Naomi Osakas Rückzug

Das Sportsystem frisst seine Kinder

EIN KOMMENTAR Von Evi Simeoni
06.06.2021
, 11:49
Opfer der Bedingungen: Naomi Osaka hat es die Sprache verschlagen.
Die Spielfelder des Sports bieten glamouröse Lebensentwürfe für begabte Talente. Sie gaukeln mit viel Geld große Freiheit vor, doch wie Naomi Osakas Blockade zeigt, verbirgt sich dahinter permanenter Zwang.

Wer gewinnt denn nun eigentlich nächste Woche die Finalspiele der Quassel Open in Paris, wo Reden offenbar wichtiger ist als Tennisspielen? Im Moment ist nur klar, wer nicht gewinnt. Naomi Osaka, der es die Sprache verschlagen hat. Die es nicht mehr schafft, mit fremden Journalisten über ihre Top-Leistungen auf dem Tenniscourt zu sprechen.

Was uns diese Blockade lehrt? Wenn die Vermarktungsstrategien dazu führen, dass ein junger, begabter Mensch sein Talent nicht mehr ausleben kann, ist etwas extrem schiefgelaufen im Sportsystem. Zugegeben: Es ernährt seine Kinder. Aber es frisst sie auch. Es bietet ein Spielfeld für glamouröse Lebensentwürfe als umjubelte Stars. Doch gleichzeitig korrumpiert es seine Hauptdarsteller und macht sie zu seinen Marionetten.

Mit viel Geld gaukelt es ihnen die große Freiheit vor, doch dahinter verbirgt sich permanenter Zwang. Die Feste des menschlichen Bewegungstalents sind starr und unflexibel. Das sieht man auch an dem olympischen Ozeanriesen, der unaufhaltsam in Richtung Tokio stampft, obwohl in Japan kaum einer mehr die Riesenladung Sommergäste haben will. Ein gespenstischer Fall von No-Exit-Kapitalismus.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Simeoni, Evi
Evi Simeoni
Sportredakteurin.
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