Slowakei gegen Polen

Die EM ist Ondrej Dudas Bühne

Von Sebastian Stier
14.06.2021
, 13:55
Für Ondrej Duda schließt sich ein Kreis. Bei der EM 2016 spielte er sich in den Fokus, nun ist er wieder ein Schlüsselspieler der Slowakei. Der sensible Spielmacher braucht vor allem eines: Vertrauen.

Eine teure Uhr besitzt Ondrej Duda noch immer nicht, dabei hätte er längst eine verdient. Vor drei Jahren bot ihm sein damaliger Mitspieler Salomon Kalou eine Wette an. Wenn Duda es schaffen sollte, im Laufe einer Saison acht Tore zu erzielen, würde Kalou ihm ein Luxusmodell zukommen lassen. Duda traf dann elfmal für Hertha BSC, garniert mit sechs Vorlagen. Die Uhr spendete er für wohltätige Zwecke. Sie hätte ohnehin nicht zu ihm gepasst.

Der 25 Jahre alte Mittelfeldspieler ist ein introvertierter Mensch, der sein Innerstes kaum nach Außen trägt. Seine Gesichtszüge verraten nur selten, ob er fröhlich oder traurig ist. Meist schaut er konstant ernst drein, was auch einer latenten Unsicherheit geschuldet ist. Er hat lange gebraucht, um in Deutschland anzukommen. Neues Land, neue Sprache, neue Mitspieler, neue Mentalität. Seit vergangenem Jahr dann wieder eine neue Stadt. Nach einer Leihe zu Norwich City in England spielt Duda mittlerweile für den 1. FC Köln, mit dem er nur unter größten Mühen und in der Relegation die Klasse hielt. Seinen Beitrag leistete er mit sieben Toren und sechs Vorlagen. Besser war kein Kölner.

Fußball-EM

Die Saison hat Duda auch mental einiges abverlangt, umso mehr freut er sich auf die Europameisterschaft. Im Kreise der slowakischen Nationalmannschaft, mit der er am Montag gegen Polen ins Turnier startet, bewegt sich der junge Mann gelöster. In einer Gruppe mit Schweden und Spanien sind die Slowaken nur Außenseiter, aber das waren sie 2016 in Frankreich auch und kamen dann trotzdem ins Achtelfinale, wo sie gegen Deutschland ausschieden (0:3). Es war das Turnier, bei dem sich Duda erstmalig vor einem breiteren Publikum in den Vordergrund spielte. Insofern schließt sich für ihn ein Kreis. Die EM war und ist seine Bühne. Herthas Trainer Pal Dardai saß 2016 im Stadion und wunderte sich, dass dieser augenscheinlich so begabte junge Mann noch in der polnischen Liga bei Legia Warschau sein Geld verdiente.

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Hertha sicherte sich seine Dienste, doch schon bald mussten die Berliner feststellen, dass dieser Künstler bei Weitem nicht der war, den sie in Frankreich gesehen hatten. Die tägliche Arbeit mit ihm war fordernd, weil er sich gerade am Anfang verschloss. Allein der Umstand, dass er neu war und die Sprache nicht sprach, hemmte ihn. Hinzu kam die hohe Intensität, die er aus Polen nicht gewohnt war. Sein Körper begann zu streiken, immer wieder verletzte sich Duda. Bald machte das böse Wort vom Fehleinkauf die Runde, dabei war sein Talent augenscheinlich. Zwei Jahre und viele Einzelgespräche dauerte es, ehe ihm doch der Durchbruch gelang. „Für Ondrej ist es ganz wichtig, wie du ihn ansprichst. Er muss Selbstvertrauen bekommen und nicht das Gefühl, bei jedem Fehler gleich einen Rüffel zu kassieren“, sagt Rainer Widmayer, der Duda in Berlin als Assistenztrainer unter Dardai trainierte.

Stefan Tarkovic, der Nationaltrainer der Slowakei, weiß, wie er mit Duda umgehen muss. Der Serbe war bereits 2016 Assistenztrainer unter Jan Kozak, Chef wurde er im Oktober nach dem Play-off-Halbfinale gegen Irland, in dessen Anschluss der damalige Trainer Pavel Hapal zurücktrat. Hapal hatte Duda zwar regelmäßig eingesetzt, jedoch nicht immer auf dessen Lieblingsposition. Oft musste der schmächtige Duda im Sturmzentrum aushelfen, weil es den Slowaken an torgefährlichen Angreifern mangelt. Zu viel ruht immer noch auf den Schultern von Marek Hamsik, der im nächsten Monat 34 Jahre alt wird.

Die Angriffsschwäche war mit ein Grund dafür, dass sich die Slowaken erst im letzten Moment über die Play-offs qualifizierten. Ein 2:1 nach Verlängerung gegen Nordirland sicherte die zweite Teilnahme in Folge. Duda traf während der Qualifikation nur einmal. „Aus meiner Sicht ist er so weit vorn nicht gut aufgehoben. Er ist ein Zehner, ganz klar“, sagt Widmayer. „Ondrej kann jederzeit einen Pass spielen, der eine komplette Abwehr auseinandernimmt. Aber dafür benötigt er Räume und das Gefühl, diese Bälle auch spielen zu dürfen.“ Sollte es Tarkovic gelingen, Duda diesen Glauben zu vermitteln, könnten den Slowaken wieder Überraschungen gelingen.

Quelle: F.A.Z.
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