EM-Aus von DFB-Team

Kroos kontert scharfe Kritik von Hoeneß mit Sarkasmus

11.07.2021
, 13:44
Deutliche Worte nach dem deutschen EM-Aus: Uli Hoeneß
Knapp zwei Wochen nach dem EM-Aus rechnet Uli Hoeneß ab. Er spricht über die Probleme beim DFB, Bierhoffs Verhalten, Löws falsche Taktik und seinen Ärger über Flick. Auch Kroos nimmt er sich vor.
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Uli Hoeneß sieht auf den „idealen Bundestrainer“ Hansi Flick bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft großen Druck zukommen. „Jetzt hat er es ja relativ leicht, weil er kaum Widerstand kriegen wird. Er ist halt der Messias“, sagte der Ehrenpräsident des FC Bayern München am Sonntag im Sport1-“Doppelpass“. „Aber wenn man der Messias ist, muss man auch Erfolg haben. Der Druck auf ihn ist ungeheuer groß.“ Flick hatte mit den Bayern als Nachfolger von Niko Kovac sieben Titel gewonnen. Er folgt beim DFB auf Joachim Löw. Flick habe es beim FC Bayern geschafft, die Mannschaft hinter sich zu bringen, „die sind für einander durchs Feuer gegangen“, sagte Hoeneß.

Fußball-EM

Der 69-Jährige erinnerte am Sonntag aber auch an den Ärger rund um Flick, der mit Sportvorstand Hasan Salihamidzic in Personalfragen nicht denselben Kurs verfolgte. Während der größten Erfolge sei es öffentlich viel um internen Ärger gegangen. „Das hat er mitverursacht, da war ich ihm auch ziemlich böse“, grantelte Hoeneß. Flick habe sich als Trainer nur für das Sportliche interessiert, nicht für die wirtschaftliche Seite. „Deswegen ist er eigentlich ein idealer Bundestrainer.“ Denn bei der Nationalmannschaft gehe es nicht um Ablösesumme.

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Hoeneß forderte DFB-Direktor Oliver Bierhoff auf, öffentlich aktiver aufzutreten. „Es kann nur funktionieren, wenn zum Beispiel der Oliver Bierhoff endlich aus dieser Versenkung verschwindet und nicht nur alle drei Monate irgendein Interview gibt, sondern sich aktiv mit einschaltet, damit das ganze Projekt läuft“, sagte Hoeneß. Dass man auf handelnde Personen beim DFB, die alles Amateure seien, nicht bauen könne, „ist so klar wie Fleischbrühe“.

„Da springt mir meine Frau ins Kreuz“

Hoeneß schlug im Zusammenhang mit einer neuen Führung beim DFB ein Beratergremium aus Persönlichkeiten des Profifußballs vor. Wenn vernünftige Leute auf ihn, den ehemaligen Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge oder auch Rudi Völler zukämen, „können wir uns dem doch kaum verschließen“, sagte er. Zugleich wiederholte er, nicht als DFB-Präsident zu Verfügung zu stehen. „Da springt mir meine Frau ins Kreuz“, meinte der Weltmeister von 1974.

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Aus seiner Sicht gehe es darum, dass die neue DFB-Führung auch sportliche Kompetenz habe. Er könne sich in diesem Zusammenhang sehr gut vorstellen, dass Philipp Lahm ein Kandidat für das Präsidium sei. „Ein Name, der hoch interessant ist“, sagte Hoeneß. Der frühere Weltmeister Lahm ist Organisationschef der Europameisterschaft 2024 in Deutschland und bereits Mitglied im DFB-Präsidium.

Hoeneß kritisierte auch das Verhalten englischer Fans vor dem Finale der EM an diesem Sonntag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-EM, im ZDF und bei MagentaTV) hart. Die Engländer hätten sich „in jeder Hinsicht unmöglich verhalten“, sagte er. Hoeneß ärgert es, dass sich im Rahmen des Achtelfinales England gegen Deutschland Fans gegen ein kleines weinendes deutsches Mädchen gewandt hatten oder dass bei der Hymne Dänemarks gepfiffen worden war. Das habe nichts mit „Sportsmanship“ zu tun, sagte Hoeneß.

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Hoeneß sieht die über 60.000 Zuschauer im Wembley-Stadion mit Sorge. Diese „provozieren Infektionen“, sagte Hoeneß. Dazu habe das Land als Premierminister Boris Johnson, „den ich überhaupt nicht mag“, und der solle nicht im Stadion als Europameister feiern. Außerdem sei das Land durch den Brexit „aus Europa eigentlich draußen“. England sei aber „ganz verdient“ im Endspiel, räumt Hoeneß ein, der aber Italien die Daumen drückt.

Bei seinem EM-Fazit fiel Hoeneß eine Entwicklung auf. „Sehr wahrscheinlich ist das möglicherweise ein neuer Trend. Bisher wurden ja solche Europameisterschaften und Weltmeisterschaften von Superstars geprägt, und diesmal ist es die Mannschaft“, sagte Hoeneß. Beim versierten Spiel der Italiener „lacht einem das Herz im Leibe“.

Hoeneß übte nach der enttäuschenden EM zudem umfassende Kritik an dem früheren Bundestrainer Joachim Löw, der deutschen Nationalmannschaft und insbesondere Toni Kroos. Löw habe „völlig unnötig“ auf die Dreierkette in der Abwehr gesetzt, um Kroos als Mittelfeldchef einzubauen, sagte der ehemalige Bayern-Präsident: „Aber Toni Kroos hat in diesem Fußball nichts mehr verloren. Das war das Hauptproblem.“ Beim Aus im Achtelfinale gegen England (0:2) habe Deutschland „Angsthasenfußball“ gespielt und allen voran Kroos sei nur durch Querpässe aufgefallen.

„Bei anderen Teams geht es mit Zug nach vorne, und bei uns wurde quer gespielt, quer gespielt, quer gespielt“, sagte Hoeneß. Er schätze Kroos, der tolle Erfolge gefeiert habe – aber: „Seine Art zu spielen, ist total vorbei.“ Kroos selbst hatte nach Ausscheiden das Ende seiner Nationalmannschaftskarriere verkündet. Kroos reagierte mit Sarkasmus bei Twitter: „Uli Hoeneß ist ein Mann mit großem Fußballsachverstand (auch wenn es für RTL nicht gereicht hat), wenig Interesse für Polemik und mit sich komplett im Reinen. Ähnlich wie sein Greenkeeper (gemeint ist Lothar Matthäus, d.Red.).“

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Hoeneß teilte auch gegen den früheren Bundestrainer aus. Auch was er über Löw und dessen Taktik sage, habe nichts mit seinen Sympathien für den Weltmeistertrainer von 2014 zu tun, betonte Hoeneß: „Es soll nicht heißen, der Hoeneß haut den Löw in die Pfanne. Aber wenn man das Thema analysiert, ist es relativ einfach.“ Löw habe nicht einfach das System von Flick kopieren, sondern etwas „besonderes Neues“ finden wollen. Und das sei „total in die Hose gegangen“.

Hoeneß sagte, er hätte auf eine Viererkette und ein Mittelfeld mit den fünf Bayern-Profis Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Thomas Müller, Serge Gnabry und Leroy Sané gesetzt. Wäre das Team so aufgelaufen, sei er „zu 100 Prozent sicher, dass wir jetzt anders dastehen würden“. Er wisse, führte der 69-Jährige aus, dass die Mannschaft mit Löws Dreierkette nicht zufrieden war. Allerdings hätte kein Spieler intern Kritik geäußert und die unbeliebte Taktik zur Sprache gebracht. Daher sei die „Schuld nicht nur bei Jogi Löw zu sehen, sondern auch bei den Spielern“, betonte Hoeneß. Er habe viele Spieler „selbstbewusst erlebt unter Hansi Flick“, aber nun sei niemand bereit gewesen, die Konfrontation zu suchen: „Das verstehe ich nicht.“

Quelle: tora./dpa/sid
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