Italiens Fußball-Auftakt

Der Glanz von Rom soll auf diese EM strahlen

Von Matthias Rüb, Rom
12.06.2021
, 10:28
Italien glückt der Start in die EM – mit einer beherzten Squadra und einem Fest der Harmonie. Der Drang zum nationalen Aufbruch ist zu spüren. Auf das Team aber wartet die erste wirkliche Prüfung noch.

Schöner geht’s nicht: Mit einem Auftakt nach Maß begann am Freitag in Rom die Endrunde der Fußball-Europameisterschaft. An diesem Samstag wird das transkontinentale Spektakel in Baku, Kopenhagen und Sankt Petersburg fortgesetzt. Und wenn bis zum Finale im Londoner Wembley-Stadion vom 11. Juli auch nur einige Strahlen des Glanzes von Rom übrigbleiben, dann kann aus diesem schon vorab als potentielles Superspreader-Event bekrittelten Turnier in elf Ländern ein veritables Fußballfest werden.

Fußball-EM

Wer den Tag der Vorfreude in der Ewigen Stadt erlebt und am Abend das Spiel im Olympiastadion verfolgt hat, muss sich einen solchen Erfolg von Herzen wünschen. Aber gerade in Deutschland scheinen viele nach anderthalb Jahren Pandemie vor lauter belehrendem Warnen das befreiende Wünschen verlernt zu haben. Nicht so in Italien, wo das aus China stammende Virus bekanntlich in Europa zuerst und zunächst auch am schlimmsten gewütet hatte.

Es begann schon mit dem Wetter. Schönster Sonnenschein, ein wenig schwül gegen Nachmittag, etwas Abkühlung zum Abend hin. Selbst Wettergott Jupiter zeigte sich als Tifoso: Gewitter mit Starkregen tobten am frühen Abend mancherorts in der Hauptstadtregion Latium und in Rom, aber die Gegend um das Stadio Olimpico an der Viale dei Gladiatori blieb verschont.

Die Italiener sind ohnehin hellwach

Den ganzen Tag feierten italienische und türkische Fans in ganz Rom gemeinsam, im „Football Village“ an der Piazza del Popolo herrschte Volksfeststimmung. Die Eröffnungsfeier hielt die Balance zwischen frugal und furios. Italiens Nationaltenor Andrea Bocelli sang „Nessun Dorma“ (Keiner schlafe!) aus Puccinis Turandot, doch die Nation war ohnedies hellwach. Weitere Musik, einschließlich des offiziellen EM-Lieds „We Are The People“ (Wir sind das Volk), boten U2-Sänger Bono, Gitarrist The Edge und DJ Martin Garrix.

Als ersten Akt des unvermeidlichen Schnickschnacks gab es Feuerwerk, verbunden mit erheblicher Emissionsentwicklung im Stadion und in der Umgebung. Dafür verlief der zweite Akt Schnickschnack emissionsfrei: Der Adidas-Spielball wurde kurz vor dem Anpfiff von einem ferngesteuerten, kleinen Modellauto des Turniersponsors Volkswagen zum Mittelkreis gefahren, selbstredend ein Elektrofahrzeug.

Das offizielle Spielgerät der EM trägt den Namen „Uniforia“. Das Kunstwort, so erfährt man, setzt sich zusammen aus den Begriffen „Unity“ (Einheit) und „Euphoria“ (Begeisterung). So viel Einheitsbegeisterungsfolklore muss offenbar sein in einer vom Virus heimgesuchten Zeit, die unseren Kontinent mit inneren und äußeren Abgrenzungen gezeichnet hat wie seit Menschengedenken nicht mehr.

Wie es wirklich im (post)pandemischen Europa um der Begeisterung bestellt ist, zeigten beide Mannschaften beim inbrünstigen Absingen ihrer jeweiligen Hymnen: des türkischen „Istiklal Marsi“ (Unabhängigkeitsmarsch) und des italienischen Nationallieds „Fratelli d’Italia“ (Brüder Italiens). Kann man sich vorstellen, dass jemals das Europalied (Freude schöner Götterfunken) von 22 Männern (oder Frauen) auf dem Rasen, von zehntausenden Zuschauern auf den Rängen und womöglich Millionen vor den Bildschirmen so von Herzen herausgebrüllt wird?

Jedenfalls ist in Italien, gut anderthalb Jahre nach dem Ausbruch der Pandemie in der norditalienischen Region Lombardei, nach drei Infektionswellen und zwei landesweiten Lockdowns, der Drang zum nationalen Aufbruch zu spüren. Von Montag an gilt die Hälfte aller zwanzig Regionen des Landes, wo zwei Drittel der knapp 60 Millionen Einwohner des Landes leben, als „weiße Zone“ mit dem geringsten Ansteckungsrisiko und den wenigsten Einschränkungen.

Faktisch ist ganz Italien wieder „offen“, mit den Kontrollen von Impfpass und Testbescheinigung nimmt man es nicht mehr so genau. Prompt kam es am frühen Freitagnachmittag auf der „Autostrada del Sole“ zwischen Rom und Neapel zu einem gewaltigen Stau: Zur ersten Reisewelle der Saison Richtung Süden waren viele so frühzeitig aufgebrochen, dass sie rechtzeitig zum Anpfiff um 21.00 Uhr vor dem Fernseher im Feriendomizil oder im Restaurant sitzen würden.

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Und das Spiel selbst? Natürlich zeigte die von Trainer Roberto Mancini gut ein- und aufgestellte Squadra Azzurra, die ganz in Weiß antrat, gegen die Türken im roten Trikot nicht die überragende Leistung, die von den Zeitungen tags darauf bejubelt wurde: Da war von Feuerwerk und Spektakel die Rede, von einem „glänzenden Debüt“, gar von einer „magischen Nacht“. In Wahrheit war die erste Halbzeit ein klassisches Eröffnungsspiel, mit halbstündigem Abtasten und zähem Ballgeschiebe. Erst gegen Ende der ersten Hälfte kamen die Italiener gegen insgesamt erschreckend schwache, aber zunächst abwehrstarke Türken zu nennenswerten Torchancen.

Das Bollwerk der Türken und den Bann der Italiener brach, acht Minuten nach Wiederanpfiff, vielleicht nicht zufällig der türkische Innenverteidiger Merih Demiral, der bei Juventus Turin unter Vertrag steht, mit einem Eigentor. Die scharfe Flanke von Domenico Berardi (Sassuolo Calcio) von rechten Eck des Fünf-Meter-Raums wäre sonst an Freund und Feind vorbei und wohl ins Seitenaus geraucht.

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Die beiden weiteren Tore besorgten ordnungsgemäß die Torjäger Ciro Immobile (66. Minute) von Lazio Rom mit einem Abstauber nach einem starken Schuss des herausragenden Linksverteidigers Leonardo Spinazzola (AS Rom) und Lorenzo Insigne (79.) vom SSC Neapel mit einem schönen Schlenzer ins lange Ecke nach einem katastrophalen Zuspielfehler des türkischen Torhüters Ugurcan Cakir und einer kurzen Ballstafette in den Strafraum.

Die Schlüsselszene des gesamten Spiels, des 28. In Serie ohne Niederlage für die Squadra Azzurra und des neunten Sieges ohne Gegentor nacheinander, ereignete sich in der zweiten Minute der Nachspielzeit. Da blockte Kapitän Giorgio Chiellini von Juventus Turin den ersten nennenswerten Schuss der Türken aufs italienische Tor, und gemeinsam mit Torhüter Gianluigi Donnarumma (künftig Paris Saint-Germain) führte Chiellini (in seinem 108. Länderspiel) einen Triumphtanz auf, als hätte man soeben den zweiten EM-Titel für Italien (nach 1968) errungen.

Fazit: Bei Italien steht in der Abwehr „il muro“ um den jungen und dennoch überaus souveränen Torhüter Donnarumma sowie die Juventus-Routiniers Chiellini und Leonardo Bonucci. Im Mittelfeld führen Jorginho vom Champions-League-Sieger Chelsea und der vor Spielfreud sprühende Nicolò Barella vom Meister Inter Mailand Regie. Und auch im offensiven Mittelfeld sowie im Sturm kann Trainer Mancini aus dem Vollen schöpfen: Neben den Startelfspielern Immobile und Insigne stehen ihm in Federico Chiesa und Federico Bernardeschi (beide Juventus Turin) sowie dem unermüdlichen Andrea Belotti (FC Turin) fast gleichwertige Alternativen zur Verfügung.

Die erste wirkliche Prüfung für Italien steht am 16. Juni (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-EM, in der ARD und bei MagentaTV), wieder in Rom, gegen die Schweiz bevor. Erklärtes, aber nicht vermessenes Ziel der Squadra ist es, die Siegesserie bis zum 11. Juli in London fortzusetzen und dortselbst zu verlängern. Die Türken könnten bei ihrem zweiten Spiel, ebenfalls am 16. Juni in Baku (18.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-EM, in der ARD und bei MagentaTV), gegen die Waliser schon vor dem Aus stehen.

Eröffnungsspiel: Weniger TV-Zuschauer als bei EM 2016

Die erste Partie der Fußball-Europameisterschaft hat deutlich weniger TV-Zuschauer erreicht als das Eröffnungsspiel der vorherigen EM. Durchschnittlich 9,83 Millionen sahen am Freitagabend den 3:0-Sieg Italiens gegen die Türkei in der ARD und sorgten nach Angaben des Senders für einen Marktanteil von 36,9 Prozent. Die Übertragung war damit Quotensieger des Tages und die bisher erfolgreichste Sportsendung des Jahres, blieb jedoch deutlich hinter den Werten der EM 2016 in Frankreich.

Das Spiel des Gastgebers gegen Rumänien hatten damals durchschnittlich 15,473 Millionen Menschen im ZDF gesehen. Der Marktanteil lag bei 50,0 Prozent. Die EM-Vorberichterstattung der ARD schauten am Freitag 5,10 Millionen (Marktanteil 22,6 %). Nach dem Eröffnungsspiel schalteten die meisten Zuschauer ab, nur noch 1,71 Millionen (12,9 %) wollten den „Sportschau-Club“ sehen. (dpa)

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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