Belgien als WM-Favorit

Voetbal totaal? Football total!

Von Peter Penders, Moskau
02.07.2018
, 17:40
Belgien könnte in diesem Jahr endlich das gelingen, was viele Experten schon seit längerem erwarten: der Durchbruch in die absolute Weltspitze. Besonders im Fokus steht dabei ein ehemaliger Bundesliga-Spieler.

Den Fans von Werder Bremen und des VfL Wolfsburg werden in diesen Tagen die Herzen schmerzen und die Augen tränen – nämlich immer dann, wenn die belgische Nationalmannschaft spielt. Dieser Blondschopf da hat tatsächlich mal für Werder (2012–2013) und den VfL (2014–2015) gespielt. Wenn man Kevin de Bruyne nun so zusieht, müssten sie beim FC Bayern darüber nachdenken, ob es wirklich der größte Transferfehler der vergangenen Jahre gewesen ist, Toni Kroos nach Real Madrid ziehen zu lassen, wie gerne behauptet wird.

Fussball-WM 2018

War es vielleicht nicht noch viel schlimmer, diesen belgischen Supermann nicht nach München geholt zu haben, als er für einen Bundesligaverein – also zumindest die Bayern – noch erschwinglich gewesen wäre? Diese Chance ist vorbei, und es ist durchaus möglich, dass sich de Bruyne nach dieser WM in der Preisklasse von Neymar bewegen wird, falls jemand tatsächlich wagen sollte, beim englischen Meister Manchester City vorzusprechen. Vor allem, falls die belgische Mannschaft endlich wahrmacht, was viele Experten schon seit längerem von ihr erwarten – den Durchbruch in die absolute Weltspitze.

2014 in Brasilien und vor allem 2016 bei der Europameisterschaft wurde Belgien als Geheimtipp hoch gehandelt und scheiterte in der K.-o.-Phase. Die ist diesmal wieder erreicht, auf äußerst souveräne Art und Weise. Drei Spiele, drei Siege, 9:2 Tore – keine Mannschaft schoss mehr Tore.

Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

Japan, der Gegner an diesem Montag (20.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und im ZDF), sollte das wissen. Allerdings hat sich in der Vergangenheit manche Mannschaft, die bemerkenswert leicht durch die Vorrunde rauschte, danach schwergetan. Nur Frankreich (1998) und Brasilien (2002) wurden seit der Einführung des Achtelfinales bei der WM 1986 nach drei Vorrundensiegen auch Weltmeister. Wer zu früh zu gut spielt, konnte oft nicht mehr zulegen, wenn es in die K.-o.-Phase ging. Sieben der Gruppensieger mit weißer Weste scheiterten im Achtelfinale, drei im Viertelfinale.

Weiter als bis zum nächsten Spiel schauen die Belgier aber natürlich nicht – zumindest nicht offiziell. Doch dass nach einem Erfolg über Japan ein Treffen mit Brasilien folgen könnte, weiß jeder. Im letzten Gruppenspiel gegen die ebenfalls mit zwei Siegen gestarteten Engländer schonten Belgier und Briten eine ganze Reihe ihrer Stars. Den Wettkampf, wer das mögliche Duell mit Brasilien vermeiden könnte, gewannen die Engländer, das Spiel gewann Belgien. „In der K.-o.-Phase ist alles möglich“, sagte Trainer Roberto Martinez danach. Also auch ein Sieg gegen Brasilien.

Martinez ist einer der Hauptgründe, warum Belgien in diesem Jahr längst nicht mehr als nur hoch gehandelter Außenseiter daherkommt. Sie sind ein ernsthafter Herausforderer auf den Titel. „Wir haben taktisch eine große Entwicklung hinter uns“, sagt Torwart Thibaut Courtois vom FC Chelsea. Der Spanier Martinez macht keinen Hehl daraus, dass ihn die Ideen von Johan Cruyff sehr inspiriert haben. Mit seiner Vorstellung vom „Voetbal totaal“ hatte Cruyff einst den niederländischen Fußball und später auch die Philosophie des FC Barcelona geprägt.

Wenn die Niederländer nun den Fußball sehen wollen, den sie früher selbst spielen konnten, müssen sie ausgerechnet zum einst belächelten Nachbarn schauen. Belgien kann mit einem äußerst gepflegten und temporeichen Offensivspiel begeistern, neigt aber vor allem gegen schwächer eingeschätzte Gegner dazu, die Defensive arg zu vernachlässigen und geradezu lässig anzugehen. Da der Angriff, angetrieben von de Bruyne und Eden Hazard (FC Chelsea), genügend Tore produziert und mit Romelu Lukaku (Manchester United) ein Stoßstürmer wie aus dem Bilderbuch vorangeht, sind die gelegentlichen Aussetzer in der Abwehr in der Regel verschmerzbar.

Quelle: F.A.S.
Peter Penders - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Penders
Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.
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