Lionel Messi

Der kleine Diktator

Von Tobias Käufer
01.07.2014
, 16:40
Der Kapitän mit der zehn: kein Anderer soll neben Messi blühen
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Fußballstar Lionel Messi wirkt so bescheiden, doch er ist ein gnadenloser Machtmensch. Er nutzt seine Ausnahmestellung beim FC Barcelona - und nun auch in Argentiniens Nationalteam.
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Das jüngste Opfer schwingt derzeit demonstrativ vergnügt den Golfschläger: Bei den „Fuerte Apache Open“ ist Carlos Tevez unter Freunden. Die hat er in der argentinischen Fußball-Nationalmannschaft schon lange nicht mehr, und deshalb ist „Carlitos“ bei der WM in Brasilien außen vor statt mittendrin. Dass der charismatische Offensivspieler bei Nationaltrainer Alejandro Sabella in Ungnade gefallen ist, hat einen Grund: Und der heißt Lionel Messi. Der Superstar des FC Barcelona kam mit der „Aura“ des ebenso umstrittenen wie bei den Fans beliebten Kickers von Juventus Turin nicht zurecht, heißt es in Argentinien. Also reagierte Sabella und entfernte den Störenfried aus dem Blickfeld des viermaligen Weltfußballers. Seitdem Messi frei atmen kann und niemand mehr da ist, der ihn bei seinen Gastspielen im Dress der „Albiceleste“ mit seiner Anwesenheit stört, spielt der Kicker aus Rosario frei auf. Endlich glänzt Messi auch im argentinischen Nationaltrikot, das jahrelang wie eine Bleiweste auf seinen schmächtigen Schultern zu liegen schien.

Lionel Messi und die „Selección“ - das war bis zur WM keine Erfolgsgeschichte in seiner ansonsten an Titeln und Auszeichnungen doch so reichen Karriere. Es hat sogar eine Zeit gegeben, da forderten die Kommentatoren des argentinischen Fernsehens tatsächlich, man solle es doch mal ohne Messi versuchen. Ohne Messi! Das war nach der Copa América 2011, bei der Argentinien im eigenen Land trotz Bestbesetzung im Viertelfinale in Uruguay scheiterte. Anschließend stellte Messi intern dem neuen Trainer Sabella die Systemfrage, die sich verkürzt auf diesen Nenner bringen ließ: Er oder ich. Sabella entschied sich für Messi und gegen Tevez, und nun will man die Früchte dieser Personalentscheidung ernten. So ist zumindest der Plan.

Bei der WM in Brasilien spielt die Auswahl des zweimaligen Weltmeisters so, wie es Messi will und nicht der Trainer, der ob dieser Schwäche auch mal einen demütigenden Wasserspritzer von Ezequiel Lavezzi ertragen muss. „Messi ist so groß, dass er immer überraschen kann“, sagt Sabella vor der Weltpresse. Über den Rest der Mannschaft spricht Sabella weniger begeistert. Bislang ging der Tanz auf dem Drahtseil gut: Messi funktioniert, er erzielte vier Treffer und sicherte so seiner Mannschaft und dem Trainer die Qualifikation für das Achtelfinale, wo nun am Dienstag Außenseiter Schweiz wartet.

Wenn er mal in Fahrt kommt, ist Lionel Messi kaum einzufangen
Wenn er mal in Fahrt kommt, ist Lionel Messi kaum einzufangen Bild: AFP

Johan Cruyff hat seine eigene Meinung vom viermaligen Weltfußballer: Messi verkaufen, schimpfte der Holländer lauthals, als bekannt wurde, dass Brasiliens Jungstar Neymar nach Barcelona wechseln würde. Der Holländer, so etwas wie das Gewissen der Katalanen, listete einmal die Opfer auf, die Messi während seiner Zeit beim FC Barcelona forderte: Bojan Krkic, Samuel Eto’o, Zlatan Ibrahimovic und David Villa. Jede Geschichte ist individuell, und doch haben sie alle den gleichen Ausgang: Neben Lionel Messi ist kein Platz für eine zweite, charismatische Figur im Angriffsspiel des FC Barcelona. „Es kommt drauf an, wie man das sehen will, ich komme zu dem Schluss, dass er ein Diktator ist“, lautete das wenig schmeichelhafte Urteil des Holländers. Seine Lösung: Entweder nur Messi oder weg mit Messi. Neben ihm kann es keinen anderen geben. Cruyffs Prophezeiung sollte sich erfüllen. Die Verpflichtung des brasilianischen Jungstars befreite das ganz langsam in einen Abwärtsstrudel abgleitende Barça ebenso wenig aus der Negativspirale wie die Entscheidung für den argentinischen Trainer Gerardo „Tata“ Martino, den die Klubführung Messi zu Liebe verpflichtete und der am Ende dieser Saison entgeistert feststellte: „Ich bin überfordert.“

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Martino stammt wie Messi aus Rosario. Dort erlebte Diego Maradona einst seine ganz persönliche Messi-Lektion. In der Stadt unweit von Buenos Aires hatte Maradona alles anrichten lassen für den kleinen Argentinier, den einzigen, der in dieser großen weiten Fußballwelt so hell strahlt, wie Maradona selbst. Der Gegner damals: Brasilien. „Leo hat sich das gewünscht“, sagte Nationaltrainer Maradona später über die in Argentinien umstrittene Entscheidung, die brisante Partie nicht wie üblich im Stadion von River Plate in der Hauptstadt auszutragen. Dort herrscht in der Regel eine für den Gegner besonders unangenehme aggressive Stimmung. Das Experiment schlug fehl, Brasilien demontierte im September 2009 im Rahmen der WM-Qualifikation Messis Argentinier in dessen Heimatstadt mit 3:1. Fast wären die Argentinier damals in der Qualifikation sogar hängengeblieben. Da dämmerte es auch Maradona, dass nicht alles, was Messi will, auch gut für ihn ist. Das Ende vom Lied ist bekannt: Argentinien und Maradona scheiterten im Viertelfinale der WM in Südafrika an Deutschland - nach einer Lehrstunde in modernem Fußball. Maradonas Trainerlaufbahn war Geschichte. Sein Nachfolger Sergio Batista scheiterte nur ein Jahr später bei der Copa América - an Messi und sich selbst.

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Messi bleibt der unangefochtene König

„Ich bin kein Diktator. Meine Mitspieler wissen am besten, wie ich wirklich bin“, pflegt Messi zu antworten, wenn sich die Diskussion wieder einmal um den Machtanspruch des Argentiniers in seinem Fußballreich zwischen Barcelona und Buenos Aires dreht. Das hindert ihn aber nicht daran, auch die eigene Klubführung vorzuführen, wenn es denn notwendig erscheint. Barça-Präsident Josep Maria Bartomeu, der nach dem Skandal um die Neymar-Ablösesumme Vorgänger Sandro Rossell ablöste, war gleich zu Beginn seiner Amtszeit in großer Sorge. Denn das bis dato beste Pferd im Stall war zuletzt bockig geworden. Im Viertelfinalspiel der Champions League gegen Atlético Madrid lief Messi nicht einmal sieben Kilometer. Offenbar lastete etwas auf der Seele des kleinen Argentiniers, der einfach nicht mehr so glänzen wollte wie früher. Vielleicht war es die Vertragsverlängerung von Cristiano Ronaldo bei Real Madrid, die den Rivalen kurzfristig zum bestbezahlten Kicker der Welt aufsteigen ließ. Bartomeu spürte die Signale des kleinen Herrschers und reagierte großzügig. Der katalanische Spitzenklub verkündete die Vertragsverlängerung und stieß damit in neue Dimensionen vor. In den nächsten vier Jahren kassiert der vor wenigen Tagen 27 Jahre alt gewordene Stürmer nun 24 Millionen Euro pro Saison. Damit ist die Machtbasis für die nächsten vier Jahre abgesichert, egal wie diese WM ausgehen wird. Und Messi bleibt der unangefochtene König.

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Quelle: F.A.S.
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