Fußball-WM

Als Brasilien den Rosenberg stürmte

Von Thomas Klemm
31.05.2006
, 20:09
Fußball-WM 1974: der DDR-Linksaußen Martin Hoffmann (r.) und der brasilianische Mittelfeldspieler Paulo Cesar
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Zur Fußball-WM beziehen die Brasilianer in Königstein Quartier. Tausende Touristen werden in die Taunusstadt pilgern. Beschaulicher ging es im Jahre 1974 zu, als die Selecao und das deutsche Team im Hofheimer Hotel Am Rosenberg gastierten.
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Friedrich Flaccus sitzt im Hofheimer Hotel Am Rosenberg, dort, wo 32 Jahre zuvor Mario Zagalo und Joao Havelange, Helmut Schön und Franz Beckenbauer gesessen haben, und blättert in einem großformatigen Buch. Der schwarze Band heißt „Gästebuch der Stadt Hofheim am Taunus“, doch es ist zugleich eine der wertvollsten Sammlungen von Fußballer-Autogrammen aus dem Jahre 1974.

Roberto Rivelino und Jairzinho, als Weltmeister von 1970 ins Hessische gekommen, haben sich darin ebenso verewigt wie ihre Nachfolger Sepp Maier, Gerd Müller, Wolfgang Overath und natürlich „der Kaiser“. „Nur der Breitner fehlt“, sagt Flaccus, der damals der Hofheimer Bürgermeister war, „der wollte mit Politikern nichts zu tun haben.“ Werner Emde, damals Erster Stadtrat von Hofheim, rannte vergeblich hinter dem eigenwilligen Star des FC Bayern München hinterher. Aber Breitner war verschwunden, „angeblich weil seine Eltern zu Besuch waren und ihm das Wiedersehen wichtiger war“, erinnert sich Emde.

Fan-Ansturm auf Königstein

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1974, als Deutschland zum ersten Mal eine Fußball-Weltmeisterschaft ausrichtete, gaben sich die Weltstars die Klinke in die Hand im Hotel Am Rosenberg. Vom 6. Juni bis 19. Juni des Jahres waren die Brasilianer dort zu Gast, am 2. Juli reiste die deutsche Mannschaft an. Trainiert haben die Teams im benachbarten Kriftel, weil der Sportplatz Heide in Hofheim noch nicht fertiggestellt war. Alles geschah auf Anregung von Bundestrainer Schön, der nicht weit entfernt in Wiesbaden-Klarenthal wohnte und die ruhige Umgebung zu schätzen wußte. Zwar fuhren die brasilianischen Starkicker mit Polizeieskorte und Blaulicht ins Waldstadion, wo ihnen 1500 Menschen beim öffentlichen Training zuschauten.

„Aber das war alles kein Vergleich zu dem, was heute passiert“, sagt der mittlerweile 77 Jahre alte Emde. Gerade hat der frühere Hofheimer Stadtrat in der Zeitung gelesen, welcher Rummel derzeit im Trainingslager der Brasilianer im schweizerischen Weggis herrscht, und er ahnt, welcher Ansturm dem benachbarten Königstein vom kommenden Sonntag an wohl bevorsteht: „Das ist gar nicht zu fassen.“ Damals seien nur ein paar Neugierige zum Hotel hinaufgestiegen, sagt der heute 75 Jahre alte Flaccus, „aber es gab keinen Massentourismus“. Doch als die brasilianische Botschaft gemeinsam mit einer Fluggesellschaft des Landes zu einem Brasilianischen Abend ins Schloßhotel Kronberg geladen hatten, kamen statt der 450 geladenen Gäste beinahe 700; eine Reihe von Südamerikanern hatten noch einige Freunde mitgebracht.

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Aus der Umklammerung des Trainers heraukommen

In Hofheim hingegen schotteten sich die Brasilianer weitgehend ab, ließen eigens einen Bretterzaun rund um das Hotelgelände errichten. „Das war schon schockierend für uns“, sagt Flaccus, der zu jener Zeit gerade einmal ein Jahr als Bürgermeister amtierte. Ein Hofheimer Unternehmer hatte den brasilianischen Gästen sogar spontan ein paar Angestellte zur Verfügung gestellt, damit sie den Zaun bewachten; eine Aufgabe, die heute professionelle Sicherheitsdienste übernehmen würden. „Hoch empfindlich und sensibel“ seien weniger die Spieler als vielmehr die Offiziellen gewesen, erzählt Friedrich Flaccus. „Die wollten, daß die Mannschaft bei ihrer Vorbereitung nicht gestört wird.“ Werner Emde überwand jedoch sämtliche Hürden und Sprachschwierigkeiten durch freundliche Gesten und hatte dabei das Gefühl, „daß die Spieler heilfroh waren, daß sie mal ein bißchen aus der Umklammerung des Trainers herauskamen“.

Die meiste Zeit hatten die beiden Hofheimer Würdenträger aber mit den Verbandsfunktionären zu tun. Flaccus parlierte mit dem damaligen brasilianischen CBD-Chef Joao Havelange, der ein paar Tage später zum Fifa-Präsidenten gewählt werden sollte. Der Bürgermeister hatte dem Südamerikaner seine erfolgreiche Wahl vorausgesagt, trotz der Abwehrhaltung der Ostblockstaaten, und selbst den vierten Platz der Selecao prognostizierte Flaccus richtig. Das Abschneiden der Brasilianer bekam der Bürgermeister allerdings nur aus der Ferne mit: Als die WM begann, reiste Flaccus ins norditalienische Rosa Pineta, litt dort am Fernsehgerät an der „fürchterlichen Niederlage gegen die DDR“.

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„Als die Deutschen kamen, war mehr los“

„Heutzutage würde ein Bürgermeister der Stadt X oder Y niemals während der WM in den Urlaub fahren“, sagt Emde, der seinerseits die damalige Endrunde im eigenen Land mehrfach hautnah erleben durfte. So schenkte ihm der Dolmetscher der brasilianischen Reisegruppe unaufgefordert und unbürokratisch eine Eintrittskarte für das Eröffnungsspiel in Frankfurt. „So etwas wäre heute doch gar nicht mehr möglich, wenn es bei den VIP-Karten schon so eine Aufregung gibt“, sagt Emde, der die Eröffnungszeremonie am 13. Juni im Waldstadion mehr genoß als das folgende torlose Unentschieden zwischen Brasilien und Jugoslawien.

An die südamerikanischen Besucher erinnern die beiden früheren Stadtväter wenig mehr als ein paar Fotografien und einige Souvenirs. Die Eintrittskarte für das Eröffnungsspiel fand Emde jüngst zufällig in einem Buch, und die beiden Anstecknadeln des brasilianischen Verbandes trägt Flaccus heute auch nicht mehr am Revers. „Als die Deutschen kamen“, erinnert sich Emde, „war plötzlich viel mehr los.“ Am 2. Juli um 12.30 Uhr traf der deutsche Mannschaftsbus am Hotel Am Rosenberg ein, und diesmal hatte sogar die Polizei alle Hände voll zu tun, um die Hunderte Kiebitze von den Stars fernzuhalten.

Blick auf Beckenbauer und Co.

Der Andrang auf dem Hotelhof war sogar so groß, daß sich ein paar junge Fußballfans auf das Dach eines Holzhäuschen wagten, wo sich schon einige Pressefotografen postiert hatten. Lange konnten sie den Blick von oben herab auf Beckenbauer und Co. aber nicht genießen, denn rums! brach das Dach ein, und Fotografen und Fans landeten in den darunter lagernden Küchenabfällen des Hotelrestaurants, erzählt Emde.

Einen Tag nachdem die deutsche Mannschaft in Hofheim eingetroffen war und Werner Emde einen Wappenteller der Stadt Hofheim an Mannschaftskapitän Franz Beckenbauer überreicht hatte, mußte die DFB-Elf im Halbfinale gegen die polnische Auswahl antreten. Die „Wasserschlacht“ von Frankfurt endete 1:0, vier Tage später, nach der Weiterreise gen München, durften sich die deutschen Spieler dann Weltmeister nennen. Ihre Autogramme finden sich weit vorne im Hofheimer Gästebuch; zwar hinter den Unterschriften der Brasilianer, aber weit vor der Signatur des Dalai Lama.

Quelle: F.A.Z., 01.06.2006
Autorenporträt / Klemm, Thomas
Thomas Klemm
Sportredakteur.
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