Umstrittene Fußball-WM

DFB-Präsident will Rechte von LGBTIQ+ in Qatar ansprechen

Von Michael Horeni
17.08.2022
, 08:14
Bei der Fußball-EM 2024 in Deutschland eine der Spielstätten: die Münchner Fußball-Arena
Neue Position: Der Deutsche Fußball-Bund setzt sich für Geschlechtervielfalt ein. Präsident Bernd Neuendorf kommt vor der umstrittenen Fußball-WM in Qatar mit der LGBTIQ+-Community ins Gespräch.
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Die bunte Runde, die zu Wochenbeginn auf dem neuen Campus des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) in Frankfurt zusammengekommen ist, war auch für den mehr als 120 Jahre alten Verband etwas Neues. DFB-Präsident Bernd Neuendorf hatte verschiedene Vertreter und Vertreterinnen aus einem halben Dutzend Organisationen der LGBTIQ+-Community in Deutschland eingeladen, um mit ihnen zwei Stunden über die WM in Qatar zu sprechen. Über ihre Bedenken, Erwartungen und Forderungen.

Der Austausch diente dem Präsidenten und dem Verband zusammen mit dessen Botschafter für Vielfalt, Thomas Hitzlsperger, aber auch dazu, eine neue Positionierung des DFB im Umgang mit Geschlechtervielfalt und der Community deutlich zu machen. „Ich halte es für sehr wichtig, dass wir in den Dialog kommen und auch ihre Erwartungen mitaufnehmen“, sagte Neuendorf zur Begrüßung. Er sprach von der „umstrittensten WM“ und dem Umgang der Gastgeber mit Themen wie „Arbeitnehmerrechten, Frauenrechten, LGBTIQ+, Medien- und Pressefreiheit sowie anderen gesellschaftspolitischen Aspekten“. Der DFB sehe das kritisch und habe dies zuletzt durch entsprechende „Botschaften“ öffentlich deutlich gemacht.

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Bewegung im DFB

Neuendorf berichtet gegenüber den verschiedenen Interessengruppen der LGBTIQ+-Szene über die Bewegung, die der DFB in der jüngsten Vergangenheit in diese für ihn neue Richtung gemacht habe. Neben der öffentlichen Kritik an Qatar habe man auch „Sichtbarkeit“ in diesen Fragen erzeugt. Der DFB hatte im vergangenen Monat mit einem Doppeldeckerbus beim Christopher Street Day in Frankfurt teilgenommen. Im Sinne eines gemeinsamen Bekenntnisses zu einer freien und vielfältigen Gesellschaft, wie der Verband erklärte.

Außerdem will es Neuendorf als Erfolg verstanden wissen, dass der DFB zuletzt eine neue Regelung zum Spielrecht für „Trans*-, Inter*- und nichtbinäre Personen“ verabschiedet hat, die mit dieser Spielzeit 2022/23 in Kraft tritt und für den Amateurfußball in die DFB-Spielordnung und Jugendordnung aufgenommen worden ist.

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Andere Sportverbände, wie etwa der Internationale Schwimm-Verband (FINA), haben auf diese Herausforderung andere Antworten gefunden. Wer als Transfrau dort künftig in der Frauenklasse starten will, muss sich bis zum zwölften Lebensjahr oder mit Eintritt in die Pubertät schon einer Hormontherapie unterzogen haben. Damit will der Schwimmverband gewährleisten, dass Transgender-Athletinnen im Erwachsenenalter keinen unfairen Vorteil bei Frauenwettkämpfen haben. Falls sie diese Kriterien nicht nachweisen können, ist bei internationalen Wettbewerben ein Start nicht möglich.

Neuendorf bezeichnet den DFB-Präsidiumsbeschluss zur Veränderung der Fußball-Spielordnung als „Liberalisierung des Spielbetriebs“. Es sei ein ganz „wichtiger Punkt für trans- und intergeschlechtliche Personen“, dass der Verband für sie die Möglichkeit geschaffen habe, „dass sie die Mannschaft, in der sie gerne spielen würden, frei wählen können“. Neuendorf kündigte zudem an, mit Innenministerin Nancy Faeser (SPD) vor der WM nach Qatar zu reisen, um bei verschiedenen Terminen auch über jene Themen zu sprechen, die an diesem Tag beim DFB mit der LGBTIQ+-Community besprochen würden. Er wolle „die eine oder andere Botschaft“ dorthin mitnehmen.

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Zur Wahrheit gehöre aber auch, sagte Hitzlsperger, dass man nicht jeden Wunsch mit Blick auf die WM umsetzen könne. Der DFB entwickele sich „aber in eine sehr gute Richtung“.

Community rät von einer Reise nach Qatar ab

Die Vertreter und Vertreterinnen der Community hielten im Haus des DFB mit Kritik an der WM nicht hinter dem Berg. Die Kritik richtet sich vor allem auf die Situation für Frauen und die LGBTIQ+-Community im Ausrichterland. In Qatar kann Homosexualität mit dem Tode bestraft werden. Nicht zuletzt wurden Bedenken wegen mangelnder Sicherheit in diesem Zusammenhang geäußert, aber auch speziell gegenüber weiblichen Fans und Arbeitnehmerinnen in den verschiedensten Bereichen (Medien, Teams, Organisation) rund um die WM.

Der Ankündigung der WM-Macher, wonach jeder in Qatar willkommen sei, schenkt die Community keinen Glauben. „Wir können niemand aus unseren Reihen empfehlen, nach Qatar zu reisen. Es gibt zu viele offene Fragen“, sagte Sven Kistner, Vertreter von Queer Football Fanclubs.

Zu den Fragen gehören für die Vertreter und Vertreterinnen der Szene ungeklärte Aspekte wie: Dürfen Frauen mit T-Shirt und kurzer Hose bei 30 Grad Celsius ins Stadion? Dürfen sie allein unterwegs sein? Braucht man eine männliche Begleitung wegen der dort gesetzlich verankerten männlichen Vormundschaft? Sollen unverheiratete Frauen zur Sicherheit einen Ehering tragen? Solange keine zufriedenstellenden Antworten gegeben würden, rät Annabell Kolbe von F_in (Netzwerk Frauen im Fußball) allen weiblichen Fans von einer Reise ab – obwohl sie wisse, dass es für zahlreiche Fans ein Highlight in ihrem Fanleben sein könnte.

Quelle: F.A.Z.
Michael Horeni - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Horeni
Fußballkorrespondent Europa in Berlin.
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