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Schwedens Nilla Fischer

Die Welt ein bisschen verändern

Von Daniel Meuren
 - 19:02
„Ein Vorbild sein“: Nilla Fischer, von der es in der Heimat in Schweden schon Statuen gibt, weiß, was sie will. Bild: Imago

Zu Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen war Nilla Fischer Tribünengast beim Duell zwischen Deutschland und China in Rennes. Selbstredend hielt die 34 Jahre alte Schwedin zur Auswahl ihrer zweiten Heimat: „Ich habe da viele Freundinnen im Team“, sagte Fischer. Sie winkte vor dem Spiel etwas wehmütig ihrer langjährigen Zimmergenossin Almuth Schult zu. Sechs Jahre spielte die Innenverteidigerin schließlich zuletzt für den VfL Wolfsburg, ehe sie zur neuen Saison nach Schweden zurückkehrt. Ein Wiedersehen mit Schult im Viertelfinale an diesem Samstag in Rennes (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Frauenfußball-WM, in der ARD und bei DAZN) wäre der passende Abschluss der deutschen Jahre. Dafür müsste Schweden, das sich nach einer abschließenden 0:2-Niederlage gegen die Vereinigten Staaten als Zweiter der Gruppe F fürs Achtelfinale qualifiziert hat, an diesem Montag gegen Kanada (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Frauenfußball-WM, in der ARD und bei DAZN) gewinnen.

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Jedes Spiel in der K.-o.-Runde könnte der letzte Auftritt einer der führenden weiblichen Figuren des Fußballs auf der ganz großen Bühne werden. Fischer, die bislang 178 Mal für ihr Land auf dem Platz stand, wird nach der WM kürzertreten: Sie und ihre Frau Mika haben einen kleinen Sohn, sie wollen ihn im vertrauten Umfeld aufwachsen sehen. Und es passt zu Fischer, dass sie die Rückkehr zu ihrem Stammklub Linköping mit Verweis auf ihre Familie und nicht verdruckst mit Alibi-Formulierungen kommunizierte. Fischer steht offen zu ihrer Lebensweise, in Schweden wurde sie 2014 zur „Lesbischen Frau des Jahres“ gekürt: „Ich wollte nie besonders kämpferisch sein, ich wollte eigentlich immer nur dazu stehen, dass es normal sein muss, dass Mädchen Fußball spielen – und dass es genauso normal sein muss, dass jeder leben kann, wie er will.“ Fischer erkannte aber, dass sie die Welt ein bisschen verändern kann, wenn sie als prominente Sportlerin Verantwortung übernimmt. „Wo ich jetzt schon über 30 bin, weiß ich, wer ich bin, und ich weiß, dass meine Meinung etwas zählt. Dabei kommt es nicht darauf an, ob du heterosexuell oder lesbisch oder was auch immer bist. Man kann immer seine Meinung sagen, und es würde helfen, wenn möglichst viele Menschen das tun.“

In Wolfsburg wird sie in diesem Geist ein Erbe hinterlassen. Nach einem Interview mit „L-Mag“, einem Magazin für Lesben, kam sie vor zwei Jahren auf die Idee, dass sie ihr Team wie in Schweden üblich mit einer Kapitänsbinde in den Regenbogenfarben aufs Spielfeld führen könnte. Mittlerweile tragen alle Kapitäne beim VfL, männlich wie weiblich, von der U 10 bis zu den Profis, die Binde. Der Verein, der sich Vielfalt auf die Fahnen schreibt, stand deswegen auch Konflikte aus, als beispielsweise der kroatische Spieler Josip Brekalo mit Verweis auf seine christliche Überzeugung die Ablehnung der Aktion zum Ausdruck brachte.

In Schweden wird Fischers Haltung in der Gesellschaft wahrgenommen, vor der WM war sie Protagonistin in einem Werbespot, in dem es um die Rechte von Frauen ging. Sie hält es zudem mittlerweile aus, dass ihre offene Lebensweise negative Kommentare in sozialen Medien hervorruft. Eine andere Dimension besaß eine Aktion, die in diesen WM-Tagen passierte: An einer Fischer-Statue, die für den Zeitraum des Turniers vor dem Stadion in Linköping aufgestellt wurde, machten sich Vandalen zu schaffen. Offenkundig handelte es sich um einen gezielten Angriff auch auf Fischer und deren Eintreten für Gleichberechtigung. Bislang verzichtete sie auf ein Statement zu dem Rowdytum, während ein Sponsor eine neue Statue in Auftrag gab.

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Frauenfußball-WM
Das deutsche Team ist endlich mutiger

Bei der WM kämpft Fischer um die Krönung der Karriere: Einen Titelgewinn mit dem Nationalteam, der ihr bisher nicht vergönnt war. Erfolge durfte sie in Wolfsburg zur Genüge feiern. In der Fischer-Ära gewann der Klub vier deutsche Meistertitel, fünfmal den DFB-Pokal und einmal die Champions League. „Ich konnte mir viele sportliche Träume erfüllen“, sagt Fischer. Bei den letzten beiden Erfolgen im Mai rollten ihr gar vor Wehmut über den bevorstehenden Abschied die Tränen über die Wangen, als die als Spielführerin die Pokale in Empfang nehmen durfte. Dabei fing alles im Sommer 2013 gar nicht erfreulich an. Fischer kam mit dem Gefühl nach Deutschland, nur ihren Vertrag über zwei Jahre erfüllen zu wollen, die Familie fehlte ihr, ihre spätere Frau blieb zunächst in Schweden.

Als Nilla Fischer in Wolfsburg eintraf, war sie zudem für die Mitspielerinnen anfangs eine furchteinflößende Gestalt dank ihrer Athletik und auch der markanten Kruzhaaarfrisur. „Wir hatten Nilla ja gerade bei der EM in Schweden gesehen. Da wirkte sie auf uns körperlich unfassbar stark, sie machte den Eindruck einer extrem unnahbaren, kaltblütigen Kämpferin. Ich wurde dann, weil ich auch gerade neu war in Wolfsburg, im Trainingslager auch noch auf ein Zimmer eingeteilt mit ihr und hatte wirklich Respekt“, erinnert sich Almuth Schult. Dann aber sei ihr ein ganz anderer Mensch begegnet: „Sie kam rein und stellte sich etwas überdreht mit einer fast piepsigen Stimme ,Hi I’m Nilla‘ vor. Da war das Eis schon gebrochen.“ Die harte Schale weichte in Wolfsburg immer mehr auf. Selbst auf dem Spielfeld veränderte sich das Bild Fischers mehr und mehr – weg von der knallharten Zweikämpferin, an deren physischer Stärke gegnerische Stürmerinnen regelmäßig abprallten, hin zu einer Spielgestalterin aus der hintersten Reihe heraus.

„Sie ist ein absoluter Vollprofi, eine Leaderin“, sagt der Wolfsburger Trainer Stephan Lerch. Sportdirektor Ralf Kellermann bezeichnet sie als „beste Innenverteidigerin der Welt und als eines der wichtigsten Puzzleteile bei unseren Erfolgen“. Nilla Fischer geht in dieser Rolle auf. „Ich will ein Vorbild sein. Ich habe mir immer gesagt, dass ich, wenn ich mich schon für diesen anstrengenden Weg entscheide mit diesem enormen Aufwand, dass ich dann auch hundert Prozent rausholen will und kein bisschen weniger.“ Das fordert sie von sich ein, aber auch von den Nebenleuten. Und sie wünscht sich dabei, dass Fußballerinnen mehr Selbstbewusstsein zeigen, wenn es um die ewigen Vergleiche mit Männern geht: „Wir können ruhig den Fokus mal darauf richten, dass wir beispielsweise taktisch besser verteidigen als die Männer“, sagt Fischer.

In Schweden wurde sie auch dank ihrer Haltung zu einem der Idole ihres Sports. „Wenn Mädchen Fußball spielen und dabei mein Trikot tragen, dann macht mich das stolz“, sagte sie. „In Schweden haben wir mehr Bekanntheit als die Deutschen hierzulande. Deutschland muss aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren.“ Sportlich aber wäre Deutschland im möglichen Viertelfinale Favorit, schon aufgrund einer Serie, die Fischer nur ungern thematisiert. Seit 1995 verlor Schweden stets, wenn es bei einem Turnier um etwas ging. Auch Fischer erlebte zwei dieser bitteren Niederlagen mit, im Halbfinale „ihrer“ Heim-EM 2013 und im olympischen Finale von Rio 2016. „Ich würde gerne Weltmeister, ohne gegen Deutschland gespielt zu haben“, sagt sie schmunzelnd – wohlwissend, dass dieser Wunsch in Frankreich nicht in Erfüllung gehen kann.

Quelle: F.A.Z.
Daniel Meuren
Sportredakteur.
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