WM-Qualifikation

Die Schweizer mit magischer Energie

Von Daniel Theweleit
16.11.2021
, 17:32
Große Freude: Die Nationalmannschaft der Schweiz ist für die Weltmeisterschaft qualifiziert.
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2021 ist nicht nur das aufregendste Jahr in der Fußballgeschichte der Schweiz, sondern auch das weitaus erfolgreichste. Nach der Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Qatar reifen die Träume.
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Augenblicke des puren Fußballglücks erlebten die Schweizer während der achtminütigen Nachspielzeit der Partie gegen Bulgarien am Montagabend. Das gleichzeitig ausgetragene Duell der Italiener in Nordirland war abgepfiffen, auch die letzten Zweifel waren nach dem 0:0 des amtierenden Europameisters in Belfast ausgeräumt. Die Schweiz ist als Gruppenerster vor Italien direkt für die WM in Qatar qualifiziert. Nicht nur das Publikum in Luzern, auch die Leute von der Auswechselbank rangen um Fassung, lagen sich in den Armen, feierten die letzten Aktionen eines denkwürdigen 4:0-Siegs.

Das Flutlicht strahlte, Zuschauer schwenkten ihre Kuhglocken. „Das ist ein unglaublicher Moment“, sagte Trainer Murat Yakin, als auch hier der Schlusspfiff ertönt war und eine erhebende Erkenntnis reifte: 2021 ist nicht nur das aufregendste Jahr in der bisherigen Fußballgeschichte der Schweiz, sondern nach diesem Coup auch das erfolgreichste.

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Beim EM-Turnier im Sommer hatte die „Nati“ im Achtelfinale gegen Weltmeister Frankreich einen 1:3-Rückstand aufgeholt und im Elfmeterschießen gewonnen. Dieses Erlebnis galt als Gipfelsturm, erstmals seit 1954 stand die Mannschaft im Viertelfinale eines großen Turniers, wo dann erst im Elfmeterschießen gegen Spanien Schluss war. Trainer Vladimir Petkovic trat anschließend auch in der Annahme zurück, dass mit dieser kleinen Nation nicht viel mehr möglich ist.

© Twitter

Umso erstaunlicher ist die Entwicklung unter Nachfolger Yakin, der keines seiner sieben Spiele als Coach verlor und nun diesen neuen Erfolg feiern kann. „Dass wir Italien hinter uns lassen, hätte uns vor drei Monaten niemand zugetraut“, sagte der 47 Jahre alte Fußballlehrer, der einst als Profi beim VfB Stuttgart und dem 1. FC Kaiserslautern gespielt hat.

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Trotz des Ausfalls von sieben Stammkräften, zu denen die Bundesligaspieler Breel Embolo und Nico Elvedi (beide Mönchengladbach), der gesperrte Manuel Akanji (Dortmund) sowie Kapitän Granit Xhaka von AS Rom zählten, spielten die Schweizer mit der Souveränität einer großen Mannschaft. Angetrieben von Denis Zakaria, entwickelten sie ein ausdauerndes Offensivfeuerwerk, das Ziel lautete: zwei Tore höher zu gewinnen als Italien in Belfast.

„Ich muss der Mannschaft ein Kompliment machen“

Allein in der ersten Halbzeit erspielten die Schweizer sich zwölf Eckbälle, schossen zehnmal aufs Tor und standen hinten zugleich stabil. Nach der Pause fielen dann die vier hochverdienten Treffer durch Noah Okafor, Ruben Vargas, Cedric Itten und Remo Freuler. Zwei weitere Treffer wurden wegen knapper Abseitsstellungen annulliert.

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„Ich muss der Mannschaft ein Kompliment machen für das, was sie geleistet hat in dieser Kampagne und wie sie gespielt hat“, sagte Xherdan Shaqiri, der sein 100. Länderspiel absolviert hatte und am Ende mit Sprechchören gefeiert wurde. In der Vergangenheit haben die Schweizer bereits Qualifikationsrunden vor Teams wie Dänemark, Island oder Griechenland abgeschlossen, aber noch nie standen sie am Ende in einer Gruppe vor einer der richtig großen Fußballnationen wie Deutschland, Frankreich oder Italien. Nun haben sich auch das geschafft, und die Italiener dienten sogar als eine Art Vorbild.

Schon vor dem Spiel gegen Bulgarien herrscht eine positive Atmosphäre im Training der Schweizer.
Schon vor dem Spiel gegen Bulgarien herrscht eine positive Atmosphäre im Training der Schweizer. Bild: Picture-Alliance

Im EM-Sommer wurde das Team von Trainer Roberto Mancini ohne große Stars, dafür aber beflügelt von der Kraft eines echten Zusammenhaltes zum EM-Titel getragen. Diese magische Energie wirkt nun bei den Schweizern, auch wenn etwas „Glück“ im Spiel war, wie Torhüter Yann Sommer anmerkte. „Italien verschießt zwei Elfmeter, das Ganze könnte auch ganz anders aussehen. Es ist viel für uns gelaufen.“

Die direkten Duelle mit den Italienern endeten 0:0 und 1:1, und in beiden Partien vergab Jorginho einen Strafstoß. Am vorigen Donnerstag hatte der Mittelfeldspieler vom FC Chelsea in der 90. Minute sogar die Möglichkeit, sein Land mit einem erfolgreichen Schuss direkt zum Sieg und zur WM zu schießen, doch der Ball flog über Sommers Tor hinweg in den Himmel von Rom. Psychologisch war das ein Schlüsselmoment.

Die Italiener gaben sich ihren Selbstzweifeln hin, und in der Schweiz schwebten nicht nur die Spieler, Shaqiri sagte: „Heute, das war etwas fürs Volk!“ Die 14.300 Menschen in der kleinen Luzerner Arena ließen sich mitreißen und entwickelten eine beeindruckende Wucht. „Das braucht es im Sport“, sagte Yakin, man müsse „jeden Tag dankbar sein, solche Momente zu erleben“. Es schien, als habe der Trainer das ohnehin schon recht selbstbewusste Team regelrecht entfesselt, jedenfalls verriet er noch ein interessantes Detail zu seiner Arbeitsweise: „Es gibt bei mir keinen Plan. Ich gehe einen mutigen Weg mit dem, was ich spüre. Ich funktioniere nicht nach Schema.“

Mit dieser Attitüde sei es gelungen, „zusammen mit seiner Mannschaft das Gefühl des Sommers in den November hinüberzutragen“, schreibt der Tagesanzeiger und lobt den nationalen Fußballverband für die Wahl dieses Trainers. Nun müssen sie ihr Erfolgsgefühl allerdings ein weiteres Jahr konservieren, einfach wird das nicht, wie das Beispiel der Italiener zeigt.

Quelle: F.A.Z.
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