Sieg im Elfmeterschießen

Italien besiegt England im Finale der Fußball-EM

Von Christopher Meltzer
11.07.2021
, 23:54
Der Moment des großen Glücks: Die italienischen Spieler jubeln über den Sieg in Finale.
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England schießt das schnellste Finaltor der bisherigen EM-Geschichte, Europameister aber wird Italien. Im spannenden Endspiel von Wembley fällt die Entscheidung erst im Elfmeterschießen.
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Als im großen Finale 112 Sekunden abgelaufen waren, streckte Luke Shaw den rechten Arm aus. Der Linksverteidiger der Engländer rannte in den Strafraum der Italiener rein, als er sah, dass dort kein Abwehrspieler war, der auf ihn aufpasste. Mit dem ausgestreckten Arm versuchte er seine Mitspieler möglichst unauffällig darauf aufmerksam zu machen. Da flankte Kieran Trippier den Ball in seine Richtung.

Fußball-EM

Als im großen Finale 118 Sekunden abgelaufen waren, streckte Luke Shaw nicht nur den rechten, sondern auch den linken Arm aus. Er rannte möglichst auffällig wieder aus dem Strafraum der Italiener raus, wo ihn mittlerweile auch die Abwehrspieler entdeckt hatten. Da war es aber schon zu spät.

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Als im großen Finale, das am Ende mehr als 120 Minuten dauern sollte, nicht mal zwei Minuten abgelaufen waren, hatte Shaw, der Defensivspezialist von Manchester United, zwischen seinen Handbewegungen auch noch den linken Fuß ausgestreckt und den Ball, den Trippier in die Mitte geflankt hatte, mit dem Vollspann erwischt – und unaufhaltsam im Tor versenkt. Nach 116 Sekunden war es das schnellste Finaltor der bisherigen EM-Geschichte.

Die passende Pointe

Am Sonntagabend haben Luke Shaw und die englische Fußballnationalmannschaft ihre Gegner aus Italien im Finale der Europameisterschaft in eine Situation gebracht, in der diese in den sechs Spielen davor nicht gewesen waren: in Rückstand. Auf einmal mussten diese im Wembley-Stadion in London nicht nur gegen den Widerstand der Engländer auf dem Rasen, sondern auch gegen den Widerstand der Engländer auf den Tribünen aufholen.

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Daran würden wohl die meisten Mannschaften scheitern, nicht diese Italiener. Der Innenverteidiger Leonardo Bonucci schoss in der 62. Minute das 1:1. Es ging danach in die Verlängerung, ins Elfmeterschießen. Als letzter Schütze scheiterte der Engländer Saka. Und so endete die Europameisterschaft mit einem Ergebnis, das zur Konzeption passte: mit einem Auswärtssieg. 4:3 für Italien nach Elfmeterschießen.

Italiens Trainer Roberto Mancini meinte später: „Wir haben ein frühes Tor kassiert, aber wir haben reagiert und den Sieg verdient. Wir freuen uns, ich hoffe, dass die Menschen in Italien feiern.“ Sein Gegenüber Gareth Southgate sagte: „Wir sind unglaublich enttäuscht. (...) Im Moment tut es einfach sehr weh. Ich habe entschieden, wer die Elfmeter schießt. Niemand ist alleine. Wir haben als Team gewonnen und verlieren als Team. Wenn es um das Elfmeterschießen geht, liegt es allein an mir.“

Der italienische Triumph war die passende Pointe dieses paneuropäischen Turniers, dass England und Italien am Ende um den Titel spielen durften. Unter den großen Fußballnationen des Kontinents waren ihre Mannschaften in diesem Sommer außergewöhnlich vereint, obwohl ihre Spieler, wie in diesem globalisierten Sport üblich, aus verschiedenen Vereinen aus verschiedenen Ligen zusammengestellt worden sind. Das konnte man auch an den Aufstellungen im Finale ablesen.

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In der englischen Startelf spielten zum Beispiel Kalvin Phillips (Leeds United), Kieran Trippier (Atlético Madrid) und Declan Rice (West Ham United), in der italienischen Giovanni di Lorenzo (SSC Neapel) und Emerson (FC Chelsea). Das sind keine Stars in ihren Vereinen und ihren Ligen, aber Stars in ihren Rollen. Davon profitierten nun ihre Nationalmannschaften, in denen man aufgrund der knappen Vorbereitungsphase auf Spezialisten angewiesen ist – und Trainer, die diese als solche identifizieren und einsetzen.

Englische Fans pfeifen bei Italiens Hymne

Das ist die „große Leistung“ des italienischen Trainers Mancini, wie es der deutsche Weltmeister-Kapitän Philipp Lahm in seiner Zeit-Online-Kolumne formulierte. Er sagte dort über Mancinis Mannschaft auch Folgendes: „Taktisch ist dies das Beste, was das Turnier zu bieten hat. Die Elf agiert beinahe so homogen wie eine Klubmannschaft.“ Ein größeres Kompliment kann man einem Nationaltrainer eigentlich nicht machen. Wobei, eines gibt es vielleicht noch. Die Trainer Robert Mancini und Gareth Southgate, der in England verantwortlich ist, haben in diesem Turnier geschafft, was in ihrer Position nur wenige schaffen: Sie machten aus einem Kader eine Mannschaft.

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Am Beispiel der Italiener konnte man das schon vor dem Anpfiff sehen. Als sie sich auf dem Rasen aufreihten und die Nationalhymne sangen, machten sie sich nichts daraus, dass die englischen Fans pfiffen, dass die meisten im Stadion gegen sie waren, mehr 60 000 Fans, Schulter an Schulter auf der Tribüne. Sie standen einfach da, vom Ersten bis zum Elften, von Giorgio Chiellini bis Lorenzo Insigne, in ihren Gesichtern nur eines: Vorfreude.

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Italien gegen England
Alle Höhepunkte vom EM-Finale im Video
Video: Youtube, Bild: dpa

Es vergingen nur 116 Sekunden, als die Vorfreude schon wieder aus den Gesichtern verschwunden war. Der Verteidiger Luke Shaw, der an diesem Montag Geburtstag hat, knallte den Ball ins Tor. Es war sein erster Treffer für die Nationalmannschaft. Kein schlechter Moment. Wembley bebte.

Es war den Engländern anzumerken, dass sie nicht nur für sich spielten, sondern auch für eine Fußballnation, die ihre Nationalmannschaft zum ersten Mal im Finale einer Europameisterschaft erleben durfte. Sie rannten und rutschten, immer war ein Körper an der richtigen Stelle. Mit ihrer Athletik verunsicherten sie sogar die Italiener, die in diesem Turnier von Anfang an mit Selbstvertrauen und Selbstverständnis aufgetreten waren. In der zwölften Minute, als Trippier schon wieder von der rechten Seite in den Strafraum flankte, hatte der italienische Außenverteidiger Di Lorenzo eigentlich genug Platz und Zeit, um den Ball im Strafraum zu kontrollieren, aber er prallte an seinem Fuß ab. Ecke für England.

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Einmal nur mussten die Engländer in der ersten Halbzeit durchatmen. Als der flinke Federico Chiesa seinen Gegenspieler Declan Rice abschüttelte, aber sein Flachschuss rutschte knapp am Pfosten vorbei. In der zweiten Halbzeit musste England dann Minute für Minute durchatmen.

Ein großes Finale

Auf einmal erhöhten die Italiener das Tempo und leiteten eine Druckphase ein, die mit den Chancen von Insigne (Freistoß über Tor, 50.) und Chiesa (Flachschuss, den der englische Torhüter Jordan Pickford parierte, 62.) anfing und mit dem Tor des Innenverteidigers Leonardo Bonucci aufhörte (67.). Er war für einen Eckball in den Strafraum der Engländer gekommen, wo Pickford einen Kopfball von Marco Verratti an den Pfosten lenkte – und beim Nachschuss von Bonucci chancenlos war. Das war verdient. Die Zwischenbilanz: 15:3 Torschüsse für Italien.

Danach war es mit der Druckphase aber wieder vorbei. In der 86. Minute musste auch noch Chiesa verletzt ausgewechselt werden. Dem Spiel fehlte nun das Tempo, aber dafür nicht die Spannung. Es gab zudem viele kleine Höhepunkte. Einer: In der Nachspielzeit legte der englische Verteidiger Kyle Walker den Ball in höchster Bedrängnis mit der Brust auf Pickford ab. Ein großes Finale.

Es war dann wieder der englische Torhüter Pickford, der in den Mittelpunkt geraten sollte. Weil in der Verlängerung kein Tor fiel, ging es ins Elfmeterschießen. Und dort parierte Pickford den zweiten Versuch der Italiener von Andrea Belotti. Plötzlich war England dem Titel nah. Doch dann vergaben zwei Einwechselspieler: Marcus Rashford und Jadon Sancho. Der Italiener Jorginho konnte das Spiel entscheiden, aber Pickford wehrte nochmal ab. Mit den Fingerspitzen. Als zehnter Schütze trat Bukayo Saka für England an. Er musste treffen, um im Elfmeterschießen zum 3:3 ausgleichen. Doch Saka traf nicht, der Torhüter Gianluigi Donnarumma parierte. Und dieses Mal ließen die Italiener Wembley beben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Meltzer, Christopher
Christopher Meltzer
Sportkorrespondent in München.
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