0:1 gegen Frankreich

Deutscher EM-Fehlstart mit Verve

Von Christian Kamp, München
15.06.2021
, 22:55
Dieser Schuss geht nach hinten los: Mats Hummels unterläuft ein Eigentor zum 0:1.
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Mats Hummels trifft – ins eigene Tor: Beim 0:1 gegen Frankreich überzeugt die Einstellung von Joachim Löws Team. Die Niederlage der Deutschen zeigt aber auch, was zur Klasse der Franzosen fehlt.
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Die deutschen Nationalspieler hatten es kaum erwarten können. Wenn man ihnen zuhörte in den vergangenen Tagen, waren sie voller Ungeduld. Als Letzte stiegen sie am Dienstagabend mit den Franzosen in diese Europameisterschaft ein. Und wenn man den Bogen noch ein bisschen weiter fassen wollte, dann ging auch in anderer Hinsicht eine lange Wartezeit zu Ende: 14.500 Zuschauer durften den ersten von drei Vorrunden-Auftritten der Nationalmannschaft in München im Stadion verfolgen, so viele wie ziemlich lange nicht in einem Fußballstadion in Deutschland.

Fußball-EM

Als es endlich so weit war, ging es erst einmal nach hinten los für die Deutschen. Ein Eigentor von Mats Hummels in der 21. Minute brachte die Franzosen in Führung. Es lag somit schon früh ein Hauch von Scheitern über dem Start in Joachim Löws letztes Turnier. Doch anders als vor drei Jahren bei der WM in Russland war der Mannschaft kein großer Vorwurf zu machen.

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Sie stemmte sich mit Wucht und Willen gegen die drohende Niederlage, und je länger das Spiel dauerte, desto dringlicher sah das aus. Erst engagiert, aber unfertig, dann wie eine Mannschaft, die allmählich ihre Möglichkeiten kennenlernt – beim 0:1 aber blieb es und damit letztlich bei einem Fehlstart in das Turnier.

Limitierender Faktor war vor allem das Fehlen eines Stürmers von höherer internationaler Güte, und weil bei den französischen Kontern auch eine ordentliche Portion Glück im Spiel war, stehen vor eventuellen höheren Ambitionen erst einmal weitere grundsätzliche Prüfungen von wegweisender Natur an: Wenn es am Samstag gegen Portugal und zum Abschluss am Mittwoch kommender Woche gegen Ungarn um die Versetzung aus dieser schwersten Vorrundengruppe in die K.-o.-Phase geht. Status jetzt: bestimmt nicht hoffnungslos, aber gefährdet.

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„Die Mitte wird zu sein“

Als Löw und die Spieler um kurz nach halb acht den Rasen der Münchner Arena betraten, gab es erst einmal nur einen kurzen Moment, in dem die Wiedersehensfreude auch akustisch aufwallte – große Emotionen sollten wohl für später reserviert bleiben. Wobei der Abend kurz vor Anpfiff mit einem dramatischen Moment begann.

Ein Greenpeace-Aktivist tauchte mit einem Motorgleitschirm über der Arena auf, erst kreiste er eine Weile, aber kurz nachdem er einen Ballon mit einer Protestbotschaft abgeworfen hatte, blieb er an einem der quer durch die Arena gespannten Kameraseile hängen. Er raste auf die Tribüne zu und bekam erst im allerletzten Moment die Kurve.

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Deutsche Niederlage im Video
Hummels’ Schuss geht nach hinten los
Video: Youtube, Bild: Reuters

Nach ersten Informationen musste eine Beleuchterin von Sanitätern versorgt werden. Es sah aus, als hätte es weit schlimmer ausgehen können. Zwei erschrockene deutsche Nationalspieler eilten dem Hasardeur zur Hilfe, ehe er aus der Arena geführt wurde. Die Uefa meldete, dass mehrere Verletzte im Krankenhaus untersucht werden mussten. Die Justiz wird sich des Falls annehmen.

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Löw hatte sich für die erwartete 3-4-3 Formation entschieden, keine Bluffs, keine Überraschungen, exakt dieselbe Startelf wie beim 7:1 im Testspiel gegen Lettland. Damit war auch die K-Frage des deutschen Fußballs beantwortet, die für die meisten Diskussionen gesorgt hatte. Joshua Kimmich bekam den Platz auf der rechten Außenbahn zugeteilt. Löw sah darin, so sagte er es zumindest, nicht primär eine Verteidigungsstrategie, sondern einen wesentlichen Teil seines offensiven Plans.

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„Die Mitte wird zu sein“, sagte er mit Blick auf den französischen Zentrumsblock mit N’golo Kanté oder Paul Pogba, er erwartete stattdessen „mehr Möglichkeiten über außen“. Die Deutschen begannen forsch und mutig, sie vertrauten der eigenen Stärke, suchten den Weg nach vorn, und warfen sie sich mit Verve in die Duelle: Kimmich gegen Hernandez, Kroos gegen Mbappé – es ging intensiv zur Sache, auf Balleroberungen folgten auch hektische Ballverluste, und ins Tempo kam anfangs keine der Mannschaften so richtig.

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Bei den Franzosen begann Rückkehrer Karim Benzema als Zentrumsstürmer, flankiert von Kylian Mbappé links und Antoine Griezmann rechts. Ein Schuss von Mbappé zwang Manuel Neuer zum ersten Mal zu einer Parade (17.). Am Führungstreffer war das Trio dann nur peripher beteiligt. Ein schneller Seitenwechsel durch Pogba landete auf der linken Seite bei Hernandez, die Deutschen hatten nicht schnell genug verschoben, so dass er viel zu viel Platz hatte. Eigentlich missriet ihm seine Hereingabe, trotzdem wurde sie für die Deutschen zur Falle: Hummels, der Mbappé in seinem Rücken wusste, konnte nicht mehr kontrolliert reagieren, der Ball sauste unhaltbar für Neuer ins Netz.

Der Fluch, der Hummels über die Lippen kam, war unschwer zu dechiffrieren – aber die Kollegen munterten ihn auf. Die Deutschen arbeiteten sich beharrlich zurück ins Spiel und zusehends auch in die Nähe des französischen Tores. Ein Kopfball von Müller (22.), ein Freistoß von Kroos (25.) und eine Direktabnahme von Gündogan (38.) waren sichtbare Zeichen der Auflehnung.

Einstellung und Balance stimmten, im Zentrum schufteten Kroos und Gündogan redlich und verteilten fleißig die Bälle, aber für mehr fehlte doch noch das eine oder andere, vor allem Feinabstimmung und Überraschungsmomente auf dem Weg zum Tor. Den Franzosen bot sich reichlich Raum für das Konterspiel, das sie lieben. In der 52. Minute traf Rabiot nur den Außenpfosten.

Für die Deutschen schien es ein Signal, noch mehr zu riskieren, Havertz suchte überall nach der entscheidenden Lücke, fand sie aber nicht. Drei Minuten nach Rabiots Pfostentreffer bot sich Gnabry nach Flanke von Gosens eine exzellente Schusschance, sein Aufsetzer senkte sich auf das Tornetz, kurz darauf wurde ein Versuch von Müller geblockt.

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In der 74. Minute kamen Timo Werner und Leroy Sané für Gnabry und Havertz, aber am Ende waren die Franzosen einem zweiten Treffer näher. Schon in der 66. Minute hatte Mbappé einen Abseitstreffer erzielt, in der 78. Minute wurde er von Hummels mit einer Grätsche der letzten Instanz – und am Rande eines Strafstoßes – gestoppt wurde, und dann jubelte noch einmal Benzema nach knapper Abseitsposition von Mbappé vergeblich (85.).

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kamp, Christian
Christian Kamp
Sportredakteur.
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