Start der EM in Europa

Volksfest oder bizarre Fußball-Reise?

11.06.2021
, 15:15
Ein Jahr verspätet beginnt am Freitag die Fußball-EM auf dem gebeutelten Kontinent. Wird es das erste verbindende Fest in Europa in der Pandemie? Die Stimmung in den Spielorten reicht von heiter bis aufgeregt.

Wird es das erste verbindende Volksfest in der Pandemie oder eine bizarre Fußball-Reise durch einen gebeutelten Kontinent? Die Stimmung an den Spielstätten jenseits von München reicht von heiter bis aufgeregt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schaut in alle EM-Orte.

Ungarn: Ein volles Haus

Ungarn ist das einzige Land, in dem die Spiele vor vollem Haus stattfinden dürfen: drei Gruppenspiele und ein Achtelfinale. Das Stadion in Budapest ist nach dem einstigen Fußball-Heroen Ferenc Puskás (1927–2006) benannt. 2017 errichtet, hat die Arena 67.000 Sitzplätze. Ungarische Fans dürfen nur hinein, wenn sie eine Impfung oder eine Genesung nachweisen können. Die Regierung in Budapest hält dieses Vorgehen wegen des vergleichsweise großen Impffortschritts für verantwortbar und praktikabel.

Fußball-EM

Jeder zweite Einwohner hat bereits einen ersten Stich erhalten. Ausländische Besucher erhalten auch dann Zutritt, wenn sie einen PCR-Test in ungarischer oder englischer Sprache vorlegen, der nicht älter als 72 Stunden ist. Zu den Besuchern dürfte auch die politische Elite des Landes zählen, allen voran der fußballbegeisterte Ministerpräsident Viktor Orbán. Zufällig beendet das Parlament dieses Jahr seine Frühjahrssitzung rechtzeitig zu den Gruppenspielen der ungarischen Mannschaft. (löw.)

Niederlande: „Alles Oranje“

Pandemie hin, Ärger über Trainer und Spielsystem her, die Niederlande sind im Oranje-Fieber. Nach zwei verpassten Großturnieren kann diese ehrgeizige Fußballnation endlich wieder in ihre Lieblingsfarbe eintauchen. Sogar drei Heimspiele vor 16.000 Zuschauern wird die Elftal in Amsterdam absolvieren, während die Anhänger ohne Tickets ihre Grillbuffets mit orangenen Würstchen und orangenen Salaten ausstaffieren. „Im ganzen Land ist alles Oranje“, sagt der ehemalige Nationalspieler Youri Mulder, von der Fußballdepression anderer Nationen ist hier nichts zu spüren.

Auf der Titelseite der einzigen Boulevardzeitung des Landes bekunden Fans ihren Glauben an den Titelgewinn, statt Bedenken wegen der Ansteckungsgefahr beim gemeinsamen Fußballschauen zu formulieren; das Land sehnt sich nach einem großen Fußballsommer. „Die Euphorie ist enorm, und der Kommerz macht kräftig mit, weil alle Möbelhäuser und Supermärkte von oben bis unten orange geschmückt sind“, sagt Mulder. (dat.)

Spanien: „Impfvordrängler“

In Spanien geht es vor dem EM-Auftakt gegen Schweden am Montag in Sevilla mehr um Covid-19 als um die Aufstellung oder die Spieltaktik. Nachdem Sergio Busquets positiv und Diego Llorente offenbar falsch positiv getestet worden sind, hat das Land tagelang darüber diskutiert, ob das Team nicht doch geimpft werden sollte. Spanien glänzt zwar mit sehr guten Impfquoten in höheren Altersgruppen – 90 Prozent der über 50-Jährigen haben inzwischen wenigstens eine Dosis erhalten. Jüngere kommen aber erst zum Zuge, wenn die älteren Gruppen durch sind.

Tippspiel zur Fußball-EM
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Damit werden die Profifußballer in den Augen mancher zu „Impfvordränglern“. Sie repräsentieren das Land, daher werden sie geimpft: So reagierte die Regierung mit einem Machtwort – wenn auch sehr spät. Schließlich ist die Immunität erst eine Woche nach der zweiten Dosis gewährleistet, das wäre zum Halbfinale am 6. Juli. Sollten sich weitere Spieler infizieren, steht eine Art B-Elf mit elf U-21-Spielern in einer separaten Blase bereit, um den EM-Kader aufzustocken. Die ursprünglich als EM-Test vorgesehene Begegnung mit Litauen bestritt bereits die U 21. Sie gewann 4:0. (kell.)

Italien: Fan-Feste und Public Viewing

Im Land des viermaligen Weltmeisters ist es eigentlich wie immer vor einem großen Turnier – also fast wie in den Zeiten vor der Pandemie. Es steigt die Fieberkurve der nationalen Erregung. Die Zeitungen vertreiben Sonderbeilagen mit allen erdenklichen Informationen zur Squadra Azzurra. In Tankstellenshops wird die Nationalflagge zum Sonderpreis verkauft. Die Fernsehreporter berichten atemlos aus dem Mannschaftsquartier im Trainingszentrum Coverciano bei Florenz.

In Rom, wo Italien neben dem Eröffnungsspiel gegen die Türkei an diesem Freitag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-EM, in der ARD und bei MagentaTV) auch seine weiteren Gruppenspiele gegen die Schweizer und die Waliser im Stadio Olimpico vor 16.000 gewiss enthusiastischen Zuschauern austragen darf, wird es Fan-Feste, Public-Viewing-Zonen und ein veritables „Football Village“ auf der Piazza del Popolo geben. Die Gastronomie in ganz Italien erwartet sehnlichst Kundschaft. Das Land schüttelt die Last des Virus ab, wird bald komplett zur „weißen Zone“ mit dem geringsten Infektionsrisiko und kaum noch Einschränkungen. Forza Italia! Unter verschwiegenen Azzurri-Fans gilt die Squadra als Geheimfavorit auf den Titel. Es wäre der zweite seit 1968. (rüb.)

England und Schottland: Nicht nur Momente

In Südostlondon ist eine ganze Wohnsiedlung von oben bis unten mit dem roten Georgskreuz beflaggt. Das rote Georgskreuz flattert auch wieder an den Fahrzeugen von „white van man“, dem stereotypen patriotischen Kleingewerbebetreiber, der wider seinen natürlichen Pessimismus gegenüber seiner Mannschaft dennoch hofft, dass der Fußball nach 55 Jahren des Schmerzes nach Hause kommt, wie es in der Fußballhymne von 1996 heißt.

Diesmal geht die englische Nationalelf zu den Hip-Hop-Klängen von Krept und Konan ins Gefecht. Mit ihrer neuen Hymne suchen die Südlondoner Rapper die Diversität des England von heute für ein Turnier zu erfassen, das vor dem Hintergrund der aktuellen Kolonialismusdebatte als Barometer des demographischen Wandels empfunden wird.

Dieser spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der jungen und vielfältigen Mannschaft, die Trainer Gareth Southgate in einem churchillhaften Appell ermahnte, nicht nur Momente zu erzeugen, an die man sich immer erinnern könne, sondern sich auch ihrer Verantwortung als Vorbild für einen progressiven Patriotismus bewusst zu sein.

Dieser dürfte spätestens am 18. Juni auf die Probe gestellt werden, wenn die „Tartan Army“, die schottischen Fans, oder der Teil davon, der geimpft ist oder ein negatives Testergebnis vorweisen kann, ins Wembley-Stadion einzieht für die Begegnung mit dem „alten Feind“ England in dem ersten großen Turnier, für das sich die „Bravehearts“ seit 23 Jahren qualifiziert haben. (gt.)

Dänemark: Heiße Wochen

Sommer und Fußball – das ist für die Däninnen und Dänen der Start in vier heiße Wochen mit guter Laune, kalten Getränken, lauten Gesängen. Sie sind gern gesellig, und am liebsten feiern sie Siege von „vores drenge“: „Unsere Jungs“ heißen diesmal Kasper Schmeichel, Christian Eriksen und Yussuf Poulsen. Bis ins Viertelfinale soll ihr Weg allemal gehen, schließlich genießt Trainer Kasper Hjulmands Team den Heimvorteil im Kopenhagener „Parken“. Dort treten zunächst Finnland, Belgien und Russland als Gegner an. Mitveranstalter ist die Dansk Boldspil-Union (DBU), stolzer Teil der paneuropäischen Euro.

Dank restriktiver Corona-Politik war das Leben unseres nördlichen Nachbarn schon länger freier, zuletzt aber zerstoben Hoffnungen: nicht 25.000 wie am Donnerstag von der Regierung erlaubt, sondern 15.900 Fans werden am Samstag für das Spiel gegen Finnland Zugang zum „Parken“ haben. Mehr bekam die DBU auf die Schnelle nicht organisiert. Immerhin dürfen Restaurants, Bars, Kneipen bis Mitternacht Alkohol ausschenken – damit das Publikum beim Elfmeterschießen nicht auf dem Trockenen sitzt. (fei.)

Aserbaidschan: Im Krieg

In Baku gibt es Wichtigeres als Fußball. Das hat der russische Kommentator Nobel Arustamjan vom Rechteinhaber Match TV erfahren. Seine Akkreditierung wurde zunächst abgelehnt. Warum auch sollte Pressefreiheit herrschen bei der EM? Aserbaidschan wird auf Platz 167 geführt in der Rangliste von „Reporter ohne Grenzen“. Dort heißt es: „Nicht befriedigt davon, dass er jede Form von Pluralismus erdrückt hat, führt Präsident Ilham Alijew seit 2014 einen unablässigen Krieg gegen seine verbleibenden Kritiker.“ Der zeitliche Aspekt ist relevant: 2013 begann die staatliche Ölfirma Socar das Sponsoring der UEFA, das jüngst still zu Ende ging. 2015 waren die Europa-Spiele zu Gast, seit 2016 rast die Formel 1 durch Baku, 2019 gab es ein Europapokal-Endspiel.

Nun drei Gruppenspiele, ein Viertelfinale. Während Alijew Krieg führt, stehen Sportverbände Schlange. Arustamjan bekam zunächst keine Akkreditierung, weil er, armenischer Abstammung, Nagornyj Karabach bereist hat. Um das Gebiet haben Alijews Truppen im Herbst erfolgreich gekämpft. Im April ließ er im Zentrum von Baku den Kriegstrophäenpark eröffnen, in dem Puppen den Feind darstellen. Der Auftrag an die Gestalter: Die Armenier sollten möglichst hässlich aussehen. Doch bei dieser EM gibt es einen mächtigeren Spieler als Alijew: das russische Außenministerium gab am Donnerstag bekannt, Arustamjan habe seine Akkreditierung noch bekommen. (chwb.)

Rumänien: Ohne uns

Bukarest ist gerüstet. Aber für wen? Die Fußballfans der rumänischen Hauptstadt, die Anhänger des europaweit bekannten Klubs Steaua (FCSB Bukarest) und die von Dinamo, machen eher lange Gesichter. Die eigene Nationalmannschaft muss bei der EM zuschauen, wenn andere zu vier Spielterminen in die Metropole reisen. Kicken ohne uns auf unserem Platz? Am Sonntag spielt Österreich gegen Nordmazedonien in der schmucken „Arena Nationala“. Dazu kommt eine Partie der Alpenrepublik gegen die Ukraine.

Es gibt – auf den ersten Blick – attraktivere Kombinationen. Im Achtelfinale könnten stärkere Nationen ihre Kunst am Ball vorführen. Die Organisatoren rechnen auch ohne nationale Beteiligung auf dem Rasen mit einem Fußball-Fest. 13.000 Zuschauern gewährt die Regierung Eintritt. Das entspricht mehr als 25 Prozent der maximalen Auslastung (55.600). Sie wirbt mit ihrer Corona-Politik. 10,2 betrug die Inzidenz Mitte Mai landesweit. In Bukarest lag der Wert Anfang Juni bei 26,89: Hereinspaziert ins Theater des Fußballs. Vorsichtige Öffnungen treffen auf die Freude der Bürger an Unterhaltung und Geselligkeit – als interessierte Zuschauer. (F.A.Z.)

Russland: Schlangen vor Kliniken

Drei Jahre nach der WM kommt wieder ein großes Turnier nach Russland, wenn auch nur in eine Stadt, Sankt Petersburg. In der für sehr viel Geld neu errichteten, 2017 eingeweihten Arena finden sechs Gruppenspiele und ein Viertelfinale statt; erste Begegnung ist am Samstag die Russlands mit Belgien. Viel Aufsehen hat das Turnier in Russland bisher nicht erregt. Allenfalls ereifert man sich über die Ukraine, genauer: über das Trikot des Nachbarlandes. Russland annektierte 2014 die ukrainische Halbinsel Krim und unterhält die „Volksrepubliken“ von Donezk und Luhansk im Donbass.

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Doch das Trikot der Ukraine beinhaltet die völkerrechtlich anerkannten Grenzen des Landes, einschließlich Krim und „Volksrepubliken“. Das erboste Moskauer Machtvertreter, die an die Europäische Fußball-Union (UEFA) appellierten, weil sie das Trikot gebilligt hatte. Die UEFA verlangte am Donnerstag nur, den innen am Kragen angebrachten Aufdruck „Ehre unseren Helden“ zu entfernen, weil die Formulierung als politische Botschaft zu werten sei. Kein Thema ist die epidemiologische Lage. Die Infektionszahlen sind am Donnerstag auf 859 neue Fälle in Sankt Petersburg gestiegen, zudem wurde über Schlangen von Krankenwagen vor Kliniken berichtet. (frs.)

Quelle: F.A.Z.
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