Deutsche Nationalmannschaft

Gibt es einen Plan?

Von Michael Horeni, Berlin
03.06.2021
, 20:40
Das 1:1 gegen Dänemark zeigt: Der deutschen Mannschaft fehlt unmittelbar vor Beginn der EM immer noch eine Struktur. Daran ändert auch die Rückkehr von Müller und Hummels nichts.

Geisterspiele können Rätsel aufgeben. Am Mittwochabend haben die deutschen Fans vor dem Fernseher, andere gab es im Testspiel gegen Dänemark ja auch nicht, ein solches Rätsel erlebt. Die Führungskamera rückte über neunzig Minuten immer wieder einen riesengroßen Schriftzug ins Bild. Auf der gesamten Breite der menschenleeren Tribüne stand: „Jogis“. Mehr nicht.

Fußball-Länderspiele

Alles andere konnte oder sollte man sich dazudenken: Jogis Abschiedstour. Das wäre eine Möglichkeit gewesen. Davon ist seit dem im März angekündigten Rückzug des Bundestrainers unaufhörlich die Rede. In Presse, Funk und Netz ist ohne Unterlass zu lesen und zu hören, wie locker, gelöst und fokussiert der Bundestrainer nun angeblich sein soll – und wie sich diese Stimmung positiv auf sein Team übertrage. Geschwätz, das vor großen Turnieren eben so verbreitet wird.

Des Rätsels Lösung, zumindest von Innsbruck: Der vollständige und in Schwarz-Rot-Gold gerahmte Schriftzug im Stadion lautete: „Jogis Jungs“. Jogis Jungs? Das war nun das zweite Rätsel des Abends. Denn auch nach diesem vorletzten EM-Test muss man sich mit Blick auf die Startelf für das EM-Auftaktspiel am 15. Juni gegen Frankreich fragen: Wer sind das eigentlich: Jogis Jungs? Oder anders gefragt: Wie wird das deutsche Team nach nun drei Jahren Vorbereitung auf die EM aussehen? Aber auch das: eine vollkommen ungelöste Frage.

Es gibt nur wenig Verlässliches

Die sportliche Wahrheit unmittelbar vor dem Turnierstart lautet: Eine Stammformation und ein klarer Spielstil sind auch nach sage und schreibe 28 Spielen seit der Pleite bei der WM in Russland nicht erkennbar. Von einer eingespielten Mannschaft kann auch nach knapp drei Jahren Entwicklungszeit keine Rede sein.

Bei der Generalprobe am Montag gegen Lettland wird eine wiederum völlig veränderte Mannschaft antreten, nachdem gegen Dänemark über ein halbes Dutzend Topkräfte gefehlt hatten: Das Sieger-Trio aus der Champions League mit Rüdiger, Havertz und Werner, aber auch Gündogan, Goretzka und Kroos. Und wer spielt dann gegen Frankreich von Anfang an – und mit welcher Ausrichtung? Das ist erst in groben Zügen erkennbar. Außer auf Torwart Neuer und einen Bayern-Block, so scheint es, gibt es wenig Verlässliches, was der Bundestrainer aufbieten kann.

In Innsbruck waren Hummels und Müller über zweieinhalb Jahren nach ihrem letzten Länderspiel im November 2018 (2:2 gegen die Niederlande) endlich wieder dabei. Sie gaben der zuletzt verunsicherten Nationalelf mit ihrer Souveränität kurz vor dem EM-Start wenigstens eine gewisse Stabilität und Organisationskraft zurück. Eine, die der Bundestrainer seit der Weltmeisterschaft in Russland mit verschiedenen Konzepten bisher jedoch nie dauerhaft hat herstellen können.

Ob das auf den letzten Drücker vor dem EM-Auftakt gegen Weltmeister Frankreich, Europameister Portugal und dann gegen Ungarn gelingt, ist jedoch weiterhin ungewiss. Die Ergebnisse und Leistungen der vergangenen Monate und Jahre geben dafür nicht viel her. Kurz vor der EM herrscht, trotz vieler herausragender Spieler, vor allem das Prinzip Hoffnung.

Die Schwächen, so scheint es, lassen sich eben nicht auf Knopfdruck abstellen. Das dänische Gegentor durch Poulsen (77. Minute) nach dem Führungstreffer von Neuhaus (48.) wirkte dabei wie aus dem französischen Lehrbuch für schnelles Umschaltspiel. Der von Blessuren in dieser Saison geplagte Süle hatte die Lücke, die sich für Passgeber Eriksen auftat, nicht schließen können, weil er zu langsam lief und zu spät reagierte.

Aber nicht nur wegen dieses Fehlers, der vermutlich den Sieg kostete, war in jenem Augenblick der dritte von Löw aussortierte Weltmeister wieder mit im deutschen Spiel, allerdings nur gedanklich: Boateng. Auf den in dieser Saison immer wieder exzellenten Bayern-Innenverteidiger meinte der Bundestrainer verzichten zu können. Über diesen Teil der verpassten Rückholaktion des Bundestrainers hatten zuletzt schon sein Nachfolger Flick und sein früherer Kapitän Schweinsteiger die Experten-Köpfe geschüttelt. Ein Verzicht, der die Nationalelf noch teuer zu stehen kommen könnte.

Klar ist auch nicht, in welcher Grundordnung der Bundestrainer die deutsche Defensive gegen Frankreich und alle anderen EM-Gegner antreten lassen wird – und ob sie die richtige ist. Gegen Dänemark setzte Löw auf ein 3-4-3-System mit Gosens (links) und Klostermann (rechts) als hoch positionierten und offensiv orientierten Außenverteidigern. Das schreckte die Dänen nicht. Weil sie von dort keine Gefahr fürchteten, doppelten sie in der Verteidigung auch nie, wenn Gosens und Klostermann, meist ohne das nötige Tempo, nach vorne kamen.

Oft zog sich die dänische Defensive sogar im Zentrum zusammen und bewachte die ziemlich freien Außenbahnen nur mit einem aufmerksamen Auge. In 90 Minuten gelang den Deutschen über die Außenposition jedenfalls keine einzige herausgespielte Torchance. In den Rücken der Abwehr spielten sie sich nie. Zuletzt hatte Löw beim 1:0 gegen Tschechien im November 2020 mit Dreierkette gespielt, danach immer mit Viererkette. Und wie geht’s weiter? Mal sehen.

Auch das Mittelfeld und die Offensive geben Rätsel auf. Wer neben Kimmich – der offenbar auf der Sechserposition gesetzt ist und trotz des Überangebots an starken Mittelfeldspielern keine Alternative mehr als stürmischer rechter Außenverteidiger zu sein scheint – im Mittelfeld spielt, ist noch nicht genau auszumachen.

Goretzka und Kroos sind nach Verletzung beziehungsweise Corona-Infektion noch nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte. Dazu haben Gündogan und Havertz teilweise eine exzellente Saison gespielt, ebenso Müller. Aber was das alles für die Nationalelf zum Auftakt gegen Frankreich heißt, man kann es nur ahnen. Müller spielte gegen Dänemark zudem offensiver ausgerichtet als in München, wo er als Vorlagengeber brillierte. Wird nun Havertz den Platz in der Sturmspitze einnehmen?

Nichts Genaues lässt sich sagen. Denn auch für das wohl größte deutsche Talent der vergangenen Jahrzehnte hat Löw in der Nationalelf bisher noch keine feste Position gefunden. Und auf die Chance, mit einer früheren Rückkehr von Hummels und Müller schon früher nach einem taktischen Weg zu suchen, hat Löw ohnehin gepfiffen. Er sagte, dies wäre nicht nötig. Die beiden Weltmeister würden sich sofort einfügen. Das können sie auch. Fragt sich nur: in welche Struktur, wenn noch keine da ist.

Quelle: F.A.Z.
Michael Horeni - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Horeni
Korrespondent für Sport in Berlin.
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