In Gedanken bei Eriksen

„Das bedeutet, dass Fußball völlig sinnlos wird“

13.06.2021
, 09:06
Die dramatische Szene des Abends: Sanitäter holen Eriksen zurück ins Leben, seine Mitspieler bilden einen schützenden Concon
Die früheren Nationalspieler Kramer und Mertesacker kritisieren die Fortsetzung des Dänemark-Spiels. Teamarzt Meyer lobt die Hilfekette. Die Spieler senden Genesungswünsche an Eriksen.

Vom Kollaps des dänischen Mittelfeldspielers Christian Eriksen im EM-Spiel gegen Finnland (0:1) zeigt sich die ganze Fußball-Welt und auch die deutsche Mannschaft erschüttert. Die Spieler und Bundestrainer Joachim Löw versammelten sich in ihrem EM-Camp in Herzogenaurach am Samstagabend vor einer Leinwand, die ein Bild Eriksens zeigte. „Lieber Christian Eriksen, wir sind in Gedanken bei Dir und wünschen Dir gute Besserung“, schrieb der Twitter-Account der Nationalmannschaft dazu. Auf dem Bild reckten Löw und seine Spieler den Daumen nach oben.

Einige der Nationalspieler richteten über die Sozialen Medien auch ihre persönlichen Genesungswünsche aus. Mit dem digitalen Mannschaftsfoto habe man am Samstagabend für „positive Energie rüberschicken“ wollen, erklärte Lukas Klostermann am Sonntag. „In seine Richtung weiter gute Besserung und viel Kraft für ihn“, sagte Verteidiger Antonio Rüdiger.

Eriksen war kurz vor der Halbzeitpause im Parken-Stadion von Kopenhagen auf dem Rasen zusammengebrochen. Sofort herbeigerufene Helfer leiteten lebensrettende Maßnahmen ein. Im Stadion und auch im deutschen Quartier herrschte in dieser dramatischen Phase ein bedrückender Moment der Stille. Eriksen wurde ins Krankenhaus transportiert, wo sich sein Zustand nach Angaben des dänischen Verbandes stabilisierte. Entsprechend groß war die Erleichterung auch bei der deutschen Auswahl.

Fußball-EM

„Es gab eine Menge Gespräche mit den Spielern. Sie waren sichtlich geschockt, auch die Betreuer“, sagte Teamarzt Tim Meyer bei einer digitalen Pressekonferenz am Sonntag. Auch einen Tag nach dem Vorfall in Kopenhagen habe es Fragen der Profis an ihn, aber auch an Team-Psychologe Hans-Dieter Hermann gegeben, berichtete der Mediziner.

Über die Hilfekette im Stadion äußerte er sich positiv. „Das hat vor Ort sehr gut funktioniert. Man hat das Leben retten können durch schnelle und adäquate Reaktion. Diese Kette scheint mir gut definiert", sagte Meyer, der auch Vorsitzender der Medizinischen Kommission der UEFA ist. Konkret auf den deutschen Fußball bezogen, betonte Meyer: „Wir werden diese Fälle nie gänzlich vermeiden können, sind aber mit unserem System sehr, sehr gut aufgestellt.“ Meyer selbst führt bei Spielen der Nationalmannschaft, für die er seit 2001 tätig ist, einen weiteren Notfallrucksack mit Defibrillator mit.

Warum Eriksen zusammenbrach, konnte und wollte Meyer aus der Distanz nicht bewerten. Er betonte aber: „Nach allem, was mir zugetragen wurde, scheint es keinen Hinweis zu geben, dass es mit der Corona-Pandemie oder einer Impfung zu tun hat. Das ist das, was ich aus verschiedenen Quellen gehört habe.“

An der kritisch geführten Diskussion um die Spielfortsetzung wollte er sich nicht beteiligen. Dazu fehlten im die Einblicke vor Ort in Kopenhagen. Man können nicht allen Fällen mit „Protokollen vorbeugen“, meinte der Professor. „Ich glaube, ich hätte nicht weiterspielen können“, sagte Rüdiger. Er wolle aber nicht über richtig oder falsch entscheiden.

Unterdessen haben die früheren Fußball-Weltmeister Christoph Kramer und Per Mertesacker die Fortsetzung des EM-Spiels nach dem Zusammenbruch deutlich kritisiert. „Da liegt der Fehler meiner Meinung nach bei der UEFA, die sagen muss: Wir haben eine weitere Sicht dazu, da wird heute nicht mehr gespielt. Ich weiß nicht, wer da eine andere Meinung haben kann“, sagte Kramer am späten Samstagabend im ZDF.

Das Spiel war nach mehr als anderthalb Stunden Unterbrechung wieder angepfiffen worden. Die Entscheidung, das Spiel noch am Samstagabend fortzusetzen, fällten nach übereinstimmenden Aussagen beide Mannschaften. „Die Frage ist, kann einer von denen in diesem Moment einen klaren Gedanken fassen“, sagte Kramer dazu. „Da sage ich einfach: Nein. Da ging es heute nicht um Fußball. Dann finde ich: Emotionen erstmal sacken lassen, eine Nacht drüber schlafen, dann kann man es immer noch spielen.“

In einem ersten Interview nach der Partie sagte Dänemarks Trainer Kasper Hjulmand einer Übersetzung im ZDF zufolge sichtlich ergriffen: „Wir hatten einen der unseren, der am Boden lag und um sein Leben kämpfte. Das bedeutet, dass Fußball völlig sinnlos wird. Wir sind froh, dass es ihm gut geht.“

Dazu sagte Mertesacker: „Wenn man das Interview im Nachgang hört, dann fragt man sich, warum die noch gespielt haben. Das ist meine Frage. Ich kann es nicht begreifen.“ Der dänische Verband kündigte noch am Abend an, dass den Spielern und Eriksens Familie nun professionelle Hilfe in Form von psychologischer Betreuung angeboten werde. „Es ist eine traumatische Erfahrung, der sie ausgesetzt sind“, sagte Trainer Hjulmand.

Quelle: ad./dpa/sid
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot