Deutsches Glück?

Globaler Stammtisch

Von Roland Zorn, Leipzig
12.12.2005
, 12:00
Die Auguren und die WM-Auslosung: Fußball wäre wohl kaum derart populär, wenn seine großen Duelle nicht schon vorher in den Köpfen der Menschen ausgespielt werden könnten.
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Alle Welt hatte dem Moment entgegengefiebert, da wieder der globale Stammtisch gefragt war. Nach der zeremoniellen Auslosung der Gruppenspiele zur Weltmeisterschaftsendrunde 2006 am Freitag abend in Leipzig setzte endlich die große Spekulation ein. Welcher Gegner wem im kommenden deutschen Sommer nützen oder schaden könne, fragten sich die Auguren mit einer kennerhaften Gründlichkeit, die leidenschaftlichen Fußballern zu eigen ist, wenn sie ihren festen Glauben mit gesichertem Wissen verwechseln und aus einer vagen Ahnung eine konkrete Vorhersage abzuleiten versucht sind.

Der Strom der Wertungen und Kommentare schwoll, ausgehend von den vermutlich Begünstigten oder vermeintlich Geschädigten der Los-gelösten Frage, wie sich die 32 WM-Teilnehmer auf die Gruppen A bis H verteilen würden, von Leipzig aus rund um das Universum an. Inmitten der gesammelten Erkenntnisse der Fußball-Prominenz und des Fußball-Fußvolks verdichtete sich aufs neue eine Erkenntnis: Dieser Sport wäre wohl kaum derart populär, wenn seine großen Duelle nicht schon vorher in den Köpfen der Menschen ausgespielt werden könnten.

„Da müßten Ausreden neu erfunden werden“

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Nachdem in Leipzig die manchmal leicht, manchmal leicht bemüht anmutende Fernsehshow vorüber war, faszinierte der schlichte WM-Prolog im Losverfahren aufs neue sein Massenpublikum. 320 Millionen Zuschauer rund um den Erdball jubelten, stöhnten, triumphierten oder räsonierten über einen Spielplan, der Favoriten wie Argentinien, Holland oder Italien in der Gruppenphase alles abverlangt und Gastgeber Deutschland zunächst einen, so denken die allermeisten, luftigen Sommerspaziergang beschert hat. Gegner wie Costa Rica im Münchner Eröffnungsspiel am 9. Juni, Polen in Dortmund am 14. Juni und Ecuador in Berlin am 20. Juni taugen nicht dazu, als Bedrohung empfunden zu werden. Und so ließ auch die in Leipzig mitfiebernde Neukanzlerin Angela Merkel nach dem typisch deutschen Losglück bei WM-Auslosungen wissen: "Da müßten Ausreden neu erfunden werden, wenn es bei dieser Auslosung mit dem Weiterkommen nicht klappen würde" (Siehe auch: Jürgen Klinsmann: „Nachlässigkeit wird bestraft“).

Zum Glück für die heimische Vorkampfszene verabschiedete sich der polnische Nationaltrainer Pawel Janas fürs erste mit kleinen Sticheleien vom Schauplatz der zwischen dem 9. Juni und 9. Juli pompös im Großen und hoffentlich liebenswert im Kleinen inszenierten Schauplatz der Weltparty. Sätze wie "Deutschland hat keine Stars mehr wie früher - nur noch Ballack" oder: "Die Deutschen können sich beglückwünschen, Podolski und Klose, die polnischer Abstammung sind, in ihren Reihen zu haben - sonst wäre es für sie noch schwerer", nutzte der Boulevard sogleich zu Schlagzeilen. "Polen-Trainer verhöhnt uns", titelte "Bild am Sonntag" humorlos. So oder ähnlich soll wohl Stimmung gemacht werden, wenn es das Los mit den Deutschen schon so gnädig gemeint hat, daß selbst die Widersacher der Vorrunde eher wie nette Besucher im Land der Millionen Freunde anmuten (Siehe auch: Nach der WM-Auslosung: „Deutschland kann nur verlieren“).

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Empfangskomitee in La-ola-Laune

Ob in einem Land, dessen Menschen vorweg durch Freundlichkeitskampagnen und liebliche Slogans zum Empfangskomitee in La-ola-Laune eingestimmt werden sollen, noch Platz bleibt für die alten Antagonismen des Kampfsports Fußball? Was die 32 Teilnehmer und deren Fans miteinander und gegeneinander auszumachen haben, soll zumindest strikt und unter Wahrung der Spielregeln auf die zwölf WM-Stadien begrenzt bleiben. Der Rest ist Aftershow in den Städten und Straßen des wiedervereinigten Deutschland (Siehe auch: Die Gala zur WM-Auslosung).

Franz Beckenbauer blieb es am Freitag vorbehalten, die Welt in einem "relativ kleinen Land" willkommen zu heißen. So kann vermutlich nur einer der ganz Großen dieses Sports reden, der in diesen Wochen umtriebig wie einst "Genschman" den Globus umkreist und alle 31 Länder bereist, die sich bei der 18. WM-Endrunde zu Gastgeber Deutschland gesellen. Der dreimalige Weltmeister, der laut Bundestrainer Jürgen Klinsmann den vierten Titelgewinn anstrebt, muß sich indes nicht kleiner machen, als er ist. Im Kreise der vereinten Nationen, die sich, angeführt vom Weltpokalverteidiger und fünfmaligen Champion Brasilien, zum großen Sommergipfel treffen, ist Deutschland die fünftgrößte Nation. In puncto Wirtschaftskraft und Fußball aber ist der Ausrichter schon einmal stärker gewesen als heute.

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„Man hat uns von allen Seiten gratuliert“

Zum Beispiel 1974, da die alte Bundesrepublik die WM ausrichten durfte und schließlich auch noch gewinnen konnte. Zu den Nachfahren der "Helden von Bern" aus dem Wirtschafts- und Fußballwunderjahr 1954 gehörte vorneweg Beckenbauer, der 1974 als Kapitän und 1990 als Teamchef der dritten deutschen Weltmeistermannschaft den Weltpokal ganz hoch hielt. Nun ist der Botschafter Beckenbauer weltläufig und bajuwarisch zugleich der überragende Kopf in der Charme-Offensive, mit der Deutschland die Welt für das Topereignis des kommenden Jahres umwirbt. "Man hat uns von allen Seiten gratuliert", sagte der Münchner leicht erschöpft und schwer erleichtert nach der Leipziger Woche voller Sitzungen, Pressekonferenzen, Arbeitsessen und Galadiners (Siehe auch: „Strizz“ vom 12.12.2005).

Beckenbauer und das von ihm angeführte Organisationskomitee haben ihren Job gewohnt exzellent auch in der sächsischen Messestadt gemacht. Leipzig, eine der zwölf deutschen WM-Städte 2006, präsentierte sich dazu aufmerksam, liebenswürdig und angenehm bescheiden. Am Ende kam Joseph Blatter als Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes nicht umhin, den deutschen Ausrichtern, denen er zu Beginn der vergangenen Woche die Note "zwei plus" mit einigem Wohlwollen zugestehen mochte, eine glatte "eins" in Aussicht zu stellen.

Da hätte es sich doch gut gemacht, wenn nach der Auslosung der Spiele auch die mal überglücklichen (Frankfurt), mal leidlich zufriedenen (Hamburg) Repräsentanten der WM-Städte an ihren Messeständen noch einen Tropfen Sekt, Wein oder Bier hätten ausschenken dürfen. Zapfhahn zu: Das, was danach trockene Wirklichkeit war, paßte aber auch ins Bild einer in Leipzig Konturen annehmenden Veranstaltung, bei der vieles, viel zu vieles reguliert und sogar der Frohsinn organisiert werden soll. "Freut euch doch auf diese WM", hat der abgespeckte Diego Armando Maradona den Deutschen aus Argentinien spontan zugerufen. Da braucht er sich keine Sorgen zu machen. Platz und Gelegenheit, auch die offiziell arrangierte Ausgelassenheit privat und persönlich anzureichern, bietet dieses relativ große Deutschland während "seiner" Weltmeisterschaft allemal.

Quelle: F.A.Z., 12.12.2005, Nr. 289 / Seite 23
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