Wayne Rooney

Ein Mann spaltet England

Von Michael Ashelm, Rio de Janeiro
19.06.2014
, 13:27
Ein Mann von gestern oder immer noch gut genug für Englands Fußball-Zukunft?
Er war mal das größte Versprechen im Fußball seines Landes, aber jetzt scheint der bullige Angreifer eine Last zu werden. Aufregende Talente drängen ihn ins Abseits.

Das englische Trainingscamp ist ein Traum. Es liegt direkt unter dem legendären Zuckerhut, an einer der malerischen Buchten Rios. Palmen säumen den Spielfeldrand, vom Meer weht eine angenehm frische Brise. Es herrscht seltene Ruhe wie in einem Naturpark - und das mitten in der lauten Millionen-Metropole. Die Insel-Kicker haben sich in Urca auf einer Basis der brasilianischen Marine einquartiert, einem Landzipfel zwischen den Stadtteilen Copacabana und Flamengo.

Die Spieler folgen den ersten Anweisungen der Fitnesstrainer, auf dem Platz wird engagiert gearbeitet. Aber die entspannte Atmosphäre trügt, denn beim englischen Team herrscht wieder der Ausnahmezustand, nachdem das erste WM-Spiel gegen Italien verlorenging. Doch nicht nur das: Wie mit Superstar Wayne Rooney umgegangen werden soll, hat sich zu einer Frage von nationaler Bedeutung ausgeweitet. Der 28-Jährige mit der kernigen Working-Class-Hero-Attitüde konnte die Erwartungen bei der missglückten Premiere noch nicht erfüllen.

Rooney steht auf der Kippe

Die Kameras der britischen TV-Sender sind am Rand des Feldes auf den bulligen Angreifer gerichtet. Die ersten fünfzehn Minuten dürfen die Medien vom Training berichten. Es herrscht Hektik. Es wird versucht, die Mimik, jede Bewegung, das Verhalten des Stars zu interpretieren. Dann versenden die Fernsehleute ihre Stücke über die riesigen Satellitenschüsseln auf den Übertragungswagen, die überall stehen, für die Nachrichtensendungen am Nachmittag in die Heimat. Und es ist in den Berichten fast immer der gleiche Tenor: Rooney steht auf der Kippe.

Aber kann England überhaupt ohne seinen erfahrensten Offensivmann spielen? Und hat England ohne Rooney noch eine Chance in diesem Turnier? Es hat dem wuchtigen Stürmer in der öffentlichen Betrachtung nicht mal geholfen, dass er zum WM-Auftakt gegen Italien bei der Hitzeschlacht von Manaus eine famose Flanke auf Daniel Sturridge schlug, die zum zwischenzeitlichen Ausgleich führte. Über weite Strecken des Spiels fiel er allerdings gegen die anderen Kollegen ab und konnte auf der für ihn ungewohnten linken Offensivseite, wo er eingesetzt worden war, wenige Impulse setzen. Als Mitläufer steht der mit einem Wochenlohn von 300 000 Pfund teuerste Spieler der englischen Premier League plötzlich zur Disposition - und fühlt sich in die Defensive gedrängt.

Rooney müht sich und reiht sich vergleichsweise brav ein
Rooney müht sich und reiht sich vergleichsweise brav ein Bild: dpa

„Warum sollte mein Platz garantiert sein?“

Er geht mit der Problematik offen um und stellt sich den unangenehmen Fragen, was ihm wiederum Respekt einbringt. Die Kritik in wichtigen englischen Medien, dass ihn nur noch sein großer Name in die Startelf von Trainer Roy Hodgson bringt, konterte er vor dem entscheidenden Spiel gegen Uruguay: „Ich arbeite hart und bekomme nichts geschenkt. Ich möchte spielen. Aber warum sollte mein Platz im Team garantiert sein?“, sagte Rooney. Er will kämpfen. Beim zweiten WM-Spiel in São Paulo geht es für die Engländer schon wieder um alles oder nichts.

Auf dem Trainingsplatz gehört Rooney an diesem Mittag bei den ersten Spielformen der Gruppe um Chelsea-Altmeister Frank Lampard an. Der zählt schon nicht mehr zur ersten Elf und sitzt auf der Bank. Aber das muss nichts für Rooney bedeuten. Hodgson verteidigt ihn noch. Aber alle wissen hier auch, dass der Trainer eigentlich auf die jungen, aufstrebenden Kräfte setzt, die derzeit in England in aller Munde sind. In der Offensive sind das Sturridge, Raheem Sterling und Danny Welbeck, die in der Partie gegen Italien auch zusammen eine überzeugende Rolle gespielt haben. Alle sind um die zwanzig Jahre alt, erfolgshungrig, angriffslustig und auch mannschaftstaktisch einigermaßen diszipliniert. Eine Variante fürs Uruguay-Spiel könnte sein, dass Rooney Außenangreifer Alex Oxlade-Chamberlain weichen muss, der zum WM-Start noch an einer Verletzung laboriert hatte. Aber wird der Trainer das riskieren? „Hodgson würde geköpft, wenn das dann in die Hose ginge“, sagt BBC-Mann Ian Chistopher Dennis und schüttelt den Kopf.

Auch einer wie der junge Kollege Raheem Sterling macht Rooney das Leben schwerer
Auch einer wie der junge Kollege Raheem Sterling macht Rooney das Leben schwerer Bild: dpa

Wie es der Trainer auch macht, im Fall des Misserfolgs wäre jede Entscheidung falsch gewesen. Möglicherweise hält Hodgson also noch mal an Rooney fest, aber bringt ihn hinter der Sturmspitze Sturridge auf der gewohnten zentralen Position in der Offensive, setzt Sterling (rechts) und Welbeck (links) auf die Außen und verzichtet noch mal auf Oxlade-Chamberlain. Den Einsatz Rooneys in der Offensivzentrale, wo er seine körperlichen Stärken gegen die Abwehr mehr ausspielen könnte, fordern seine ehemaligen Kollegen Rio Ferdinand und Paul Scholes in Kommentaren aus der Heimat.

José Mourinho als Fürsprecher

Auch Chelsea-Trainer José Mourinho, der zuletzt bei Manchester United um Rooney buhlte, meldete sich zu Wort und forderte die Umbesetzung des Angreifers auf die angestammte Position. Ein Sieg der Engländer und eine gute Leistung des Superstars gegen Uruguay - Rooney wäre wieder ein Held auf der Insel. Und Hodgson hätte vorerst wieder Ruhe.

Auf einem der Werbeplakate des Autosponsors, das im Trainingsquartier der Engländer aufgestellt ist, gibt sich Rooney in starker Pose. Das Bild wurde vor der Weltmeisterschaft aufgenommen. Er steht da mit verschränkten Armen und einem Terrier-Blick, der jedem Gegner Furcht einflößen müsste. Jetzt kämpft Rooney um sein Selbstbewusstsein. Die großen Momente hatten bei diesem Turnier bisher andere große Spieler: Neymar, Benzema, Messi oder der Deutsche Thomas Müller. Mit der englischen Nationalmannschaft verbindet Rooney schon seit mehr als zehn Jahren eine Geschichte der Leiden - mit einer skurrilen Serie von Rückschlägen. Mit 17 Jahren war er einst der bis dahin jüngste englische Nationalspieler und sollte mit der Generation Beckham und Co. England eigentlich wieder nach 1966 zu einem großen Titel verhelfen. Rooney stand für diesen Traum. Solch ein Talent hatte es seit langer Zeit auf der Insel nicht mehr gegeben. Bei der Europameisterschaft 2004 in Portugal wurde Rooney zum jüngsten EM-Torschützen, ihm brach dann im Viertelfinalspiel gegen Portugal der Mittelfuß; und England schied im Elfmeterschießen aus.

Bei der WM in Deutschland 2006 ging er mit der gleichen Verletzung ins Turnier und wurde im Viertelfinale gegen den späteren Halbfinalteilnehmer Portugal nach einem Foul an Ricardo Carvalho mit Rot vom Platz gestellt. Rooney wieder am Boden. Vier Jahre später in Südafrika blieb er ebenfalls unter seinen Möglichkeiten, erzielte kein einziges Tor und schied mit den Engländern schon im Achtelfinale gegen die Deutschen aus. Bei der EM 2012 war Rooney wegen einer Roten Karte im letzten Qualifikationsspiel für die ersten beiden Gruppenspiele gesperrt. Gegen Italien scheiterte das Team dann im Viertelfinale nach Elfmeterschießen - der englische Klassiker.

Er wirkt müde und ausgebrannt

Für Rooney drängt die Zeit. Auch diese Saison bei Manchester United lief nicht gut für ihn. Er wirkte müde und ausgebrannt. Und es sieht schon jetzt danach aus, dass er sich sehr wahrscheinlich in die Ahnengalerie des englischen Fußballs einreihen wird mit großen Namen wie Shilton, Adams, Lineker, Shearer, Owen, Beckham oder Terry, die allesamt nie einen Titel mit der Nationalmannschaft gewinnen konnten und für die sich der englische WM-Triumph von 1966 als zu große Bürde darstellte.

Von dieser historischen Dimension ist im Quartier der Engländer allerdings derzeit noch nichts zu spüren. Solange nicht das Ende in diesem Turnier feststeht, zeigt sich auch Rooney als guter Geist in einer Mannschaft, deren Spieler kooperativen Umgang miteinander pflegen sollen. „Ich habe hier mit den Jungs viel Spaß“, sagte der Angreifer. Nicht nur er, sondern ganz Fußball-England hofft darauf, dass Rooney mit seiner alten Wucht noch mal die Wende erzwingen kann.

England São Paulo Do., 19.6. 21 Uhr
Quelle: F.A.Z.
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