Javier Marías im Interview

„Während einer WM ist die Welt sympathischer“

12.12.2005
, 11:09
Klinsmann ist ein „starker Mann”: Javier Marías
Der Schriftsteller Javier Marías ist einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren Spaniens. Im Interview spricht der Anhänger von Real Madrid über die deutschen Titelchancen bei der WM, die größten Spieler und das Drama des Fußballs.
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Der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller Javier Marías, geboren 1951 in Madrid, ist einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren Spaniens. Zuletzt auf deutsch erschienen ist bei Klett-Cotta der Roman „Dein Gesicht morgen: Fieber und Lanze“. Die gesammelten Fußballglossen des Anhängers von Real Madrid sind unter dem Titel „Alle unsere frühen Schlachten“ erschienen. Im Interview spricht Marías über die deutschen Titelchancen, die größten Spieler und das Drama des Fußballs.

Vor einigen Jahren beklagten Sie, der Fußball habe seine dramatische Qualität eingebüßt. Nach welcher Art Dramaturgie verlangt das vollkommene Fußballspiel?

Die Partie muß vor allem offen und umkämpft sein. Wenn eine Mannschaft heute ein Tor schießt - und vor allem, wenn es zwei sind -, entsteht oft der Eindruck, der Rückstand sei unaufholbar und die Sache damit beendet. Das letzte Endspiel der Champions League zwischen dem AC Mailand und dem FC Liverpool war der klassische Beweis des Gegenteils. Es kam uns ungewöhnlich vor, dabei geschah dergleichen früher ziemlich oft.

Trauen Sie irgendeiner Mannschaft bei der Weltmeisterschaft in Deutschland zu, den „perfekten Fußball“ zu spielen?

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Nein. Ich weiß auch nicht, wie dieser „perfekte“ Fußball aussehen könnte. Tatsächlich nimmt die Dramatik des Spiels ja zu, wenn Fehler oder unverhoffte Wendungen auftreten, wenn die Mannschaften Unglücksfälle, auch einfaches Pech überwinden müssen. Das Schöne am Fußball ist gerade, daß selbst der haushohe Favorit verlieren kann; daß das Spiel nicht dem „Recht des Stärkeren“ unterworfen ist; daß es Heldentaten und Überraschungen gibt, daß sich das Glücksrad jeden Moment drehen kann. Darin liegt die Schönheit des Fußballs.

Was halten Sie vom WM-Gastgeber Deutschland?

Ich habe das gegenwärtige deutsche Team nicht so oft spielen sehen. Vermutlich wird es, wie immer, schwer zu schlagen sein. Es heißt, gegen die Deutschen stehe ein Sieg erst nach neunzig Minuten fest, und im allgemeinen stimmt das. Sollte es sich nur um eine Mannschaft mit Kampfgeist und Willenskraft handeln, würde ihr Spiel Respekt einflößen, aber auch Langeweile verbreiten. Ich vertraue darauf, daß wir von ihr etwas mehr zu sehen bekommen: Niveau und Phantasie.

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Sie mögen die deutsche Nationalhymne. Trifft das auch auf den deutschen Fußball zu?

Das ist nicht dasselbe. Die Nationalhymne stammt von Haydn, und so nehmen wir sie wahr: herrliche, unantastbare Musik. Der deutsche Fußball, wie ich schon sagte, hat die große Tugend, sich nie geschlagen zu geben. Deutsche Mannschaften sind stolz und unbeugsam. Ihre Partien sind also zumindest kurzweilig. Mir fehlten jedoch etwas die Technik, die Improvisation. Und der Wille zum Risiko.

Mut zum Risiko hat der Bundestrainer seit seinem Amtsantritt im vergangenen Jahr bewiesen. Was wissen Sie über Jürgen Klinsmann?

Als Menschen kenne ich ihn kaum, meine mich aber zu erinnern, daß er politisch eher links stand - was es unter Fußballern nicht häufig gibt -, daß er Bücher las - was man unter Fußballern noch viel seltener antrifft - und daß er sich nicht konventionell verhielt. Als öffentliche Figur war er mir sympathisch. Von seiner Arbeit als Teamchef weiß ich wenig.

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Erinnern Sie sich an ihn als Spieler?

Ja, ein wirklich starker Mann. Guter Torjäger, mit viel Energie und Spielfreude. Gut am Ball und sehr phantasievoll.

Es heißt, Michael Ballack sei Deutschlands einziger Fußballspieler von Weltformat. Gerüchten zufolge könnte er bald für Real Madrid spielen. Ist Ballack wirklich einer der Größten?

Ich habe ihn nicht so oft spielen sehen. Soweit ich weiß, ist er ein sehr guter Spieler, aber keiner der ganz Großen. Käme er zu Real Madrid oder einer anderen spanischen oder italienischen Mannschaft, sähe man sein wahres Format. In Deutschland fehlt ihm zur Zeit wohl die Konkurrenz, und ich weiß nicht, ob er ein Siegertyp ist. Gelegentlich vermittelt er den Eindruck, auf dem Platz nicht ganz dazusein. Jedenfalls sehe ich in Ballack nicht die „Lösung“ für die Probleme von Real Madrid. Möglicherweise würde er nicht die alten Probleme beheben, sondern uns neue bescheren.

Sie haben einmal geschrieben: Wie man einen Schauspieler an seiner Haltung erkennt, so erkennt man auch einen Fußballspieler, ohne auf die Rückennummer achten zu müssen. Welchen Spieler erkennen Sie, ohne seine Rückennummer zu sehen?

Ziemlich viele. Bei Real Madrid natürlich Zidane, Raul und Guti. Bei Barcelona sind es Ronaldinho und wohl auch Messi, obwohl er erst wenig gespielt hat. Bei Manchester United ist es Ryan Giggs, bei Juventus Turin Pavel Nedved. Bei AS Rom ist es Francesco Totti. Und bei Bayern München erkenne ich allmählich Bastian Schweinsteiger.

Wie weit kann die deutsche Mannschaft bei der WM Ihrer Meinung nach kommen?

Zweifellos bis ins Halbfinale, mindestens. Mit der Unterstützung des Publikums, den genannten Kämpferqualitäten und einigen hervorragenden Spielern wie Ballack, Deisler und Schweinsteiger glaube ich auf keinen Fall, daß die Deutschen vorher ausscheiden. Sie könnten sogar das Turnier gewinnen, es wäre keine Überraschung.

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Wird Weltmeister Brasilien abermals unschlagbar sein?

Nein, ich glaube, die Brasilianer sind zu schlagen. Es ist nicht einfach, und natürlich sehe ich nur zwei Mannschaften, die dazu imstande wären, Italien und Deutschland. Argentinien, fürchte ich, wird es diesmal nicht können. Das schönste wäre, wenn Brasilien gegen mein Lieblingsteam dieser WM verlöre, Trinidad und Tobago. Es wird nicht passieren, aber ich hätte Spaß daran. Ich sehe Trinidad und Tobago qua geographischer Nähe als Mannschaft des Königreichs Redonda (einer unbewohnten karibischen Insel, nach der eine Künstlergesellschaft benannt ist, der Javier Marias als „König Xavier I.“ vorsteht - Anmerkung der Redaktion), und es gefällt mir, daß der beste Spieler, Dwight Yorke, schon fünfunddreißig Jahre alt ist.

Spanien hat eine der stärksten Fußball-Ligen der Welt. Warum erringt die spanische Nationalmannschaft bei großen Turnieren keine Erfolge?

Schwer zu sagen. Den meisten unserer Spieler fehlen wohl Ehrgeiz und Siegermentalität. Unsere Trainer waren im allgemeinen nicht sehr intelligent - Clemente und Camacho jedenfalls waren es nicht -, und das spanische Spiel hat eine gewisse Unschärfe. Diese führt zu Scheu. Und diese wiederum bringt eine gewisse Angst hervor. Keine gute Kombination, diese drei Dinge.

Was bedeutet Ihnen persönlich eine Weltmeisterschaft?

Einige Wochen beträchtlicher Lebensfreude. Nicht nur aufgrund der Möglichkeit, guten Fußball zu sehen (es gibt ja daneben immer sehr schlechte Spiele, und die wirklich guten kann man zählen), sondern auch, weil es mir Spaß macht, die Spieler verschiedenster Länder dabei zu beobachten, wie sie auf Herausforderungen reagieren. Welche Hoffnung sie erzeugen. Es ist wie eine riesige Theateraufführung, in der alle Arten von Schicksalsschlägen auftreten. Man ist bereit, sich alle Spiele anzusehen. Während einer Fußballweltmeisterschaft ist die Welt sympathischer.

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Der französische Literatur-Nobelpreisträger Albert Camus hat gesagt, das meiste, was er über die Moral des Menschen wisse, verdanke er dem Fußball. Was könnte er damit gemeint haben?

Das kann ich nicht wissen. Doch ich glaube, er sprach von etwas, das immer mehr aus dem Fußball verschwindet: daß es nicht allein ums Gewinnen geht, sondern darum, es mit Fairness und ohne falsche Tricks zu tun. Heute fordern Spieler für den Gegner die Gelbe Karte oder freuen sich schon über einen Elfmeter, bevor sie ihn verwandelt haben, oder bejubeln ihre Tore auf pöbelhafte, sogar beleidigende Weise. Oder sie simulieren Foulspiel, vor allem im Strafraum. Nichts von alledem hat mit Fairness zu tun. Darüber hinaus glaube ich, Camus bezog sich auf das Solidaritätsgefühl, das sich unter den Spielern einer Mannschaft herausbildet. Im Fußball sollte das alte Motto der drei Musketiere von Dumas gelten: „Alle für einen, einer für alle.“

Aus dem Spanischen von Paul Ingendaay.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.12.2005, Nr. 49 / Seite 27
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