Start der Fußball-EM

Erstaunliche Wiederbelebung der Italiener

Von Julius Müller-Meiningen, Rom
11.06.2021
, 15:17
Schwere Aufgabe: Italiens Trainer Roberto Mancini
Italien fährt zur EM-Eröffnung und auf dem Platz auf. Roberto Mancinis Squadra Azzurra spielt frisch, mutig und sehr erfolgreich. Doch der Härtetest steht noch aus.
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Fünf Jahre ist es her, dass ein italienischer Fußballspieler bei einem großen Turnier gegen den Ball treten durfte. Manche erinnern sich noch an Simone Zaza, seinen eigenwilligen Anlauf beim Elfmeterschießen im Viertelfinale der EM 2016 zwischen Deutschland und Italien.

Fußball-EM

Zaza, der damals den Ball in den Himmel von Bordeaux drosch, wurde zur Lachnummer, Italien schied aus. Es folgte die „russische Apokalypse“ (Gazzetta dello Sport), also die Tatsache, dass Italien sich erstmals nach 60 Jahren nicht für eine Weltmeisterschaft, in diesem Fall die WM 2018 in Russland, qualifizierte. An diesem Freitag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-EM, in der ARD und bei MagentaTV) meldet sich Italien zurück. Die „squadra azzurra“ trifft im Eröffnungsspiel der wegen der Pandemie um ein Jahr verschobenen EM 2020 in Rom auf die Türkei.

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Star-Tenor Andrea Bocelli

Für die Rückkehr in den erlauchten Kreis bietet das Land auf, was es zu bieten hat: Die Big Band der italienischen Staatspolizei soll zur Eröffnung spielen, Star-Tenor Andrea Bocelli wird eine Arie aus Turandot singen, die Fliegerstaffel der italienischen Luftwaffe wird Kondensstreifen in den italienischen Nationalfarben am Himmel über dem Stadion hinterlassen. Auf den Rängen werden wegen der Corona-Einschränkungen etwas mehr als 14.000 Zuschauer erwartet.

Im Stadio Olimpico war es auch, als das letzte Mal ein bedeutendes Turnierspiel in Italien ausgetragen wurde, vor 31 Jahren bei der WM 1990. Zuletzt waren viele italienische Tränen geflossen. „Jetzt sollen die anderen weinen“, verfügte die Gazzetta dello Sport. Die an ihre Grenzen gestoßene „squadra azzurra“ hat seit dem Debakel 2018 eine erstaunliche Wiederbelebung erfahren. Sie droht vor allem bei einem guten EM-Start gar in Enthusiasmus umzuschlagen.

Noch haben nicht alle Italiener ihre relativ unbekannte Mannschaft auf dem Schirm. Einige Freizeitfußballer, etwa in Rom, spielen am Freitag lieber selbst als Italien-Türkei zu gucken. Doch die Fachwelt ist voll des Lobes für das Team von Trainer Roberto Mancini und dessen attraktive Spielweise. „Mancini hat eine großartige Gruppe geschaffen“, sagte Ex-Nationaltrainer Antonio Conte, „wir können an sie glauben.“

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Kreis der Favoriten

Die Bilanz der italienischen Nationalmannschaft ist so außerordentlich, dass manche das Team sogar zum Kreis der Favoriten zählen, die Mannschaft sei ein Kandidat für das Halbfinale, heißt es. Mancini selbst hat das Endspiel in Wembley als Ziel ausgegeben. Seit 27 Spielen hat Italien nicht mehr verloren, die letzten acht Begegnungen gewann die Mannschaft sogar, ohne dabei ein einziges Gegentor hinnehmen zu müssen. Wer von Mancinis Mannen klassischen italienischen Ergebnisfußball erwartet, täuscht sich. Das junge Team begeistert durch seinen offensiven Drang.

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Nach der verpassten Qualifikation für die WM 2018 und dem Rauswurf von Coach Gian Piero Ventura übernahm Roberto Mancini im Mai 2018. Mancini stammt aus Jesi bei Ancona in den Marken, war als Spieler selbst bei Sampdoria Genua und Lazio Rom aktiv, er nahm an der WM 1990 im eigenen Land teil, ohne ein einziges Mal zum Einsatz zu kommen. Als Trainer führte er Inter Mailand nach fast 20 Jahren wieder zum Gewinn der Meisterschaft, Manchester City bescherte er gar nach 42 Jahren wieder den nationalen Titel. Später coachte er Galatasaray Istanbul und Zenith Sankt Petersburg.

Größte Herausforderung

Die Arbeit mit der „squadra azzurra“ wirkt wie die bislang größte Herausforderung für ihn. Mancini ließ mehr als 30 Spieler debütieren. Sein Mantra lautete: „Die Tür steht für alle offen.“ Herausgekommen ist ein überzeugender Kader mit Abwehr-Routiniers wie Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini, den Stürmern Ciro Immobile (Lazio Rom, früher Borussia Dortmund) und Lorenzo Insigne (SSC Neapel). Geprägt wird die Mannschaft jedoch von einem Kreis eher unbekannter, aber effizienter Spieler wie Manuel Locatelli, Nicolò Barella oder Domenico Berardi.

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Mancinis Führungsstil ist locker, aber ernst. Vor allem die jungen Spieler sollen sich bestens verstanden fühlen von dem 56-Jährigen. Vom alten Stereotyp des italienischen Sicherheits-Fußballs ist bei Mancini scheinbar nichts mehr übrig geblieben. „Wir sind eine offensive Mannschaft“, sagt der Coach, „wir müssen angreifen“. Mancinis Mannschaft setzt auf Ballbesitz, hohes Pressing und schnelle Rückeroberungen des Balls. Im letzten Testspiel vor dem Turnier, beim 4:0-Sieg gegen Tschechien vor einer Woche, war dieser in dreijähriger Arbeit absorbierte Stil phasenweise eindrucksvoll zu sehen.

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Der Corriere della Sera schwärmte von einer „kompletten und reifen Mannschaft“. Kern ist das Mittelfeld, in dem der verletzte Spielmacher Marco Verratti (Paris Saint-Germain) erst im Turnierverlauf eingreifen soll. Zweiter Regisseur vor der Abwehr ist der 29-jährige Jorginho, der mit dem FC Chelsea gerade die Champions League gewann. Nicolò Barella (Inter Mailand) hat sich in der vergangenen Saison einen Namen als unermüdlicher Mittelfeld-Motor gemacht.

Frühe Qualifikation

In der EM-Qualifikation gelangen Mancinis Team zehn Siege in zehn Spielen, Italien qualifizierte sich bereits drei Spieltage vor Schluss für das Turnier. Die düsteren Erinnerungen an die jüngere Zeit wirken wie weggeblasen. Doch die Schwächen der Mannschaft sind offenkundig. Kapitän und Abwehr-Routinier Chiellini wird bald 37 Jahre alt und ist verletzungsanfällig, in Mittelfeld und Sturm fehlt einigen Spielern körperliche Robustheit und Größe.

Das größte Manko für Italien liegt in der Unerfahrenheit seiner Akteure. Fünf Spieler aus der wahrscheinlichen Anfangsformation gegen die Türkei haben noch nie bei einem großen Turnier gespielt. Was Italien unter Mancini bislang auch vorenthalten blieb, ist ein Kräftemessen mit einer der Top-Mannschaften Europas. Alleine die Niederlande wurden im September 1:0 besiegt. Ob Mancinis Konzept auch gegen Spitzenteams aufgehen kann, weiß niemand. Die EM wird es zeigen.

Quelle: F.A.Z.
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