeit zu bleiben, was er unbedingt wollte: ein Privatmann, ein Familienmensch.

„Michael hat nie Schwäche zeigen wollen“

Es gibt keine direkten Aussagen zu Schumachers Gesundheitszustand. Die Familie unterstützte das Projekt der Filmemacher und Produzenten Hanns-Bruno Kammertöns, Vanessa Nöcker, Michael Welch und Benjamin Seikel, öffnete Türen zu wichtigen Wegbegleitern von Ehemann und Vater. Mutter Corinna, die Kinder Gina-Maria und Mick vereinbarten nur ein Autorisierungsrecht bei der Wiedergabe der Interviews mit ihnen. Aber nichts, erklärten Schumachers Managerin Sabine Kehm und auch die Autoren, sei herausgeschnitten worden. Und so wird dieser Film doch bestimmt von Schlüsselworten wie Stärke, Treue, Zweifel, Geben, Nehmen, Kontrolle, Rücksicht, Verdrängung, Gewinn und Verlust.

Eine aufregende, bewegende Reminiszenz an den Besten seiner Zeit kommt nicht ohne die gewaltigen Bilder aus, die im kollektiven Gedächtnis gespeichert sind. Sie bestimmen aus interessanten, selten gezeigten Perspektiven den Film. Aber diese Karrierebilder stehen im direkten Kontext zu dem, was Schumacher abseits der Strecke, in seiner Burg daheim, ausmachte. Das ließ sich damals, quasi live, nicht so leicht erkennen, weil die von ihm selbst teils forcierte, die wahrgenommene, beschriebene Trennung von Rennfahrer und Mensch, von Schumacher, dem „Computer“, von Schumacher, dem Verdrängungskünstler, eine gute optische Täuschung war. Immer steckte in dem Rennoverall zugleich ein Starker wie ein Zerbrechlicher. Aber wer, wenn nicht Voyeur, wollte und vor allem wer will den „Zusammenbruch einer Führungsfigur“ sehen? Das ist die Kernfrage in einer Welt, in der Menschen bei dem Versuch, Aufmerksamkeit zu erregen, inzwischen ihre Gedärme vorführen. „Michael“, sagt Sabine Kehm, „hat nie Schwäche zeigen wollen.“

„Nicht dass ich wüsste“

Die Dokumentation schwenkt auf die Strecke, nimmt den Zweikampf mit dem großen, scheinbar unantastbaren Ayrton Senna in den Blick. Wie Schumacher gleich zu Beginn seiner Karriere den Chefpiloten allein mit seiner Präsenz gefährdet, wie der Brasilianer sich wehrt, als Platzhirsch von oben herab den Jungen maßregelt. Da ging es um einen Machtkampf, der keine Schwäche verträgt, jedenfalls keine erkennbare. Sie tritt erst abschreckend zutage, als Schumacher Senna weit hinter sich gelassen hat. Als sich die Stärke, alles verdrängen zu können, für Momente in das Gegenteil verkehrt.

Der frühere Formel-1-Rennfahrer Michael Schumacher in einer Szene der Netflix-Dokumentation „Schumacher“
Der frühere Formel-1-Rennfahrer Michael Schumacher in einer Szene der Netflix-Dokumentation „Schumacher“ Bild: dpa

Der Rammstoß von Jerez gegen Jacques Ville­neuve im Saisonfinale 1997 beim Kampf um den WM-Titel illustriert diesen Augenblick. Ross Brawn, Schumachers kongenialer Mitspieler an der Boxenmauer bei Benetton und Ferrari spricht in der Dokumentation missbilligend von einer Grenzüberschreitung seines Lieblingspiloten. David Coulthard, einst Rivale bei McLaren-Mercedes, schildert so charmant wie süffisant ein Zwiegespräch nach dem berühmten Crash 1998 in Spa. Der Schotte räumte seine Schuld ein, forderte Schumacher aber auf, seinen Anteil zuzugeben. „Ich sagte. ,Du liegst doch bestimmt auch mal falsch’. Er hat einen Moment überlegt sagte dann: ‚Nicht dass ich wüsste.‘“

Bis heute ist die Frage nie gestellt, geschweige denn beantwortet worden, warum Schumacher, dieser Realist mit dem durchdringenden Blick für Wahrheiten, in wenigen Augenblicken Wahrnehmungsstörungen offenbarte und lange brauchte, sie öffentlich einzugestehen. Auch die Dokumentation geht nicht darauf ein. Schumacher hat nie öffentlich über seine Sozialisation im Rennsport gesprochen, warum er im ersten Moment so misstrauisch, prüfend auftrat und nach der Überwindung so offenherzig sein konnte, wie ein Rheinländer nur sein kann. Diese Lücke bleibt. Aber der Film schließt alle anderen mit seinen Schnitten, den Sprüngen von der lauten, offensichtlichen Kampfzone Formel 1 in die leise, abgeschlossene Schumachers.

Spielen mit den Kindern, „stundenlang“

Die meisten der bekannten, sattsam beschriebenen Eigenschaften des Rennfahrers spiegeln sich in den Schilderungen der Familie und verbinden erst jetzt die beiden Welten zu einer. Mit derselben Kompromisslosigkeit, an Arbeitstagen alles der Berufung Rennfahrer und dem Perfektionsstreben unterzuordnen, ließ er auf dem Weg zur Familie alles hinter sich. „Zugbrücke“ hoch, los geht’s. Spielen mit den Kindern, „stundenlang“. Winterurlaube waren heilig, selbst wenn der Journalistenverband zur Wahl des Sportlers des Jahres rief und die Absage Kopfschütteln auslöste. Das Familienleben stand nach so vielen Reise- und Testtagen an erster Stelle. Es ist kein Zufall, dass seine Frau von den kleinen, alltäglichen, wichtigen Rücksichten im Eheleben erzählt, während ein Mechaniker das Interesse Schumachers an seinem Team schildert: „Er hatte beim Zwischenmenschlichen den gleichen Blick für das Detail, er hatte für jeden ein Dankeschön, ein ,bitte’ im größten Stress. Jeder war ihm wichtig.“

Schumachers Leben in der Formel 1 ist durchsetzt von Treue-Episoden: Er verband sein Schicksal mit dem von Ferraris Rennleiter Jean Todt, als der zur Disposition stand. Daraus ist eine Ära entstanden und eine lebenslange Freundschaft. Schumacher ist immer noch umgeben von Menschen, die schon viele Jahre an seiner Seite stehen. Von der Managerin, von Rechtsanwälten, dem Physiotherapeuten, dem Freund aus gemeinsamen Karttagen, als niemand ahnte, dass der Junge aus der Kiesgrube von Kerpen-Manheim in die Umlaufbahn schießen würde. Er muss ihnen etwas gegeben haben, was sie hält.

Mick hat es mit 22 Jahren in die Formel 1 geschafft. Er würde gerne mit seinem Vater darüber sprechen. Im Film lässt der Haas-Pilot einen Blick in seine Seele zu: „Ich würde alles dafür geben.“ Der Satz sagt mehr als jedes Bulletin. Die Familie betrachtet den Film als „Geschenk“ an Vater und Ehemann. In ihm steckt eine Liebeserklärung mit einem Vermächtnis: „Er hat uns beschützt“, sagt Corinna Schumacher, „jetzt beschützen wir ihn.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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