Eriksen-Kollaps in Dänemark

Ein dramatischer Abend bei der EM

Von Tobias Rabe
12.06.2021
, 21:59
Die dänischen Fußballer bilden einen Kreis um ihren Mitspieler
Im EM-Spiel gegen Finnland bricht der Däne Christian Eriksen plötzlich zusammen. Ärzte kämpfen um sein Leben. Als klar ist, dass es ihm besser geht, spielen die Teams nach schockierenden Bildern weiter.

Die Bilder, die am Samstagabend aus dem Parken Stadion in Kopenhagen geschickt wurden, werden allen, die sie gesehen haben, wohl für immer in Erinnerung bleiben. Es sollte ein Fußballfest werden, eine Annäherung an die bekannte Normalität, die es vor der Corona-Pandemie gab. Stattdessen erlebten alle, im Stadion und vor den Bildschirmen, beim Spiel zwischen Dänemark und Finnland bei der Europameisterschaft eine schockierende Zeit: Der dänische Mittelfeldstar Christian Eriksen brach kurz vor der Halbzeit auf einmal zusammen und blieb reglos auf dem Rasen liegen.

Fußball-EM

Seine Mitspieler erfassten den Ernst der Lage zuerst. Eilig winkten sie Ärzte herbei, damit diese dem 29 Jahre alten Spieler von Inter Mailand helfen. Auf den Fernsehbildern war zu sehen, wie medizinische Helfer lebensrettende Maßnahmen per Herzmuskelmassage einleiteten. Dabei formierten sich die geschockten dänischen Spieler um Eriksen, um keinen Blick auf die schlimme Szenerie zuzulassen. Einige blickten zu Eriksen und den Ärzten, andere wollten nicht hinschauen. Einige hatten Tränen in den Augen, als klar war, dass es hier einzig und allein um das Überleben ihres Mannschaftskameraden ging. Auch Eriksens Freundin eilte in den Innenraum.

Die Zuschauer versuchten es zunächst mit Sprechchören. Als sie aber den Ernst der Lage erkannten, verstummten sie nach kurzer Zeit. Auch unter ihnen war der Schock groß ob des tragischen Vorfalls am zweiten Tag der EM. Das Spiel wurde zunächst unterbrochen, aufgrund eines „medizinischen Vorfalls“, wie die Europäische Fußball-Union (Uefa) mitteilte. Nach der bangen Minuten und der Behandlung wurde Eriksen auf einer Trage, abgeschirmt von Sichtschutz und begleitet von den Mitspielern vom Rasen in die Katakomben gebracht. Die Fans wurden zunächst gebeten, auf ihren Sitzen zu bleiben, „bis es weitere Informationen gibt“.

„Wir hatten Kontakt. Es geht ihm gut.“

Knapp eine Stunde nach dem schockierenden Vorfall gab der dänische Fußball-Verband bekannt, dass der Spieler bei Bewusstsein sei. „Christian Eriksen ist wach und ist zu weiteren Untersuchungen im Reichskrankenhaus“, teilte die Dansk Boldspil-Union (DBU) mit. „Wir haben Kontakt mit Christian gehabt, und die Spieler haben mit ihm gesprochen. Es geht ihm gut“, sagte DBU-Direktor Peter Møller, dem Sender DR. Im Stadion gab es Applaus, als den Zuschauern die Nachricht mitgeteilt wurde. Der Agent des Spielers sagte nach einem Gespräch mit dem Vater, dass Eriksen am Abend atmen und sprechen konnte.

Das Spiel wurde von der Uefa auf Wunsch beider Teams nach mehr als 90 Minuten Unterbrechung beim Stand von 0:0 fortgesetzt. Vor Wiederanpfiff stellten sich die dänischen Spieler und Betreuer in einem Kreis auf und sprachen sich mit Trainer Kasper Hjulmand unter dem Applaus der Fans Mut zu. Mathias Jensen hatte die schwere Aufgabe, Eriksen zu ersetzen. „Momente wie diese relativieren alles im Leben. Ich wünsche Christian eine vollständige und schnelle Genesung und bete, dass seine Familie Kraft und Glauben hat“, wurde Uefa-Präsident Aleksander Ceferin auf Twitter zitiert.

„Wir hatten zwei Optionen: Das Spiel fortzusetzen oder morgen um 12.00 Uhr zu spielen. Jeder wollte heute weiterspielen. Was die Spieler geleistet haben, war unglaublich“, sagte Hjulmand nach dem Abpfiff und wies zurück, dass die Teams von der Uefa zur Fortsetzung gedrängt worden seien. „Die Spieler waren sich sicher, heute nicht mehr schlafen zu können. Es war besser, zu sagen: Wir bringen es jetzt hinter uns.“ Die Spieler seien „komplett durch und emotional erschöpft. Ich könnte nicht stolzer auf meine Spieler sein. Was sie geleistet haben, war unglaublich#.“

Eigentlich sollte das dritte EM-Spiel am Samstag ein Fest in Kopenhagen werden. Rund 17.000 Fans waren trotz der Corona-Pandemie zugelassen. Bei gutem Wetter feierten die Dänen mit Finnen im Stadion zunächst ein freudiges Fest. Dänemark war besser, die Finnen hielten aber das 0:0 – bis Eriksen plötzlich nach einem Einwurf an der Seitenlinie reglos am Boden lag.

An Fußball war von diesem Moment an nicht mehr zu denken. Er ging allen im Stadion und vor den TV-Geräten nur noch um das Wohlergehen des Spielers. Nach den guten Nachrichten aus der Klinik wurde die Partie überraschend fortgesetzt. Daran war nur eine halbe Stunde zuvor nicht zu denken. Finnische Fans riefen: „Christian“. Dänische riefen zurück: „Eriksen!“

Zunächst wurden die wenigen Minuten der ersten Halbzeit weitergespielt. Nach einer fünfminütigen Pause, die die Teams mit Schiedsrichter Anthony Taylor auf dem Rasen verbrachten, ging es weiter. Die Dänen versuchten alles, doch das Tor erzielte völlig überraschend Außenseiter Finnland bei seiner Premiere bei einem großen Fußballturnier. Joel Pohjanpalo, der zuletzt in der Bundesliga bei Union Berlin spielte, traf per Kopfball in der 59. Minute.

„Wenn man ein Tor schießt, ist immer der erste Reflex, zu jubeln. Mir war aber schnell klar, dass das heute nicht angebracht ist“, sagte Pohjanpalo und fügte hinzu: „Das Wichtigste ist: Es geht Christian gut. Er wollte, dass wir weiterspielen. Das dänische Team und ich haben diesen Wunsch respektiert.“

Die größte Chance zum Ausgleich vergab der Däne Pierre-Emile Höjbjerg, einst beim FC Bayern, als er mit einem Elfmeter an Torwart Lukas Hradecky von Bayer Leverkusen scheiterte (74.). Doch das spielte keine große Rolle mehr. „Wir haben es geschafft, Christian zurückzuholen. Er hat mit mir gesprochen, bevor er ins Krankenhaus gebracht wurde. Wir wurden heute daran erinnert, was das Wichtigste im Leben ist: Gesundheit. Dass man Leute um sich herum hat, die einem nah sind“, sagte Dänemarks Trainer Hjulmand.

Der Vorfall um Eriksen ruft schlimme Erinnerungen an tragische Vorfälle im Fußball hervor. Im Halbfinale im Confederations Cup 2003 in Lyon brach der Kameruner Marc-Vivien Foé im Spiel gegen Kolumbien plötzlich zusammen und blieb auf Höhe der Mittellinie regungslos liegen. Kurz darauf starb Foé. Todesursache war Herzversagen. Der Kapitän des AC Florenz starb an einem plötzlichen Herzstillstand. Davide Astori, 31 Jahre alt, wurde tot in seinem Bett im Hotelzimmer vor einem Spiel gefunden. Torwart Iker Casillas brach beim FC Porto mit einem Herzinfarkt im Training zusammen.

Fußball-EM

Eriksen spielt seit eineinhalb Jahren bei Inter Mailand. Der Mittelfeldspieler gilt als einer der besten dänischen Fußballer. Schon mit 17 Jahren wechselte er in die Niederlande zu Ajax Amsterdam. Nach seiner Zeit dort ging er nach England zu den Tottenham Hotspur und entwickelte sich zu einem Star des europäischen Fußballs. Nachdem seine Spielanteile weniger wurden, wechselte er nach Italien. Mit Inter Mailand war Eriksen erst vor wenigen Wochen Meister geworden. Das alles aber zählt derzeit nicht. Nach dem Zusammenbruch in seinem 109. Länderspiel geht es nun einzig und allein um seine Genesung.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Rabe, Tobias
Tobias Rabe
Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.
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