Kroos vor EM

Der coolste Künstler

Von Von Christian Kamp, Herzogenaurach
11.06.2021
, 17:15
Sein Wort hat Gewicht: Bei Bundestrainer Joachim Löw ist Toni Kroos gesetzt.
Toni Kroos ist der deutsche Vertrauensmann. Manchmal wird seine Beschreibung auf die Passkunst beengt. Das ist nur die halbe Wahrheit – keiner bleibt unter Druck so ruhig wie er.

Zu allererst wurde Robin Koch nach der Kanzlerin gefragt. Am Donnerstagabend hatte es eine Schalte zwischen Berlin und Herzogenaurach gegeben, was Koch tags darauf davon zu berichten wusste, ging aber kaum über ein paar höfliche Worte hinaus. Etwas später wurde Koch dann nach Toni Kroos gefragt. Ob es wirklich so schwer sei, ihm den Ball abzunehmen. Da wurde der Abwehrspieler von Leeds United, der bei seinem ersten Turnier mit der Fußball-Nationalelf dabei ist, sehr konkret. Ja, das sei nicht nur so, wenn man Kroos von oben sehe.

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„Toni ist für mich der Spieler, der am schwersten vom Ball zu trennen ist“, sagte Koch, und man konnte das in seinen Worten regelrecht spüren. „Er behält immer die Ruhe. Du kannst ihn auch anspielen, wenn er drei Gegner um sich hat, er bringt immer noch den richtigen Pass. In der Form habe ich im Vereinsleben oder sonst nie einen Spieler gesehen, der in diesem Bereich so gut ist.“

Hüter des Balls

Wenn es um die Spielweise von Kroos geht, wird die Beschreibung manchmal auf dessen Passkunst verengt, jene Seitenwechsel zum Beispiel, die über 40, 50 Meter fliegen und zentimetergenau vor dem Fuß des Mitspielers landen, oder die Kurzpässe, jene Impulse die mit metronomischer Präzision den Takt bestimmen können, spanische Schule, von einem Deutschen, der das Fußballspielen in Greifswald gelernt hat, zur Exzellenz gebracht.

Aber das wäre alles eben nur die halbe Wahrheit. Es geht im Spiel von Kroos nicht darum, was er mit dem Ball macht, sondern darum, unter welchen Umständen er das tut. Dass jeder Ball bei ihm gut aufgehoben ist. Es ist eine Qualität, die Gold wert sein kann für eine Mannschaft. Bastian Schweinsteiger zum Beispiel war auch so ein Hüter des Balles, und vielleicht war das für den WM-Sieg 2014 genauso wichtig wie der Kampfgeist, der ihm im Finale blutige Spuren eintrug: ein großer Bruder, auf den man sich verlassen kann, wenn Gefahr im Verzug ist.

Am Dienstag bekommen die Deutschen es zum Auftakt der EM mit den gefährlichsten Jungs zu tun (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-EM, im ZDF und bei MagentaTV), die es im Weltfußball gibt. Der 31 Jahre alte Kroos sprach über das Duell mit den Franzosen am Freitag im Quartier in Herzogenaurach in einer Art und Weise, die man von ihm kennt, unter seinen 102 Länderspielen müsste man schon nach ziemlich frühen suchen, um – vielleicht – so etwas wie Aufregung bei ihm zu entdecken.

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Er berichtete, wie seine Kollegen zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkt in den Tunnel tauchten, manche schon zwei Tage vorher, manche ein, zwei Stunden vor dem Spiel, manche in dem Moment, wenn es losgeht. Wie das bei ihm sei, sagte er, „kann sich der eine oder andere ja denken“. Man könnte auch sagen: Es gibt keinen Gegner, den Kroos fürchtet, auch nicht die Franzosen, selbst wenn die der „Topfavorit“ seien. „Ich werde nie ein Turnier beginnen mit dem Gedanken, dass eine knappe Niederlage auch okay wäre. Wenn das hier irgendwann so ist, dann komme ich nicht mehr.“

„Mein Gefühl ist ganz gut“

Was Kroos aber durchaus fürchtet, ist, wenn die eigene Rolle falsch eingeschätzt wird. So wie vor der WM 2018, als er schon im März das Gefühl hatte, die Mannschaft werde „besser gemacht als sie ist“. Im Trainingslager vor der missratenen Russland-Exkursion sollte er in einem Fragebogen darauf antworten, wer der größte Gegner bei dem Turnier sein werde. Er sagte: Vielleicht sind wir das selbst.

Wenn man ihn am Freitag hörte, war der Eindruck vorsichtig optimistisch. „Mein Gefühl ist ganz gut“, sagte er. „Wir haben den einen oder anderen Schritt nach vorne gemacht, was die Klarheit betrifft.“ Dass er darüber sprach, wie „willig“ die Spieler seien und wie viele sich intensiv „Gedanken um den Fußball“ machten, konnte man als Hinweis darauf verstehen, dass das 2018 nicht so war. Aber wohin das jetzt führen könne, müsse sich noch zeigen. „Der größte Gegner ist erstmal die Gruppe. Die zu überstehen, wäre schon mal ein Statement“, sagte er. Das klang wie: Nichts muss, aber vieles kann.

Und Kroos, nach überstandener Corona-Infektion, soll. Daran lässt der Bundestrainer keinen Zweifel. In den vergangenen Monaten flackerten immer mal wieder Debatten auf, ob Kroos‘ Tage als Fixpunkt des deutschen Spiels gezählt sein könnten. War er womöglich inzwischen einer, der den Takt verschleppte, der seine Kunst vielleicht ein bisschen zu sehr zelebrierte? War nicht plötzlich mehr Dynamik und vor allem mehr körperliche Präsenz im deutschen Zentrum zu sehen, wenn dort die bissigen Bayern Joshua Kimmich und Leon Goretzka das Terrain beackerten? Vielleicht.

Und ganz gewiss weckte das 0:6 gegen Spanien im November Zweifel an der Partnerschaft mit Gündogan, die der Bundestrainer nun auch gegen Frankreich im Sinn zu haben scheint. Aber immer wenn Löw darauf angesprochen wurde, ob Kroos womöglich um seinen Platz bangen müsse, vermittelte er das Gefühl, als habe er, der Connoisseur, es mit Banausen zu tun. „Über die Qualitäten von Toni zu sprechen, ist müßig“, sagte er im März, nachdem Kimmich, Goretzka und Gündogan gegen Island gut harmoniert hatten. Und jetzt, vor der EM, sprach er achselzuckend davon, dass man solche Debatten „erdulden“ müsse. Kroos sei ein „unverzichtbarer Spieler – gerade auch dann, wenn es schwierig ist und du auf dem Platz Kontrolle brauchst“.

Durchaus statusbewusst

Kroos ist Löws Vertrauensmann auf dem Platz. Dieses Gefühl gab der Bundestrainer ihm auch – womöglich demonstrativ – bei der Kaderbekanntgabe vor drei Wochen, als sich vieles um die Rückkehrer Hummels und Müller drehte. Kroos, Weltmeister, viermaliger Champions-League-Sieger, deutscher und spanischer Meister, ist durchaus statusbewusst. Und entsprechend sortierte der Bundestrainer ihn ein: ganz oben. Es sei „immer gut, wenn eine Mannschaft eine klare Hierarchie hat“, sagte Löw, und Kapitän Neuer und Kroos seien „meine ersten Ansprechpartner“.

Umgekehrt hatte Kroos den Bundestrainer lange in dessen Umbruchskurs unterstützt, bis ihm offenbar Anfang des Jahres auch Zweifel kamen. „Ob der Plan vom Trainer, wie er es damals wollte, bis heute so aufgegangen ist, stelle ich jetzt einmal infrage“, sagte Kroos im Februar, noch bevor der Chef seine Kehrtwende vollzog. Ein kleines Echo darauf meinte man auch am Freitag zu hören, als er über die Entwicklung der beiden Mannschaften seit dem Halbfinalduell 2016 sprach. Die Franzosen seien „nochmal stärker als damals“ sagte Kroos. „Wir haben ein paar Veränderungen hinter uns, die dann vielleicht nochmal verändert wurden.“ Kroos, so durfte man das sehen, fühlt sich nicht nur in Zwischenräumen wohl – sondern auch mit Zwischentönen.

Quelle: F.A.Z.
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